Die Gangway wurde herabgelassen. General Baan-Nu setzte als erster seinen Fuß auf die Erde. Seine neue rote Aktentasche hielt er fest an den Körper gepreßt. Für alle Fälle hatte er sie mit einem Kettchen am Handgelenk befestigt. In der Aktentasche befand sich sein Manuskript. Das war der größte Schatz des Generals. Er beabsichtigte, die Geschichte der Bezwingung von Belliora zu verfassen. Während des Fluges hatte er sie bereits begonnen. Mit diesem Werk wollte der General die Militärkunst der Menviten verherrlichen, vor allem aber träumte er davon, sich selbst ein ewiges Denkmal zu setzen.
Das Raumschiff stand am Fuße der Großartigen Berge, deren verschneite Gipfel in den Sternenhimmel aufragten. Ganz in der Nähe rauschten die Wälder, und das einschläfernde Zwitschern der Vögel tönte durch die Nacht. Als der Kommandant über den feuchten weichen Grasteppich schritt, empfand er die Genugtuung des Eroberers, das Herz stockte ihm, um dann umso rascher zu pochen. Baan-Nu mußte den Reißverschluß seines Kragens öffnen.
An diesem Ort werden die Würdigsten unter den Menviten leben, dachte er. Sklaven gibt es überall genug.
Als er sich zum Raumschiff umwandte, sah er, daß fast alle ausgestiegen waren. Stolz schritten die Menviten in ihrer ordensbestickten Kleidung auf und ab und starrten bisweilen einem Arsaken, der unnütz gesäumt hatte, strafend in die Augen.
»Nun aber schneller«, befahl dieser Blick. Und der Arsake bewegte sich flink wie ein aufgezogenes Spielzeug.
Die Arsaken machten sich an ihre gewohnte Arbeit: Sie schufen den Menviten komfortable Lebensbedingungen.
Sie stellten ein Luftzelt auf und legten den Boden mit Luftmatratzen aus. Andere bereiteten das Abendbrot und brachten Getränke. Die dritten schleppten Zweige aus dem Wald herbei, um das Zelt zu tarnen. Außerdem breiteten sie über das Sternschiff ein riesiges Netz mit aufgedruckten Blättern und Zweigen, das wie ein prächtiger Teppich wirkte.
Eine Gruppe Menviten trug vorsichtig ein Riesenporträt Guan-Los aus dem Raumschiff und stellte es auf einem Hügel auf.
Der General trat vor die versammelten Menviten, hob seinen Blick zur fernen Rameria und sprach feierlich:
»Im Namen des Obersten Gebieters von Rameria, des Würdigsten unter den Würdigen, Guan-Lo, erkläre ich Belliora auf ewige Zeiten zu einem Bestandteil seiner Besitzungen Gorr-au!«
»Gorr-au! Gorr-au!!« riefen die Menviten.
Die Arsaken schwiegen. Verstohlen blickten auch sie zu dem Teil des Himmels auf, wo sich ihre Heimat befand.
Kurz wandte sich der General an Kau-Ruck:
»Pilot!« Er war zwar guter Laune, konnte sich jedoch nicht überwinden, freundlicher zu Kau-Ruck zu sein. Er mochte den fähigen Flieger nicht, der nach seiner Ansicht zu häufig überflüssige Selbständigkeit bewies. »Im Morgengrauen ziehen Sie auf Kundschafterdienst.« Bei sich dachte der General: Der erste Kundschafterdienst ist der gefährlichste. Sieh man zu, wie du mit diesem Auftrag fertig wirst, denkst ja immer, du bist besonders klug.
»Sie beobachten alles mit größter Sorgfalt! Doch seien Sie schon heute auf der Hut!« befahl er.
»In Ordnung, mein General«, erwiderte Kau-Ruck mit einer Lässigkeit, die keineswegs den militärischen Vorschriften auf Rameria entsprach. Aber der Pilot machte ja sowieso grundsätzlich alles anders. Er verfügte über ein profundes Wissen, deshalb griff er auch niemals zur Zauberei wie die anderen Menviten.
»Ich begebe mich jetzt zur Ruhe«, verkündete der General und streckte sich wohlig. »Ich finde, auf Belliora sind die Nächte doch reichlich kühl.«
Einer der Sklaven bot Baan-Nu auf einem Tablett Früchte an, die sie im Hain gepflückt hatten.
