Doch diese Kreaturen hatten eine neuartige Strategie angewandt: die ultimative Tarnung. Die Umstellung hatte Dutzende Jahrmillionen gedauert.
Unsichtbarkeit – oder zumindest Transparenz – war eine Strategie, die in früheren Zeiten schon manche Fische angewandt hatten. Es handelte sich um einen transparenten Ersatz für die meisten körpereigenen Biochemikalien. So musste zum Beispiel ein Ersatz für Hämoglobin gefunden werden, den roten Blutfarbstoff, der den lebenswichtigen Sauerstoff durch den Körper transportierte.
Natürlich gelang es keinem Landbewohner, sich wirklich unsichtbar zu machen. Selbst in diesen trockenen Zeiten waren die Tiere im Grunde genommen Wasserbeutel. Wären sie von Wasser umgeben gewesen – wie diese lang ausgestorbenen Fische –, hätten sie allerdings einen Zustand annähernder Unsichtbarkeit zu erreichen vermocht. Das Licht bewegte sich jedoch verschieden durch Luft und Wasser; an der Luft hatten die Endzeit-›Unsichtbaren‹ Ähnlichkeit mit großen Wassersäcken, die auf dem Boden lagen.
Trotzdem funktionierte es ganz gut. Solang man sich ruhig verhielt, war man kaum wahrzunehmen – höchstens als ein dunstiger Schemen oder ein schwaches Wabern, das man leicht mit vor Hitze flimmernder Luft verwechseln konnte. Man vermochte sich an einen Felsen zu schmiegen, sodass man der Beute nur die unschärfsten Konturen darbot. Und der transparente Pelz, der an Glasfaserstränge erinnerte, spiegelte die Hintergrundfarbe wider, was zur weiteren Verwirrung der Beute beitrug.
Dennoch hatten nur wenige Spezies sich diese Strategie zu Eigen gemacht, weil Unsichtbarkeit auch ihre Nachteile hatte.
Ein unsichtbares Lebewesen war zugleich blind. Eine transparente Netzhaut vermochte kein Licht aufzufangen. Das größte Manko war aber die stark verringerte Effizienz der Biochemie solcher Lebewesen, was durch die Verwendung transparenter Substanzen bedingt war. Und es gab nicht einmal für die innersten Körperteile Schutz vorm grellen Licht, der Wärme und ultravioletten Strahlung der Sonne und vor der kosmischen Strahlung, die den Planeten trotz des schützenden Magnetfelds immer bombardiert hatte. Die Organe der Unsichtbaren waren transparent, aber auch nicht so durchlässig, um die schädliche Strahlung durchzulassen.
Kaktus’ Mörder war schon im Todeskampf, und bald würden die Krebsherde, die sich im transparenten Magen-Darm-Trakt entwickelten, ihn umbringen. Und er war neoten – er würde sterben, ohne jemals in die Pubertät eingetreten zu sein. Niemand von der unsichtbaren Art hatte so lang gelebt, um für Nachwuchs zu sorgen – freilich hätten sie wegen des Strahlungsgeschädigten Erbguts auch gar keinen lebensfähigen Nachwuchs hervorzubringen vermocht.
Diese schwächlichen, von Geburt hilflosen Kreaturen waren schon todgeweiht, ehe sie aus dem Ei schlüpften.
Aber darauf kam es nicht an; jedenfalls nicht unter dem genetischen Aspekt, denn die Familie profitierte davon.
Diese amphibische Spezies hatte einen Kompromiss geschlossen. Die meisten ihrer Jungen wurden geboren wie eh und je. Doch eins von zehn wurde unsichtbar geboren. Wie die sterilen Arbeiter in einem Stock lebten die Unsichtbaren ein kurzes, schmerzhaftes Leben und starben jung – für einen einzigen Zweck: Nahrung für ihre Geschwister zu beschaffen. Durch sie – durch ihre Nachkommen, nicht durch seine – würde das genetische Erbe des Unsichtbaren weitergegeben.
Es war eine teure Strategie. Aber es war besser, einen von zehn in jeder Generation einem kurzen, qualvollen Leben zu überantworten, als das Aussterben der ganzen Art zu riskieren.
Durch die Nahrung im Magen und die Exkremente im Darm verriet ein Unsichtbarer sich natürlich trotzdem. Wenn er Hunger hatte, ließen die Geschwister ihn also hungern, bis er alle Exkremente ausgeschieden hatte und wieder schön transparent war. Und dann schickten sie ihn unter der tödlichen Sonne wieder hinaus und hofften, dass er ihnen noch eine Mahlzeit beschaffte, eher er endgültig den Geist aufgab.
