In der Nähe eines dieser kieselsteinartigen Kakteen erspähte Ultima einen Käfer mit einem silbernen Rücken, der versuchte, ein Dungkügelchen durch eine schmale Spalte zu schieben. Ultima spielte kurz mit dem Gedanken, sich den Käfer zu schnappen.
Als der Käfer in den Schatten des Kaktus eintauchte, schoss eine kleine rote Gestalt aus der Dunkelheit. Es war eine Eidechse, kürzer als Ultimas kleiner Finger, und der Kopf war noch kleiner als der Käfer selbst. Trotzdem schloss die Eidechse die Kiefer ums Hinterteil des sich mühenden Käfers. Ultima hörte ein leises Knirschen: Der Käfer wedelte mit den Beinen und Antennen, vermochte aber nicht loszukommen. Nach dem Energieausbruch breitete die Eidechse segelartige Lappen am Hals und an den Beinen aus. Durch die Kühlflächen wirkte die Eidechse gleich doppelt so groß wie zuvor, aber durch die rote Farbe war sie trotzdem gut im Staub Pangäas getarnt. Vor Überhitzung geschützt schickte sie sich nun an, dem Käfer die salzigen Lebenssäfte aus dem Panzer zu saugen.
Doch dieser Genuss war der Eidechse nicht vergönnt. Wie aus dem Nichts kam ein Vogel zum Schauplatz gerannt. Das Wesen hatte ein schwarzes Gefieder und darunter verborgene rudimentäre Flügel – es war flugunfähig. Ohne zu zögern und mit tödlicher Präzision stürzte der Vogel sich auf die Eidechse und öffnete einen gelben Schnabel voller winziger Zähne. Die Eidechse ließ den Käfer los, faltete die Kühlflächen zusammen und versuchte sich unter den Kaktus zu flüchten. Doch der Vogel hatte das Reptil schon an einem Bein gepackt und zog es zurück ins Licht, wobei er den kleinen Körper heftig durchschüttelte.
Der verstümmelte Käfer schleppte sich davon, nur um von Kaktus’ kleiner Pfote aufgehoben und zum Mund geführt zu werden.
Es gab viele Vögel in der Gegend; diese uralte Linie war nämlich viel zu anpassungsfähig, um nicht auch in dieser lebensfeindlichen, umgemodelten Welt einen Platz zu finden. Aber es gab dieser Tage kaum noch fliegende Vögel. Wozu sollten sie noch fliegen, wenn es kein Flugziel gab, das nicht genauso aussah wie das hier? Also hatten die Vögel den Flugbetrieb eingestellt und in der großen Einöde viele Formen ausgeprägt.
Nun schossen noch mehr Eidechsen unter dem Kaktus hervor, die durch den Angriff des Vogels aufgeschreckt worden waren. Es waren ihrer viele, und alle waren sie kleiner als das Sonnensegel, das der Vogel sich geschnappt hatte – sie waren sogar kleiner als Ultimas Fingernagel. Sie waren so winzig, dass sie die Kieselsteine und Rinnen im Boden wie Berge und Täler überwinden mussten, sah Ultima. Die aus dem Schlaf gerissenen Kreaturen huschten in alle Richtungen und suchten Deckung unter den Felsbrocken und Steinen.
Ultima schaute fasziniert zu.
In dem Maß, wie Pangäa verdorrte, waren die größeren Spezies ausgestorben. In der Wüstenei des Superkontinents gab es keinen Unterschlupf für ein Lebewesen von Ultimas Größe und schon gar nicht für eine Gazelle oder einen Löwen. Im größten Maßstab war das uralte ›Räuber und Beute‹-Spiel ausgespielt.
Doch im kleineren Maßstab fasste eine neue Ökologie Fuß. Unter Ultimas Füßen waren Ritzen im Stein und Trichter im Sand, es waren Löcher in Borametz-Bäumen und im Wurzelgeflecht. Noch in der flachsten Landschaft gab es eine Topographie, wo man sich vor Räubern zu verbergen oder in den Hinterhalt zu legen vermochte – oder auch nur sich einzugraben und vor der Welt zu verstecken, falls man klein genug war.
Wenn die Welt der kleinen Maßstäbe auch noch viele Möglichkeiten bot, so war sie aber auch eine Welt, auf der warmblütige Arten keine Zukunft hatten.
