»Ich bitte dich, Amar. Du hast doch niemandem wehgetan.« Peter hoffte, dass seine Stimme Zuversicht ausstrahlte.
All das geschah in absoluter Dunkelheit, da sie sich nicht mehr trauten, das Licht anzumachen. Erika Moll hatte sich als kleines Kind sehr vor der Dunkelheit gefürchtet. Diese Furcht lebte jetzt wieder auf, als sie Amars verängstigtem Gestammel zuhörte. Amars Leiden nahm Erika Moll mehr mit als die anderen, und sie begann zu weinen. Sie konnte gar nicht mehr damit aufhören.
»Kann jemand mal diese Frau abstellen?«, sagte Danny Minot. »Schlimm genug, dass Amar gerade überschnappt, aber dieses Geschluchze geht mir allmählich auf die Nerven.« Er fing wieder an, seine Nase zu reiben und sich mit den Fingerspitzen im Gesicht herumzufahren.
Peter konnte sehen, dass es Danny auch nicht sehr gut ging, trotzdem kümmerte er sich jetzt erst einmal um Erika. Er legte den Arm um sie und strich ihr übers Haar. Sie hatten sich geliebt, aber das hier hatte nichts mit Liebe zu tun, hier ging es ums Überleben. Er versuchte nur, diese Leute vor dem Sterben zu bewahren. »Alles wird gut«, sagte er ihr und drückte ihre Hand.
Erika begann, das Vaterunser zu beten. »Vater unser im Himmel …«
»Sie wendet sich immer dann an Gott, wenn die Wissenschaft ihr nicht weiterhilft«, sagte Danny.
»Was weißt du denn schon über Gott?«, sagte Rick.
»So viel wie du, Rick.«
Die anderen versuchten zu schlafen. Das Moos war warm und weich, und sie waren nach diesem aufreibenden Kampf völlig erschöpft. Keiner von ihnen wollte einschlafen, aber der Schlaf nahm sie dann doch noch sanft in die Arme.
30. OKTOBER, 11:30 UHR
Lieutenant Dan Watanabe saß in einem Lokal namens Deluxe Plate im Stadtzentrum von Honolulu und hielt ein Stück Spam-Sushi in den Fingern. Dieses besondere Sushi bestand aus einem Kloß aus gebratenem Reis, der zwar, wie es sich gehörte, mit getrocknetem Seetang umwickelt war, in dessen Innerem jedoch ein Stück Spam steckte. Spam war eine Dosenfleischsorte, die in Hawaii sehr beliebt war. Er biss hinein. Der Seetang, der gebratene Reis und das gepökelte Schweinefleisch verbanden sich in seinem Mund zu einem Geschmack, den es so nur in Hawaii gab.
Um es zu genießen, kaute er ganz langsam. Im Zweiten Weltkrieg kamen ganze Schiffsladungen Spam in Hawaii an, um die Truppen zu ernähren. Die amerikanischen Soldaten fochten diesen Krieg mithilfe von Spam aus. Spam und die Atombombe garantierten den amerikanischen Sieg. Zur selben Zeit hatten die Einwohner von Hawaii eine Leidenschaft für dieses Dosenfleisch entwickelt, eine Liebe, die nie vergehen sollte. Dan Watanabe hielt Spam sogar für Gehirnnahrung. Er glaubte, dass er mit seiner Hilfe besser über einen Fall nachdenken konnte.
Im Moment dachte er über den vermissten Technischen Leiter von Nanigen nach. Dieser Manager namens Eric Jansen war offenbar am Makapu’u Point ertrunken, als der Motor seines Bootes ausgesetzt hatte und es daraufhin in der schweren Brandung gekentert war. Allerdings hatte man seine Leiche bisher nicht gefunden. Dann wiederum gab es im Molokai Channel, der Meerenge zwischen dem Makapu’u Point und der Insel Molokai, viele Weiße Haie, die den Leichnam gefressen haben konnten. Der Körper hätte eigentlich in der Nähe von Koko Head angeschwemmt werden müssen, da die vorherrschenden Winde und Strömungen ihn dorthin treiben würden. Stattdessen war er verschwunden. Dann tauchte kurz nach Erics Verschwinden dessen Bruder Peter Jansen in Hawaii auf.
Und dann verschwand auch noch Peter.
Die Honolulu Police hatte einen Anruf des Sicherheitschefs von Nanigen, Donald Makele, erhalten, in dem dieser meldete, dass sieben Forschungsstudenten aus Massachusetts zusammen mit der Finanzchefin von Nanigen namens Alyson F. Bender vermisst würden. Einer dieser Studenten war nun ausgerechnet Peter Jansen. Die Studenten hatten gerade mit Nanigen über ihre Anwerbung gesprochen. Alle acht Personen, einschließlich dieser Ms. Bender, gingen abends aus und kehrten nie mehr zurück.
