Sie hatte nicht aus Faulheit geschwänzt. Wenn sie fehlte, dann in der letzten Stunde, denn manchmal mussten wir früher weg und die Mädchen von der Tagesmutter holen, falls Tolliver oder Mark verhindert waren.
Natürlich zeigten sich alle unsere Lehrer entsetzt von unseren Lebensbedingungen, nur nicht Miss Briarly. Miss Briarly hatte gesagt: »Und was hätten wir tun sollen? Die Polizei verständigen, damit die Kinder getrennt werden?«
Genau darauf hatte sich die Presse gestürzt, sodass Miss Briarly vom Rektor verwarnt wurde. Darüber hatte ich mich wahnsinnig aufgeregt. Miss Briarly hatte Camerons Lieblingsfach unterrichtet, Biologie. Ich weiß noch, wie sehr Cameron für ihr Genetikprojekt geschuftet hatte, für das sie die Augenfarbe sämtlicher Nachbarn notiert hatte. Sie hatte eine Eins bekommen, und Miss Briarly hatte mir die Arbeit nach Camerons Verschwinden ausgehändigt.
Ida Beaumont musste ihre Geschichte immer wieder aufs Neue erzählen. Im Zuge dessen wurde sie zur totalen Einsiedlerin und ging nicht einmal mehr an die Tür. Die Einkäufe ließ sie sich von der Kirche bringen.
Meine Mutter und Tollivers Vater waren zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Man legte ihnen alles Mögliche zur Last, angefangen von Kindesvernachlässigung bis hin zu Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz.
Tolliver hatte man erlaubt, zu Mark zu ziehen. Ich war in eine Pflegefamilie gekommen, in der man mich sehr gut behandelte. Ich fand es herrlich, in einem richtigen Haus zu wohnen und mir das Zimmer nur noch mit einem anderen Mädchen teilen zu müssen. In einem Haushalt, in dem alles sauber war, ohne dass ich vorher saubermachen musste, und in dem es feste Hausaufgabenzeiten gab. Ich schreibe den Clevelands immer noch zu Weihnachten. Sie erlaubten, dass mich Tolliver samstags besuchte, wenn er nicht gerade arbeiten musste.
Als ich meinen Schulabschluss machte, planten wir bereits, uns mit meiner seltsamen Gabe den Lebensunterhalt zu verdienen. Wir verbrachten Stunden auf dem Friedhof, wo wir übten und die Grenzen meiner Fähigkeiten ausloteten. Noch merkwürdiger als unser Plan war die Tatsache, dass das eine sehr schöne Zeit in meinem Leben gewesen war, und ich glaube, auch in dem von Tolliver. Das Traurigste daran war, dass ich alle meine Schwestern verloren hatte. Cameron war verschwunden, und Mariella und Gracie lebten bei Iona und Hank.
Ich schlug Camerons Mathematikbuch auf. Sie hatte das Fach gehasst. Cameron war nicht besonders gut in Mathe. Dafür war sie gut in Geschichte, das weiß ich noch. Geschichte hatte ihr gefallen. Es war leichter, sich mit dem Leben von Personen zu befassen, die bereits tot waren und deren Probleme der Vergangenheit angehörten. Cameron war gut in Rechtschreibung und in Naturwissenschaften, vor allem aber in Biologie.
Die Zeitungen hatten seitenweise über die schlimmen Zustände im Wohnwagen berichtet. Über Laurels und Matthews Lasterleben, über das Strafregister ihrer Besucher und über die Anstrengungen, die wir Kinder unternommen hatten, um zusammenbleiben zu können. Doch ehrlich gesagt fand ich unser Zuhause so ungewöhnlich auch wieder nicht. In der stillschweigenden Art, wie Kinder miteinander kommunizieren, wussten wir von einem Dutzend oder mehr Kindern, dass sie unter ähnlichen oder sogar noch schlimmeren Umständen lebten.
Viele Leute können nichts dafür, dass sie arm sind. Aber sie können etwas dafür, dass sie schlecht sind. Wir hatten leider Eltern, die beides waren.
Ich schlug eines der Hefte meiner Schwester auf. Ihre Schulhefte waren alle noch da. Die schmuddeligen linierten Seiten mit ihrer Handschrift waren alles, was mir noch von ihr geblieben war. Cameron war außer mir die einzige gewesen, die sich noch an die guten Zeiten erinnern konnte. An jene Zeiten, in denen unsere Eltern noch verheiratet und nicht drogensüchtig waren. Wenn mein Vater noch lebte, würde er sich wahrscheinlich kaum noch daran erinnern können.