Alle Warmblütigen mussten eine hohe Körpertemperatur aufrechterhalten. Doch es gab eine Grenze, bis zu der man sich eine isolierende Behaarung und Fett zulegen konnte, ohne dass man zu einem bewegungsunfähigen Fettklops wurde. Und die Pulsfrequenz ließ sich auch nicht beliebig erhöhen. Die letzten der schrumpfenden Maulwurf-Leute waren bis zu einer Größe von einem Zentimeter geschrumpft und hatten eine Herzfrequenz wie ein hochtouriger Wankel-Motor entwickelt. Jedoch gab es unterhalb dieser Dimension immer noch genug Raum und Lebensmöglichkeiten.
Nur dass diese Nischen schon von Insekten, Reptilien und Amphibien besetzt waren. Die kleinen Kaltblütler verbargen sich vor der Hitze der Sonne und der Kälte der Nacht unter Steinen und im Schatten von Bäumen und Kakteen. Selbst in einer Handvoll Erdreich fand man heute winzige, perfekt modellierte Abkömmlinge von Fröschen, Lurchen und Schlangen – und sogar die unverwüstlichen Krokodile. Es gab winzige Lungenfische, silbrige kleine Kreaturen, die sich ans Landleben angepasst hatten, als die Binnengewässer austrockneten. Dieser größte Kontinent aller Zeiten wurde von den kleinsten Tieren aller Zeiten bewohnt.
Ohne die Unterstützung des Baums hätten so große, warmblütige Säugetiere wie Ultimas Leute nie so lang zu überleben vermocht. Sie waren wie Relikte aus früheren Zeiten und waren in dieser kargen Umwelt fehl am Platz. Als die Erde sich immer mehr erwärmte und austrocknete, schrumpften auch die Baum basierten Gemeinschaften und starben eine nach der anderen ab. Aber sie hielten noch immer die Stellung – genauso wie Ultima, das letzte Glied in einer Kette, die sich nun über hundert Millionen Generationen bis zu Purga selbst zurückerstreckte und in die noch tiefere Vergangenheit hinter ihr.
Ultima und Kaktus beobachteten die winzigen, im Schmutz krabbelnden Wesen. Dann fielen sie mit Geschrei über die Eidechsen her. Die meisten waren so klein, dass sie ihnen durch die Finger schlüpften – wenn man die Hand um sie schloss, sah man sie auf der anderen Seite gleich wieder entweichen –, und selbst wenn Ultima sich einen in den Mund zu stecken vermochte, war das eher etwas für den ›hohlen Zahn‹.
Die Eidechsen waren aber nicht nur zum Essen gut. Sie spielten. Selbst heute vermochte man noch Spaß zu haben. In der Stille von Neu-Pangäa hallten ihre Rufe und Schreie jedoch von den kahlen Felsen wider, und sie waren die einzigen Lebewesen weit und breit.
Der Sonnenuntergang kam schnell.
Durch den Regen war der Staub aus der Luft gewaschen worden. Als die Sonne den Horizont berührte, fiel Dunkelheit übers flache Land. Kleine Erhebungen, Dünen und Felsbrocken warfen meterlange Schatten. Das Licht am Himmel wechselte von Blau zu Purpur und färbte sich im Zenit schnell schwarz. Es war wie ein Sonnenuntergang auf einem luftlosen Mond.
Ultima und Kaktus nahmen das Baby in die Mitte und kuschelten sich aneinander. Jede Nacht ihres Lebens hatte Ultima in der pflanzlichen Umarmung des Baums verbracht. Nun griffen die Schatten wie Finger von Raptoren nach ihr.
Als die Temperatur sank, kam jedoch Ultimas Adaption an die Wüste zum Tragen.
Ihr Körper war noch immer warm. Tagsüber speicherte er Wärme in den Fettschichten und im Gewebe. In der Kälte der Nacht vermochte der Körper dann einen Großteil der Wärme an die Umgebung abzustrahlen. Ohne diesen Kühlungs-Trick hätte sie die Wärme durch Schwitzen abgeben müssen und hätte dadurch wiederum Wasser verbraucht, das zu vergeuden sie sich nicht leisten konnte. Kaktus und Ultima atmeten tief und langsam. So wurde bei jedem Atemzug der Sauerstoff voll ausgenutzt und der Wasserverlust minimiert. Ultimas Körper synthetisierte bereits Wasser aus den Kohlehydraten in der Nahrung, die sie gegessen hatte. Am nächsten Morgen würde sie mehr Wasser in den körpereigenen Reservoirs haben als an diesem Abend.
Trotz dieser erstaunlichen physiologischen Fähigkeiten blieb den beiden aber nichts anderes übrig, als an Ort und Stelle die Nacht auszusitzen, langsam zu atmen und in eine Art Trance zu fallen, während die Körperfunktionen in den Ruhezustand heruntergefahren wurden.
Derweil entfaltete sich über ihnen ein spektakulärer Himmel.
Читать дальше