Mit einem Kleinkind im Haus konnte und wollte Laura nicht mehr sechzig Stunden pro Woche vor ihrem PC sitzen. Chris lernte sprechen und laufen und ließ nichts von der Launenhaftigkeit und Aufsässigkeit erkennen, die Elternratgeber als normales Verhalten Zwei- bis Dreijähriger beschrieben. Er war ein lieber, aufgeweckter, wißbegieriger Junge, und Laura verbrachte möglichst viel Zeit mit ihm, ohne befürchten zu müssen, ihn dadurch zu verziehen.
»Die erstaunlichen Appelby-Zwillinge«, Lauras viertes Buch, erschien erst im Oktober 1984 - zwei Jahre nach »Die goldene Klinge«. Das Leserecho war keineswegs geringer, wie es manchmal der Fall ist, wenn ein Autor nicht jedes Jahr ein neues Buch schreibt. Die Vorbestellungen lagen höher als bei ihren bisherigen Titeln.
Am 10. Oktober saßen Laura, Danny und Chris auf den Sofas im Wohnzimmer, sahen auf Video alte Road-Runner-Cartoons an - »Brumm, brumm!« sagte Christopher jedesmal, wenn Road Runner blitzartig davonschoß - und aßen Popcorn, als Thelma in Tränen aufgelöst aus Chicago anrief. Laura nahm den Hörer in der Küche ab, aber auf dem Fernsehschirm nebenan versuchte der belagerte Kojote seinen Verfolger in die Luft zu sprengen und jagte sich dabei selbst in die Luft, so daß Laura sagte: »Danny, ich spreche lieber vom Arbeitszimmer aus.«
In den vier Jahren seit Christophers Geburt hatte Thelma Karriere gemacht und war in mehreren großen Spielkasinos in Las Vegas aufgetreten. (»He, Shane, ich muß ziemlich gut sein, denn obwohl die Serviererinnen halbnackt sind und viel Busen und Po zeigen, sehen die Kerle im Publikum manchmal tatsächlich mich an. Andererseits bin ich vielleicht nur für Schwule attraktiv.«) Im vergangenen Jahr war sie im MGM Grand im Hauptsaal aufgetreten, um das Publikum auf Dean Martin einzustimmen, und viermal zu Johnny Carsons »To-night Show« eingeladen worden. Es gab ein Filmprojekt oder sogar Pläne für eine eigene Fernsehserie, und Thelma schien kurz davor zu stehen, als Komödiantin ein Star zu werden. Im Augenblick war sie in Chicago, wo sie demnächst in einem bekannten Club als Hauptattraktion auftreten sollte.
Vielleicht war die lange Reihe positiver Ereignisse in Thel-mas und ihrem eigenen Leben schuld daran, daß Laura sofort in Panik geriet, als sie Thelma schluchzen hörte. Sie ließ sich in den Sessel hinter dem Schreibtisch fallen und griff mit zitternder Hand nach dem Telefonhörer. »Thelma? Was ist los, was hast du, was ist passiert?«
»Ich habe gerade ... dein neues Buch gelesen.«
Da Laura sich nicht vorstellen konnte, weshalb Thelma auf die »Appleby-Zwillinge« so betroffen reagieren sollte, fragte sie sich jetzt, ob ihre Charakterisierung der Zwillinge Carrie und Sandra Appleby irgendwie kränkend gewesen sein mochte. Obwohl keine der geschilderten Episoden aus Ruthies und Thelmas Leben stammte, waren die Applebys natürlich eine Kopie der Ackerson-Zwillinge. Beide waren liebevoll und mit viel Humor gezeichnet; ihre Darstellung enthielt bestimmt nichts für Thelma Beleidigendes, und Laura versuchte in ihrer Panik, ihre besten Absichten zu beteuern.
»Nein, nein, Shane, du hoffnungsloser Dummkopf!« sagte Thelma schluchzend. »Ich bin nicht beleidigt. Ich muß bloß heulen, weil dir was Wundervolles gelungen ist. Carrie Apple-by ist Ruthie, wie ich sie gekannt habe, aber in deinem Buch läßt du Ruthie lange leben. Du läßt Ruthie weiterleben, Shane, und leistest damit weit bessere Arbeit als Gott im richtigen Leben.«
Sie sprachen noch fast eine Stunde miteinander - vor allem über Ruthie, jetzt nicht mehr unter Tränen, tauschten Erinnerungen über sie aus. Danny und Chris erschienen mehrmals etwas ratlos an der offenen Tür des Arbeitszimmers, aber Laura warf ihnen lediglich Kußhände zu und telefonierte weiter, denn dies war einer jener seltenen Fälle, wo Erinnerungen an eine Tote wichtiger waren als die Bedürfnisse der Lebenden.