Ich schüttelte mich. Ich wollte nicht sentimental werden. Aber ich musste mich an den Tag zurückerinnern, an dem Cameron verschwand. Wenn sie freiwillig in diesen Pick-up gestiegen war, sollte ich vielleicht aufhören, nach ihr zu suchen. Denn dann wäre sie mir nicht nur fremd, sondern es gäbe auch keine Leiche aufzuspüren – außer ihr war in der Zwischenzeit etwas zugestoßen. Die Ironie des Schicksals bestand darin, dass ich Cameron erst finden konnte, wenn sie tot war.
Ich fragte mich, ob Ida Beaumont noch lebte. Ich war damals so jung gewesen, dass sie für mich schon mit einem Bein im Grab zu stehen schien. Jetzt wurde mir klar, dass sie höchstens fünfundsechzig gewesen war.
Aus einem unerklärlichen Impuls heraus rief ich die Auskunft von Texarkana an und erfuhr, dass sie noch immer im Telefonbuch stand. Meine Finger wählten die Nummer, bevor ich überhaupt wusste, was ich mir davon versprach.
»Hallo?«, sagte eine Quietschstimme misstrauisch.
»Mrs Beaumont?«
»Ja, hier spricht Ida Beaumont.«
»Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr an mich«, sagte ich. »Ich bin Harper Connelly.«
Schweigen.
»Was wollen Sie?«, sagte die Stimme.
Das war nicht unbedingt die Frage, die ich erwartet hatte.
»Wohnen Sie noch in demselben Haus, Mrs Beaumont? Ich würde Sie gern besuchen«, sagte ich spontan. »Ich würde gern einen meiner Brüder mitbringen.«
»Nein«, sagte sie. »Bleiben Sie bloß weg! Als Sie das letzte Mal hier waren, haben die Leute noch wochenlang an meine Tür geklopft. Die Polizei schaut immer noch manchmal vorbei. Bleiben Sie weg.«
»Wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen«, sagte ich ebenso wütend wie bestimmt.
»Die Polizei hat mir bereits jede Menge Fragen gestellt«, giftete sie zurück. In diesem Moment merkte ich, dass ich es völlig falsch angestellt hatte. »Ich wünschte, ich wäre damals nie an die Tür gegangen.«
»Aber dann hätten Sie mir das mit dem blauen Pick-up nicht erzählen können«, sagte ich.
»Ich habe Ihnen aber auch gesagt, dass ich das Mädchen nicht richtig erkannt habe.«
»Ja«, sagte ich, obwohl ich das nach all den Jahren mehr oder weniger verdrängt hatte. Ich vermisste ein Mädchen, und sie hatte gesehen, wie ein Mädchen in einen Pick-up stieg. Außerdem lag Camerons Rucksack dort.
Über die Leitung hörte ich ein lautes Seufzen. Dann begann Ida Beaumont zu reden. »Eine junge Frau bringt mir seit einem halben Jahr Essen auf Rädern«, sagte sie. »Das Essen schmeckt zwar nicht, ist aber dafür umsonst. Manchmal bringt sie mir sogar so viel, dass es für zwei Tage reicht. Sie heißt Missy Klein.«
»Aha«, sagte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. Mein Herz sackte mir in die Hose, weil ich wusste, dass sie schlechte Nachrichten für mich hatte.
»Und sie sagte zu mir: ›Mrs Beaumont, wissen Sie noch, wie Sie vor all den Jahren das Mädchen in den blauen Pick-up steigen sahen?‹ Und ich sagte: ›Na klar, und es hat mir nichts als Ärger eingebracht.‹«
»Ja.« Die böse Vorahnung wurde immer stärker.
»Und dann hat sie mir erzählt, dass sie damals zu ihrem Freund in den Truck gestiegen ist, den sie eigentlich gar nicht treffen durfte, weil er schon über zwanzig war.«
»Es war nicht meine Schwester?«
»Nein. Es war diese Missy Klein, und jetzt bringt sie mir Essen auf Rädern.«
»Sie haben meine Schwester nie gesehen.«
»Nein. Und Missy hat mir erzählt, dass dieser Rucksack bereits dort lag, als sie vorbeikam, um in seinen Wagen zu steigen.«
Ich drohte unter einer Riesenlast zusammenzubrechen. »Haben Sie das schon der Polizei erzählt?«, fragte ich schließlich.
»Nein, ich rufe die Polizei nicht an. Das hätte ich wahrscheinlich tun sollen, aber na ja, sie ist schon so oft gekommen und hat mich nach jenem Tag befragt … Peter Gresham schaut immer noch in regelmäßigen Abständen vorbei. Ich dachte, ich sage es ihm, wenn er das nächste Mal da ist.«
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