Nach dem Verschwinden des Wassers wurde es so heiß, dass das Kohlendioxid aus dem Gestein ausgetrieben wurde. Unter einer Luft mit der Dichte von Wasser heizten die ausgetrockneten Meeresböden sich derart auf, dass man Blei auf ihnen zu schmelzen vermocht hätte. Das war selbst für die Hitze liebenden Bakterien zu viel. Es war das letzte Massensterben von allen.
Jedoch hatten die Bakterien im glutheißen Boden dehydrierte Sporen hinterlassen. In diesen gehärteten, fast unverwüstlichen Hüllen ritten die schlafenden Bakterien die Jahre ab.
Es gab immer noch Erschütterungen, als hin und wieder Asteroiden und Kometen auf dem sonnendurchglühten Land einschlugen – alles Ereignisse im Chicxulub-Maßstab. Nur dass sie natürlich keine Todesopfer mehr forderten. Aber der Erdboden wurde eingedellt und schleuderte beim Zurückschnellen riesige Gesteinsmengen ins All.
Ein Teil dieses Materials, und zwar von den Rändern der Einschlagzonen, war nicht beschädigt worden – und wurde deshalb unsterilisiert ins All befördert. So verließen die Bakteriensporen die Erde.
Sie drifteten unter dem sanften, aber nachhaltigen Druck des Sonnenlichts von der Erde weg und formierten sich zu einer riesigen diffusen Wolke um die Sonne. Die in den Sporen zystenartig eingeschlossenen Bakterien waren praktisch unsterblich. Und sie waren ausdauernde interplanetare Reisende. Die Bakterien hatten ihre DNA-Stränge mit kleinen Proteinen beschichtet, die die Wendelstruktur versteiften und vor chemischen Angriffen schützten. Wenn eine Spore keimte, vermochte sie zur Reparatur von DNA-Schäden spezialisierte Enzyme zu mobilisieren.
Die Sonne setzte derweil mit ihren Planeten, Kometen und der Sporen-Wolke die endlose Umkreisung des Herzens der Galaxis fort.
Schließlich driftete die Sonne in eine dichte Molekül-Wolke. Es war ein Ort, wo Sterne geboren wurden. Der Himmel war hier überfüllt und wimmelte von gleißenden jungen Sternen. Die lodernde heiße Sonne mit den Planeten-Ruinen glich einer verbitterten alten Frau, die einen Kreißsaal betrat.
Hin und wieder stieß eine der von der Sonne getriebenen Sporen jedoch auf ein interstellares Staubkorn, das mit organischen Molekülen und Wassereis angereichert war.
Die harte Strahlung naher Supernovae schlug eine Bresche in die Wolke. Eine neue Sonne wurde geboren und ein neues Planetensystem aus gasgefüllten Riesen und harten steinigen Welten. Kometen fielen auf die Oberfläche der neuen Gesteinsplaneten, so wie damals die Erde durch Einschläge befruchtet worden war.
Und in manchen dieser Kometen waren irdische Bakterien. Nur ein paar. Aber es brauchte auch nur ein paar.
Die Sonne alterte weiter. Sie blähte sich zu einer monströsen, rot glühenden Kugel auf. Die Erde tangierte die diffuse Peripherie der angeschwollenen Sonne wie eine Mücke, die einen Elefanten umschwirrte. Der sterbende Stern verbrannte alles, was er hatte. Im Endstadium loderte die Hülle aus Gas und Staub auf, die die Sonne umspannte. Das Sonnensystem wurde zu einem planetaren Nebel, einer in phantastischen Farben schillernden Sphäre, die über Lichtjahre zu sehen war.
Diese großen Zuckungen markierten den Untergang der Erde. Doch auf einem neuen Planeten eines neuen Sterns war der Nebel nur eine Lichtshow am Himmel. Was zählte, war das Hier und Jetzt, die Meere und das Land, wo neue Ökosysteme entstanden, wo die Lebewesen durch Veränderung ihrer Gestalt auf Veränderungen der Umwelt reagierten und wo Variation und Selektion blindlings immer komplexere Organismen formten.
Das Leben war immer schon ein Glücksspiel gewesen. Und nun hatte es Mittel und Wege gefunden, sogar dem ultimativen Auslöschungs-Ereignis ein Schnippchen zu schlagen. In neuen Meeren und in einem unbekannten Land hatte die Evolution wieder begonnen.
Aber es entstand keine neue Menschheit.
