Es war ein sonniger Tag, der nur von ein paar hohen Schleierwolken getrübt wurde. Die Sonne knallte auf das große Sonnensegel, das Lucys Kopf überspannte. Trotzdem hatten die Frauen sich in die schweren Ponchos gehüllt, und alle paar Minuten schauten sie zum Himmel empor. Sie hatten die Sorge, dass Regen noch mehr von dem Staub in der Atmosphäre auswaschen würde, das toxische und mitunter radioaktive Zeug, bei dem es sich einst um Felder, Städte und Menschen gehandelt hatte und das sich nun wie eine dünne graue Decke um den Planeten wickelte.
Und wie immer redete Joan Useb wie ein Wasserfall.
»… Ich hatte immer schon ein Faible für die Briten, weißt du. Gott hab sie selig. In ihren besten Zeiten haben sie sich natürlich manchmal danebenbenommen. Aber die Menschen hatten sich generell an den Galapagos-Inseln versündigt. Verrückte norwegische Bauern, ecuadorianische Gefangenenlager, und alle rotteten die wilden Tiere nach besten Kräften aus. Selbst die Amerikaner benutzten die Inseln als Bombenabwurfgelände. Doch die Briten taten den Galapagos-Inseln nicht mehr an, als Darwin für fünf Wochen hinzuschicken und mit der Evolutionstheorie wieder abzuholen…«
Lucy stellte die Ohren auf Durchzug; diese wahllosen Reflexionen über eine Welt, die sie nie kennen gelernt hatte, bedeuteten ihr nichts.
Fregattvögel zogen am Himmel ihre Kreise und folgten dem Boot, wie sie den Fischkuttern und Ausflugsdampfern gefolgt waren, als die noch das Wasser durchpflügten. Es waren große schlanke, schwarz gefiederte Vögel, die für Lucy eine frappierende Ähnlichkeit hatten mit den Pterosauriern in den Lehrbüchern und auf den verblassenden Computer-Ausdrucken ihrer Mutter. Im Wasser glaubte sie einen Seelöwen zu erkennen, der vielleicht vom Summen des elektrischen Bootsmotors angelockt wurde. Aber diese drolligen Tiere waren mittlerweile selten, denn sie wurden von den Schadstoffen vergiftet, die noch immer in den Meeren zirkulierten.
Die Galapagos-Inseln waren eine Gruppe von Vulkankegeln, die vor ein paar Millionen Jahren hier am Äquator, tausend Kilometer westlich von Südamerika, über die Wasseroberfläche sich erhoben hatten. Ein paar von ihnen waren nicht mehr als eine Aufhäufung vulkanischer Felsbrocken. Andere hatten jedoch eine eigene geologische Evolution durchgemacht. Auf der Bartholomäusinsel zum Beispiel waren die weichen äußeren Schichten der älteren Kegel abgetragen worden, und die robusten Stotzen hatten sich blutrot gefärbt, als das in ihnen enthaltene Eisen gerostet war. Später waren diese älteren Formationen jedoch wieder von Lava umströmt worden, die zu Feldern, Röhren und Kegeln erstarrt war – wie ein grauschwarzes Mond-Meer, das um die Füße der alten Monumente schwappte.
Und es gab Leben hier auf diesen neuen, halbfertigen Inseln: Natürlich war es aber nur ein schwacher Abglanz des Lebens, das einst zum berühmtesten auf der ganzen Welt gezählt hatte.
Sie sah einen hageren Vogel auf einem schmalen Felsvorsprung stehen. Es war ein flugunfähiger Kormoran: ein struppiges schwarzes Geschöpf mit nutzlosen Stummel-Flügeln und einem öligen Gefieder. Es stand da allein auf dem vulkanischen Felsen und schaute ruhig aufs Meer hinaus, als ob es auf etwas wartete. Vor Räubern musste der Vogel sich hier nicht fürchten.
