Darauf hatte Kaggi-Karr nur gewartet. Sie verließ augenblicklich das Schloß, während der Statthalter den Unteroffizier Elved zu sich rief und ihm befahl, seine Soldaten in Gefechtsordnung aufzustellen.
Der Eiserne Holzfäller erwartete den Feind auf offenem Feld, etwa eine Meile vor dem Violetten Schloß. Er stand ungezwungen da, den Hammer bei Fuß, und sah durchaus nicht wie ein gefährlicher Gegner aus. Elli, Totoschka, der Scheuch, Charlie Black, Din Gior und Faramant befanden sich unbewaffnet in einiger Entfernung. Allerdings hielt der Seemann sein Lasso wurfbereit.
Der Tapfere Löwe, dessen Fell vom gelben Sand nicht zu unterscheiden war, hatte sich hinter einem Felsen verborgen und war bereit einzugreifen, falls Enkin Fled List und Tücke anwenden sollte.
Die Erde erdröhnte unter dem Gestampfe der herannahenden Holzköpfe. Als sie den einsamen Gegner erblickten, verzogen sich ihre grimmigen Gesichter zu einem triumphierenden Grinsen, und die roten Glasaugen begannen blutrünstig zu funkeln. Dem Zug voran schritt der rotgesichtige Unteroffizier Elved, und als letzter Enkin Fled, der Statthalter, der in einer Hand ein Schwert und in der anderen einen Dolch schwang.
Fregosa hatte dem Gespräch zwischen dem Statthalter und der Krähe gelauscht, und die Kunde, daß Urfins Holzköpfe sich mit einem Kämpfer der Befreiungsarmee schlagen würden, verbreitete sich schnell im ganzen Lande. Zwinkerer und Zwinkerinnen strömten in Scharen zur Kampfstätte und verbargen sich hinter den Felsen. Liebevoll schauten sie zum Holzfäller, ihrem ehemaligen Herrscher, hinüber.
Als Enkin Fled des eisernen Mannes ansichtig wurde, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Er wußte, wie stark der Gegner war, hoffte aber dennoch, ihn zu besiegen. Erstens, weil der Holzfäller seine Axt nicht bei sich hatte, und zweitens, weil er gegen eine Übermacht von elf Mann zu kämpfen haben würde.
Als sich die Gegner gegenüberstanden, befahl Elved seinen Soldaten, den Feind einzukreisen und ihn mit den Holzknüppeln niederzuschlagen, während er selbst im Hintergrund blieb.
Eine erbitterte Schlacht begann. Die Knüppel trafen den eisernen Körper des Holzfällers und beulten ihm Rücken, Brust und Arme ein, doch das waren keine lebensgefährlichen Verwundungen. Der riesige Hammer des Holzfällers hingegen zerschmetterte mit jedem Treffer einen Holzkopf. Nach zehn wohlgezielten Schlägen hatte sich der Zug der Soldaten in einen Haufen Kleinholz verwandelt, das nur noch zum Ofenheizen zu verwenden war.
Der letzte Soldat jedoch konnte, bevor er zusammenbrach, einen so wuchtigen Schlag gegen die Brust des Holzfällers führen, daß das Blechstück herausflog, das von Goodwin seinerzeit an der Stelle angebracht worden war, wo er dem eisernen Mann das Herz eingesetzt hatte. Der Riese wankte, und jeder konnte sehen, wie in seiner Brust das rote seidene Herz zuckte. Ehe er seine Fassung wiedererlangte, hatte sich Unteroffizier Elved, der heil geblieben war, da er am Kampf doch nicht teilgenommen hatte, von hinten an ihn herangeschlichen, eine Keule aufgehoben, und dem Holzfäller einen furchtbaren Hieb in den Rücken versetzt. Das Herz löste sich und flog in den Sand, und der eiserne Mann stürzte zu Boden. Seine letzten, kaum hörbaren Worte waren: »Ach, mein armes Herz!«
Unteroffizier Elved brüllte vor Freude, und Enkin Fled schrie ihm frohlockend zu:
»Schlag ihn tot! Zerschmettre den Scheuch! Hau den Feldmarschall zusammen! Pack die kleine Fee, ihre Anführerin!«
Da eilten der Scheuch, Charlie Black und die anderen herbei, um das Mädchen mit ihren Leibern zu schützen. Hinter dem Stein sprang der Löwe hervor, doch da die Entfernung zu groß war, konnte er nicht rechtzeitig eingreifen. Mit erhobener Keule raste der wutschnaubende Unteroffizier auf das Mädchen zu, und Kaggi-Karr, die sich ihm mit flatternden Flügeln entgegenwarf, vermochte nichts auszurichten.