Die erschöpfte und staubbedeckte Ultima, deren Körper von unzähligen kleinen Kratzern, Prellungen und Einstichen übersät war, humpelte mit ihrem Kind im Arm zum Zentrum des uralten Steinbruchs.
Das Land wirkte wie platt gehämmert, und die Sonne dräute wie eine riesige glühende Faust über ihm. Auf den ersten Blick gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass auf dieser Wüsten-Welt überhaupt noch Leben existierte.
Sie näherte sich dem Baum. Sie sah die großen schwarzen Gebilde der eingekapselten Leute am Baum hängen. Er stand stumm und starr da; weder tadelte er sie wegen des ›unerlaubten Entfernens‹ noch verzieh er ihr.
Sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie suchte eine Kugel aus Blättern. Vorsichtig drückte sie die Blätter auseinander und formte sie zu einer provisorischen Wiege. Dann legte sie das Baby vorsichtig hinein.
Das Baby zappelte gurgelnd. Es fühlte sich wohl hier in den Blättern und war froh, wieder zurück im Baum zu sein. Und Ultima sah, wie sich die Wurzel wieder in die Öffnung im Bauch des Kindes schob. Und weiße Tentakel wuchsen aus den Poren der weichen Blätter und strebten auf Mund, Nase, Ohren und Augen des Babys zu.
Es würde keinen Schmerz verspüren. Dieses Wissen und diesen Trost hatte der Baum Ultima immerhin gewährt. Sie strich dem Baby ein letztes Mal über die pelzige Wange. Dann schob sie ohne Bedauern die Blätter zusammen und versiegelte sie.
Sie erklomm den Baum und fand ihren eigenen behaglichen Kokon. Dann kuschelte sie sich hinein und legte ordentlich die großen lederartigen Blätter um sich herum. Hier würde sie auf bessere Zeiten warten: auf einen Tag, der wie ein Wunder kühler und feuchter war als alle anderen, auf eine Zeit, wo der Baum imstande war, Ultima aus seiner schützenden Umarmung zu entlassen und sie wieder in die Welt hinauszuschicken – und ihr vielleicht sogar den Keim für eine neue Generation in den Bauch zu pflanzen.
Aber es sollte keine Befruchtung mehr geben, keine Geburt und kein zum Tode verurteiltes Kind.
Einer nach dem andern würden die Kokons schrumpfen und die grün verpackten Bewohner würden wieder von der Masse des Borametz absorbiert werden, und am Ende würde der Borametz nach vielen tausend Jahren natürlich selbst vergehen, nachdem er bis zum bitteren Ende durchgehalten hatte. Der leuchtende molekulare Strang – der von Purga ausgehend über unzählige Generationen von Lebewesen sich erstreckt hatte, die aus primitiven Anfängen sogar den Sprung auf eine andere Welt geschafft und dann wieder tief gestürzt waren – riss nun, als die letzte von Purgas Enkeltöchtern mit einer Situation konfrontiert wurde, die sie nicht zu bewältigen vermochte.
Ultima war die letzte Mutter gewesen. Sie vermochte nicht einmal ihr eigenes Kind zu retten. Aber sie hatte ihren Seelenfrieden gefunden.
Sie strich über die Bauch-Wurzel und half ihr dabei, den Weg in ihren Bauch zu finden. Die anästhesierenden und heilenden Chemikalien beruhigten den schmerzenden Körper und schlossen die Blessuren. Und als psychotrophe pflanzliche Substanzen die lebendige Erinnerung an ihr verlorenes Baby wegspülten, wurde sie mit einem scheinbar immerwährenden grünen Frieden erfüllt.
Es war eigentlich kein schlechtes Ende für eine so lange Geschichte.
Es war wieder eine andere Bande wilder Kinder gesichtet worden, diesmal auf der Bartholomäus-Insel. Also hatten Joan und Lucy die Netze, Taser und Hypo-Flinten zusammengepackt und schipperten nun in ihrem Solarboot über den Pazifik.
Joans pockennarbige Haut leuchtete im Widerschein des gleichmäßigen äquatorialen Sonnenlichts, das vom Wasser reflektiert wurde. Sie war nun zweiundfünfzig, sah aber deutlich älter aus wegen der Schäden, die die Umwelt seit Rabaul an der Haut angerichtet hatten; vom Haar ganz zu schweigen. Lucy war im Verlauf ihres noch kurzen Lebens aber nur sehr wenigen ›richtig‹ alten Leuten begegnet, sodass sie kaum Vergleichsmöglichkeiten hatte. Für sie war Joan einfach nur Joan, ihre Mutter und engste Gefährtin.
Читать дальше