»… Echt hässlich«, murmelte Joan. »Diese Inseln, die Vögel und anderen Tiere. Wunderbar, gewiss, aber auch hässlich… Inseln sind seit jeher große Laboratorien der Evolution gewesen. Die Isolation. Die Leere, nur von einer Handvoll Spezies besiedelt, die übers Meer oder durch die Luft hierher kamen und dann all die leeren Nischen besetzt haben. Wie dieser Kormoran. So weit kommt man anscheinend in drei Millionen Jahren: Man bleibt auf halber Strecke zwischen einem Pelikan und einem Pinguin stehen. Gib ihm aber noch ein paar Millionen Jahre, und diese nutzlosen Flügel werden sich in richtige Flossen verwandelt haben und die Federn in Schuppen. Ich frage mich, wie er dann wohl aussehen würde? Kein Wunder, dass Darwin hier die Augen geöffnet wurden. Man kann der Selektion förmlich bei der Arbeit zuschauen.«
»Mutter…«
»Das weißt du natürlich alles schon.« Sie verzog das maskenhafte Gesicht. »Weißt du, es ist das Schicksal der Alten, so zu werden wie ihre eigenen Eltern. Genauso hat meine Mutter nämlich zu mir gesprochen. Es gab kein Gespräch, das ihr nicht zu einem Vortrag geraten wäre…«
Sie legten an einem flachen Strand an. Das Boot grub sich mit dem Kiel in den Sand, und Lucy sprang heraus. Die in Sandalen steckenden Füße knirschten im grobkörnigen schwarzen Sand. Sie drehte sich um und half ihrer Mutter, und dann machten die beiden das Boot richtig fest und luden schnell die Ausrüstung aus.
Während Joan die Fallen aufstellte, nahm Lucy zwei HypoFlinten und ging am Strand Streife.
Der Strand war ein unheimlicher Ort. Der schwarze Lava-Sand war mit genauso schwarzen Felsbrocken übersät. Selbst das Meer wirkte durch den dunklen Seeboden schwarz wie von einer Ölpest gezeichnet. In der Ferne machte sie Mangrovenbäume aus, die das Salzwasser zu nutzen vermochten. Sie waren ein grüner Tupfer auf dem schwarzen und roten Gestein.
Und Meeresleguane hatten sich hier wie dicke meterlange Skulpturen niedergelassen. Sie waren schwarz und so starr, dass man sie erst auf den zweiten Blick als Lebewesen identifizierte und nicht etwa als seltsame Lava-Formationen. Die Vorfahren der Leguane waren Festland-Bewohner und Baumkletterer gewesen und nach einer Überfahrt mit Schildkröten hier in Darwins Labor gestrandet. Sie stellten sich allmählich auf Algen als Nahrung um, die sie aus dem Meerwasser siebten. Das überschüssige Salzwasser spien sie aus – die Luft war von den Blasgeräuschen erfüllt, und Wasserstrahlen aus den Mäulern glitzerten im Sonnenlicht –, den restlichen Mageninhalt mussten sie von der Sonne aushärten lassen.
Lucy hielt die Flinte griffbereit. Falls wilde Kinder in der Nähe waren, musste sie auf der Hut sein.
Während der Auseinandersetzungen um die Plätze auf den letzten Schiffen zurück zum Festland hatten verzweifelte Eltern ihre Kinder hier ausgesetzt. Die Schwächsten waren bald gestorben, und ihre Knochen bleichten auf den Stränden und Felsen, wie die Knochen von Seelöwen, Leguanen und Albatrossen. Ein paar Kinder hatten jedoch überlebt. Überhaupt war die Bezeichnung ›Kinder‹ falsch gewählt, denn sie waren schon so lang hier, dass sie eine neue Generation hervorgebracht hatten: Kinder, die noch schlechter sprachen und unkultivierter waren als ihre Eltern. Sie waren wilde Kinder, ohne Werkzeug und nur mit einer rudimentären Sprache – und doch waren sie Menschen, die man zu zivilisieren und zu erziehen vermochte.
Und die einem auch ein Stück Fleisch aus dem Bein zu reißen vermochten.
Joans Fallen waren einfach: nicht viel mehr als getarnte Netze und Schlingen, die mit Ködern aus würzig riechender Nahrung versehen waren. Nachdem Joan sie ausgelegt hatte, gingen sie und Lucy im Schatten eines Felsens aus Tuff – bröselnder, schnell verwitternder Lava – in Deckung und warteten auf die wilden Kinder.
Seit Rabaul führten Joan und ihre Tochter ein Leben voller Entbehrungen, doch auch alle anderen hatten es nun schwer auf dem Planeten. Obwohl ihr ehrgeiziges Projekt zunichte gemacht worden war, hatte Joan die Arbeit fortgeführt. Mit der kleinen Lucy am Rockzipfel hatte sie sich hierher auf die Galapagos-Inseln zurückgezogen.
Paradoxerweise hatten diese zerbrechlichen Inseln die große globale Katastrophe relativ unbeschadet überstanden. Einst hatten hier siebzehntausend Menschen gelebt, hauptsächlich Emigranten aus Ecuador. Vor Rabaul hatte es ständig Konflikte zwischen den Bedürfnissen dieser wachsenden Population und der einmaligen Tierwelt gegeben, die unter dem Schutz der ecuadorianischen Nationalpark-Verwaltung stand. Als nach Rabaul die öffentliche Ordnung sich auflöste und als die Schiffe nicht mehr kamen, war der größte Teil dieser Population zurück aufs Festland geflohen.
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