Genüßlich kauend, wandte sich der General an seinen Diener:
»Na, Ilsor, ist alles zum Schlafen vorbereitet?«
»Jawohl, mein General«, Ilsor machte so eine tiefe Verneigung, daß es schien, als hänge sein Körper an Scharnieren. Als der General diese unelegante Haltung des Dieners sah, brach er in Lachen aus:
»Du spürst wohl deine Beine nicht vor Glück, daß du auf einem so herrlichen Planeten stehst, was, Ilsor?«
»Jawohl, mein General.« Ilsor nickte. »Mir muß doch gefallen, was Ihnen gefällt.«
»Eben, eben!« Baan-Nu klopfte Ilsor leutselig auf die Schulter und ging ins Zelt.
Mit seinem Feldstecher trat er der Reihe nach an alle Fenster des Zelts, ließ seinen Blick gelangweilt über die Berge gleiten und betrachtete gründlich die Bäume am Waldesrand. Vielleicht hatte sich dort der Feind in den Hinterhalt gelegt. Doch da er nichts sah, außer den Schatten der Vögel, streckte er sich wohlig auf dem Matratzenberg aus, den Ilsor mit weichen, weißen Fellen bedeckt hatte, die an das Fell von Schneeleoparden erinnerten. Ein riesiger Bettvorhang, ebenfalls aus weißen Fellen, trennte die Bettstatt des Generals vom übrigen Teil des Zelts, das für die anderen Menviten bestimmt war.

Baan-Nu schob die Aktentasche unter das Fellkissen, das Ilsor diensteifrig anhob. Wenn er schlief, verschloß der General Dokumente, die für ihn wichtig waren, niemals im Safe. Für jeden Safe fanden sich Schlüssel; er wußte kein besseres Versteck, als das eigene Kopfkissen.
Als der Kommandant der Menviten eingeschlafen war, nahm Ilsor den Feldstecher, räumte ihn jedoch nicht fort, sondern betrachtete ebenfalls aufmerksam durch das Glas die Umgegend. Dann trat er zu den Arsaken, die ihr Nachtlager unter offenem Himmel aufschlugen.
Verschwörerisch flüsterte er ihnen zu:
»Freunde, verliert nicht die Hoffnung«, um mit lauter strenger Stimme im Befehlston hinzuzufügen:
»Morgen früh beginnen wir mit der Montage der Helikopter.«
Keiner der Auserwählten ahnte, welche Doppelrolle Ilsor spielte.
Der diensteifrigste aller Diener versteht sich hervorragend auf die Technik, das war es, was jeder Menvite von ihm wußte.
Doch sie wußten etwas anderes nicht:
Ilsor war widerstandsfähiger gegen die hypnotischen Blicke und Befehle der Menviten gewesen als die anderen Arsaken. Er besaß einen stärkeren Willen. So war es ihm seinerzeit gelungen, bevor der Zauber Macht über ihn gewinnen konnte, das Aussehen eines ergebenen Sklaven anzunehmen. Er belauschte fortan die geheimen Unterredungen der Menviten, die vor ihm keine Vorsicht übten, denn sie glaubten, er sei völlig verzaubert und demzufolge auch gehorsam und ihnen Untertan. Aus den Gesprächen der Auserwählten wußte Ilsor über alles Bescheid, was auf Rameria vor sich ging.
Die Arsaken glaubten fest, daß Ilsor ihnen helfen werde, daß einzig er ihre Befreiung ermöglichen könne, und wählten ihn vertrauensvoll zu ihrem Anführer.
Der Gedanke, die Arsaken zu befreien, ließ Ilsor fortan keine Ruhe mehr, weder bei Tag noch bei Nacht.
Jetzt kam die Sorge um die Erdenbewohner hinzu. Nach den Fotos zu urteilen, die selbstverständlich auch dem Arsakenführer zu Augen kamen, bewohnten vernunftbegabte Wesen Belliora. Sie ahnten nicht, welche Gefahr der Blick der Menviten in sich barg. Sie davor zu warnen, war die Pflicht Ilsors, obwohl er noch nicht recht wußte, wie er das anstellen sollte.

Im Morgengrauen begab sich Kau-Ruck mit einer Gruppe von Fliegern auf Kundschafterdienst. Ruhig gingen sie an den Wachposten vorbei, denen ausschließlich Menviten angehörten, und die hellwach ihren Dienst versahen. Der Pilot mochte unter allen Militärs die Flieger am meisten. Wenn ihre Staffel nur nicht Mon-So, ein treuer Untertan des Generals, befehligt hätte. Die Flieger, die einige arsakische Sklaven mit sich genommen hatten, gingen munter drauflos. Ihr Kundschafterdienst erschien ihnen wie ein fröhlicher Spaziergang.
Читать дальше