Zwei Wochen vor Weihnachten 1985, als Chris fünf vorbei war, begann in Südkalifornien die Regenzeit mit einem Platzregen, der Palmenwedel wie Knochen klappern ließ, die letzten Blüten von den Geranien schlug und Straßen überflutete. Chris konnte nicht im Freien spielen. Sein Vater war unterwegs, um Immobilien zu besichtigen, die eine gute Geldanlage sein konnten, und der Junge hatte keine Lust, sich allein zu beschäftigen. Er kam mit allen möglichen Ausreden zu Laura, die daraufhin um 14 Uhr den Versuch aufgab, an ihrem gegenwärtigen Roman zu arbeiten. Sie schickte ihn in die Küche, damit er die Backbleche aus dem Schrank hole, und versprach ihm, er dürfe ihr helfen, Plätzchen mit Schokoladestreusel zu backen.
Bevor sie nach unten ging, holte sie Sir Keith Kröterichs breite Stiefel, den winzigen Regenschirm und seinen karierten Schal aus der Kommode im Schlafzimmer, wo sie auf einen Tag wie diesen gewartet hatten. Auf dem Weg in die Küche ließ Laura sie in der Diele zurück.
Als Laura später ein Blech mit Plätzchen in den Backofen schob, schickte sie Chris zur Haustür, um ihn nachsehen zu lassen, ob der UPS-Paketbote eine Sendung, die sie angeblich erwartete, dort hinterlegt habe. Der Junge kam ganz aufgeregt zurück. »Mami, komm nur, sieh doch!«
In der Diele zeigte er ihr die winzigen Kleidungsstücke, und Laura sagte: »Die gehören Sir Keith, nehme ich an. Oh, habe ich vergessen, dir von unserem neuen Mieter zu erzählen? Ein vornehmer, gebildeter Kröterich aus England, der im Auftrag der Königin hier ist.«
Laura war acht gewesen, als ihr Vater Sir Keith erfunden hatte, und hatte den fabelhaften Kröterich als amüsante Phantasiegestalt akzeptiert. Chris war erst fünf und nahm ihn ernster. »Wo soll er schlafen - im Gästezimmer? Und was ist, wenn Grandpa auf Besuch kommt?«
»Wir haben Sir Keith einen Raum auf dem Dachboden vermietet«, behauptete Laura. »Wir dürfen ihn dort nicht stören oder irgend jemandem außer Daddy von ihm erzählen, weil Sir Keith mit einem Geheimauftrag Ihrer Majestät unterwegs ist.«
Chris starrte sie mit großen Augen an, und sie hätte am liebsten gelacht. Er hatte braunes Haar und braune Augen wie seine Eltern, aber das feingeschnittene Gesicht Lauras. Obwohl er noch so klein war, hatte er irgend etwas an sich, das sie vermuten ließ, er werde eines Tages in die Höhe schießen und so groß und athletisch werden wie Danny. Jetzt brachte er seine Lippen an ihr Ohr und flüsterte: »Ist Sir Keith ein Spion?«
Beim Backen, Aufräumen und Kartenspielen am Küchentisch fragte Chris den ganzen Nachmittag lang immer wieder nach Sir Keith, und Laura entdeckte, daß das Erfinden von Kindergeschichten in mancher Beziehung anstrengender war als das Schreiben von Romanen für Erwachsene.
»Hallo, wo steckt ihr?« rief Danny von der Verbindungstür zur Garage aus, als er gegen 16.30 Uhr nach Hause kam.
Chris sprang vom Küchentisch auf, an dem seine Mutter mit ihm Karten gespielt hatte, und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen. »Pssst, Daddy, Sir Keith schläft vielleicht gerade, er hat eine lange Reise hinter sich, er ist die Königin von England und spioniert auf unserem Dachboden!«
Danny runzelte die Stirn. »Kaum bin ich ein paar Stunden fort, nisten sich hier bereits schuppige britische Spione ein, die noch dazu Transvestiten sind?«
Nachdem Laura später am Abend im Bett besonders leidenschaftlich gewesen war, fragte Danny: »Was hast du heute? Du bist so ... aufgekratzt, so blendend gelaunt.«
Sie schmiegte sich unter der Decke an ihn und genoß das Gefühl, seinen nackten Körper an sich zu pressen. »Oh, ich weiß auch nicht, es liegt nur daran, daß ich lebe, daß Chris lebt, daß du lebst, daß wir zusammen sind. Und die Geschichte mit Sir Keith Kröterich.«
»Die macht dir Spaß.«
»Ja, sie macht mir Spaß. Aber das ist nicht alles. Sie ... nun, sie gibt mir irgendwie das Gefühl, daß das Leben weitergeht, daß es immer weitergeht, daß dieser Zyklus sich wiederholt -klingt verrückt, was? - und daß das Leben für uns, für uns alle noch lange weitergehen wird.«
Читать дальше