In diesem Augenblick schoß ein kleines Männchen, das sich hinter einem Stein verborgen hatte, wie ein Pfeil dem Unteroffizier entgegen. Dieses Männchen, das als der beste Schmied im Lande der Zwinkerer bekannt war, warf sich Elved vor die Füße, so daß dieser hinfiel und sich ein paarmal überschlug. Er sprang aber sogleich wieder auf und holte zu einem furchtbaren Schlag gegen den kühnen Zwinkerer aus. Da schwirrte das Lasso durch die Luft, und die Schlinge umfing Elveds Arme. Charlie, Faramant und Din Gior zogen das Seil mit einem Ruck an, und der rotgesichtige Unteroffizier stürzte in den Sand. Dutzende Zwinkerer und Zwinkerinnen, die gespannt den Kampf verfolgt hatten, strömten auf das Feld, fielen über den Unteroffizier her, entwaffneten und fesselten ihn. Andere stürzten sich auf Enkin Fled, entrissen ihm Schwert und Dolch, von denen er übrigens gar keinen Gebrauch zu machen versuchte.
Damit wurde Urfins Herrschaft im Violetten Lande ein Ende gemacht.
Schwere Steine in den erhobenen Händen, umstanden die Zwinkerer den Statthalter und seinen Unteroffizier.
»Tötet sie nicht!« rief da der Scheuch. »Wir müssen Gericht über sie halten.«

Enkin Fled, bleich und an allen Gliedern bebend, warf sich auf die Knie.
»Im… Ul… Uul-ti-ma-tum… stand…«, stotterte er, »wenn ich mich er-ge-be… zehn Jahre Stra… Straßen pflastern… Ich er-ge-be mich… o… bit-te!«
»Elender Lump!« herrschte ihn Din Gior an. »Zweifacher Verräter! Erst hast du dein Volk verraten, indem du in den Dienst des Tyrannen tratest, und heute wolltest du unbewaffnete Menschen, die ehrlich kämpften, auf niederträchtige Weise erschlagen lassen! Mit Straßenpflastern kommst du nicht davon, das wäre zu milde für dich!« Dann gab er Befehl, die Gefangenen wegzuschaffen.
Mit Tränen in den Augen bemühte sich Elli um den leblosen Holzfäller. Sie gab sich aber nicht der Verzweiflung hin, wußte sie doch, daß die Zwinkerer, die geschickte Schmiede waren, ihr helfen würden. Sie hatten ja den eisernen Mann schon einmal wiederhergestellt, als es um ihn noch schlimmer stand als heute. Sie nahm das seidene Herz behutsam in die Hand, pustete den Sand davon ab und beschloß, es vorläufig aufzubewahren.
Charlie, der sich über den Holzfäller gebeugt hatte, sagte:
»Bei den Menschenfressern von Kuru-Kusu und allen ihren dreitausenddreihundertdreiunddreißig Göttern, der Mann hat sich wie ein wahrer Held geschlagen. So einer kann doch nicht einfach mausetot sein!«
»O nein!« rief Lestar, der Schmied, der den Unteroffizier zu Fall gebracht hatte. »Wir haben ja schon Erfahrung in der Reparatur des Herrn Gebieters. Drei Tage Arbeit, und er wird wieder wie neu sein… Allerdings, wenn nicht irgendwelche Teile verlorengegangen sind«, fügte er hinzu, »sonst wird die Reparatur länger dauern.«

Die jubelnden Zwinkerer geleiteten die Fee des Rettenden Wassers, wie sie das Mädchen nannten, ins Schloß. Unterwegs zwinkerten die Leutchen so beflissen, daß die Tränen ihnen aus den Augen rannen und sie fast nichts mehr sahen. Dabei rühmten sie sich stolz, daß sie das der Fee gegebene Gelübde, sich dreimal am Tag zu waschen, mit größter Gewissenhaftigkeit selbst in der schweren Zeit der Herrschaft Enkin Fleds gehalten hatten. Das habe ihnen wohl auch zu dem Sieg über den Feind verholfen, sagten sie.
DIE WIEDERHERSTELLUNG DES EISERNEN HOLZFÄLLERS
Wie eine liebende Mutter nahm sich die gute Fregosa Ellis an. Zuerst führte sie sie in das Badezimmer und wusch sie in der großen Wanne, die weder Bastinda noch der Holzfäller je benutzt hatten, weil sie das Wasser fürchteten.
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