Die Sphäre hatte diese Vorgänge beobachtet.
Die Sphäre war ein lebendiges Ding und doch keins. Sie war ein Artefakt und wiederum keins. Die Sphäre hatte keinen Namen für sich selbst oder ihre Art. Und doch hatte sie ein Bewusstsein.
Sie gehörte zu einer Horde, die in einem großen Gürtel der Kolonisation, der sich um die Galaxis spannte, zwischen den Sternen ausschwärmte. Und nun war die Sphäre zu dieser zerstörten Welt gekommen, um nach Antworten zu suchen.
Die Erinnerung reichte weit zurück. Für die Art der Sphäre war Identität etwas Amorphes, das man aufspaltete, teilte und durch Komponenten und Baupläne weitergab. Die Sphäre vermochte sich über Tausende von Generationen zurückzuerinnern… und dann verlor die Spur der Erinnerung sich im Nebel der Zeit. Die sich replizierenden Horden hatten vergessen, woher sie kamen.
Auf ihre Art wollte die Sphäre es wissen. Wie war dieser Sterne umspannende Roboter-Schwarm entstanden? War er das Ergebnis eines spontanen Entstehungsprozesses, auf irgendeinem Asteroiden aus mechanischen und elektronischen Bauteilen? Oder hatte es einen Konstrukteur gegeben – jemand anders, der die Erzeuger dieser schwärmenden Massen zum Leben erweckt hatte?
Seit einer Million Jahren hatte die Sphäre die Verteilung der Replikatoren in der Galaxis studiert. Das war nicht leicht, weil die Scheibe seit der Entstehung ihrer Art schon zwei Umdrehungen vollführt hatte, wobei die Sterne die robotischen Kolonisten wie Zentrifugen über den ganzen Himmel verstreut hatten. Mathematische Modelle hatten diese Umdrehungen rückgängig machen und die Sterne wieder am ursprünglichen Ort positionieren sollen, um die halb vergessene Expansion der Replikatoren zu rekonstruieren.
Und schließlich hatte es die Sphäre in dieses System und zu dieser Welt verschlagen, die sie – unter anderem – für den Ursprung hielt. Sie hatte eine Welt mit organischer Chemie gefunden und Lebewesen, die auf ihre Art ganz interessant waren. Aber es war eine sterbende Welt, die von ihrer Sonne überhitzt wurde, und das Leben war auf die Ränder eines Wüstenkontinents beschränkt. Es gab keine Anzeichen organisierter Intelligenz.
… Und doch schien es der Sphäre, als ob das uralte Gestein des Superkontinents hier und da mit Einschnitten, Rinnen und großen Löchern markiert war. Einst hatte hier Intelligenz gewaltet – vielleicht. Wenn ja, war sie diesen räudigen, kriechenden Kreaturen aber abhanden gekommen.
Die Sphäre verkörperte eine neue Ordnung des Lebens. Und zugleich war sie wie ein Kind, das seinen unbekannten Vater suchte. Die letzten Spuren der alten Konstruktionspläne der Mars-Roboter, die von längst toten NASA-Ingenieuren in Computer-Labors in Kalifornien und Südengland konzipiert worden waren und sich seitdem ständig verändert hatten, waren verloren. Es schien angemessen, dass dieses größte und seltsamste Vermächtnis der Menschheit rein zufällig entstanden war – und dass ihre Urheber ihrem Schicksal gefolgt waren.
Es gab hier nichts mehr in Erfahrung zu bringen. Mit dem Äquivalent eines Seufzens schwang die Sphäre sich zu den Sternen empor. Die kleine Welt fiel hinter ihr zurück.
Ultima kauerte sich im Schmutz zusammen, bis die Aasfresser-Geschwister das Fressen beendet hatten. Dann drückte sie ihr Baby an sich und stolperte davon, ohne das Verschwinden der Sphäre auch nur zu bemerken.
Ultima entfernte sich in westlicher Richtung vom Borametz-Steinbruch.
Nachts schmiegte sie sich mit ihrem Kind in Spalten im Gestein und versuchte die Geborgenheit des Kokons des Baums zu simulieren. Sie aß, was sie gerade fand – halb vertrocknete Kröten und im Schlamm vergrabene Frösche, Eidechsen, Skorpione und das Fleisch und die Wurzeln von Kakteen. Sie fütterte das Kind mit einem vorgekauten Brei aus Fleisch und Pflanzen. Aber das Kind spuckte das Zeug wieder aus. Es vermisste noch immer die Bauch-Wurzel und quengelte herum.
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