Die Vermisstenabteilung des Honolulu Police Department hatte Don Makeles Anruf entgegengenommen. Sie hatte einen Bericht verfasst, der dann in das Bulletin der wichtigsten Tagesereignisse aufgenommen wurde, das jeden Morgen durch das ganze Department zirkulierte. Dadurch hatte auch Watanabe davon erfahren. Also gab es jetzt zwei vermisste Nanigen-Manager, Eric Jansen und Alyson Bender. Plus sieben Studenten.
Neun Leute mit Verbindungen zu Nanigen waren einfach so verschwunden.
Natürlich verschwanden immer wieder Menschen in Hawaii, vor allem junge Touristen. Die Brandung konnte sehr gefährlich sein. Oder sie gingen auf eine Sauftour, oder sie dröhnten sich so mit Marihuana voll, dass sie sich nicht einmal mehr an ihren eigenen Namen erinnern konnten. Manche flogen mal schnell nach Kauai und gingen an der Na Pali Coast wandern, ohne jemand davon zu erzählen. Aber neun Leute, die alle etwas mit Nanigen zu tun hatten, aus ganz unterschiedlichen Orten stammten und unterschiedlichen Beschäftigungen nachgingen – und die verschwinden alle?
Nanigen.
Dan Watanabe nahm noch einen Schluck Kaffee und aß den Rest seines Sushi. Er verspürte ein unbehagliches Gefühl, gemischt mit einer gehörigen Portion professioneller Neugier. Er konnte es fast riechen. Der Hauch eines Anfangsverdachts. Und der Geruch eines unaufgedeckten Verbrechens.
»Darf ich noch etwas nachschenken?«, fragte ihn Misty, die Kellnerin, die eine große Kaffeekanne in der Hand hielt.
»Danke, gern.« Es war Kona-Kaffee, der stark genug war, um ihn durch den Nachmittag zu bringen.
»Nachtisch, Dan? Wir haben schönen Haupia-Pie.«
Watanabe tätschelte sich den Bauch. »Du meine Güte! Nein danke, Misty. Der Spam war schon überreichlich.«
Misty legte die Rechnung auf den Tisch, und er schaute aus dem Fenster. Draußen tippelte gerade eine betagte Chinesin vorbei, die einen Korb auf Rollen mit ihrem Tageseinkauf hinter sich herzog, zu dem auch ein in Zeitungspapier eingewickelter Fisch gehörte, von dem nur noch der Schwanz herausschaute. Ein Schatten jagte jetzt die Straße entlang und verdunkelte kurzzeitig die Passanten. Es war eine schnell vorbeiziehende Wolke, die von grellem Sonnenlicht und einem weiteren Wolkenschatten abgelöst wurde. Wie gewöhnlich trieben die Passatwinde Regen und Sonnenschein über Oahu. Regen und Sonne zogen in unendlichem Wechsel über die Insel. Wenn man dann in Richtung der Berge schaute, sah man oft mehrere Regenbögen gleichzeitig.
Er setzte seine Sonnenbrille auf und ging zurück zum Polizeihauptquartier. Er nahm sich Zeit, fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und versuchte, ein Stück Spam aus einer Lücke zwischen seinen Backenzähnen herauszupulen. Watanabe hatte eine Entscheidung getroffen.
Er hatte sich entschieden, Ermittlungen in der Nanigen-Sache aufzunehmen.
Allerdings erst einmal im Stillen.
Die Sache war nämlich hochsensibel. Nanigen war ein reiches Unternehmen mit einem prominenten Chef. Die Firma hatte vielleicht auch politische Verbindungen, wer weiß. Um genug Zeit für die Nachforschungen über Nanigen zu haben, würde er die Ermittlungen in einem anderen, recht bizarren Fall zurückfahren müssen. Die drei toten Männer – der Anwalt Willy Fong, der Privatdetektiv Marcos Rodriguez und der nicht identifizierte männliche Asiate. Die Opfer waren aus zahlreichen Schnittwunden verblutet, während sie sich in Wongs von innen abgeschlossenem Büro aufgehalten hatten. Der Willy-Fong-Schlamassel, wie er es gerne nannte, würde warten müssen. Was diesen Fall anging, machte er sowieso keine Fortschritte.
Im Hauptquartier schaute er im Büro seines Chefs Marty Kalama vorbei. »Ich möchte diese Vermisstenfälle bei Nanigen näher untersuchen.«
»Warum, Dan?«, fragte Kalama, lehnte sich zurück und blinzelte schnell.
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