In diesem Augenblick hörte Peter, wie Jenny Linn auf der gegenüberliegenden Seite des Labors ausrief: »Wow, seht euch das an!« Sie schaute durchs Fenster auf die Straße hinunter. Sie konnten das Donnergrollen von Hochleistungsmotoren hören. Jenny meinte dann noch: »Peter, schau mal. Ist das dein Bruder?«
Alle, die sich gerade im Labor aufhielten, stürzten ans Fenster.
Peter erkannte tatsächlich seinen Bruder. Eric strahlte wie ein kleines Kind und winkte zu ihnen hinauf. Er stand neben einem kanariengelben Ferrari-Cabriolet und hielt eine wunderschöne blonde Frau im Arm. Hinter ihnen stand ein zweiter Ferrari, dessen schwarze Karosserie in der Sonne glänzte. Jemand sagte: »Zwei Ferraris! Da unten steht eine halbe Million Dollar.« Das Dröhnen der Motoren wurde von den Forschungslaboratorien rechts und links der Divinity Avenue zurückgeworfen.
Aus dem schwarzen Ferrari stieg jetzt ein Mann aus. Er war eine äußerst gepflegte Erscheinung und trug sündhaft teure Designerkleidung. Trotzdem wirkte er lässig und locker.
»Das ist Vin Drake«, sagte Karen King, die aus dem Fenster auf ihn hinunterschaute.
»Wieso kennst du den?«, fragte Rick Hutter, der neben ihr stand.
»Wer kennt den nicht?«, antwortete Karen. »Vin Drake ist wahrscheinlich der erfolgreichste Investor von ganz Boston.«
»Wenn du mich fragst, ist das eine absolute Schande«, schimpfte Rick. »Diese Autos hätte man schon vor Jahren verbieten müssen.«
Aber keiner hörte ihm mehr zu. Sie waren bereits alle auf dem Weg zur Treppe, um auf die Straße hinunterzueilen. Rick fragte: »Was soll die Aufregung?«
»Hast du’s nicht mitbekommen?«, sagte Amar, als er an Rick vorbeistürmte. »Die sind hier, um Leute anzuwerben.«
»Anwerben? Wen wollen sie denn anwerben?«
»Jeden, der auf einem Forschungsfeld gute Arbeit leistet, an dem wir interessiert sind«, teilte Vin Drake den Studenten mit, die sich eng um ihn drängten. »Mikrobiologie, Entomologie, Ethnobotanik, Phytopathologie – kurz, alle, die die natürliche Welt auf der Mikro- oder Nanoebene erforschen. Diese Leute suchen wir, und wir stellen sie auch sofort ein. Bei uns benötigen Sie keine Promotion. So etwas interessiert uns nicht. Wenn Sie talentiert sind, können Sie bei uns Ihre Doktorarbeit schreiben. Aber Sie müssen nach Hawaii umziehen, denn dort befinden sich unsere Labore.«
Ein paar Schritte von Drake entfernt umarmte Peter seinen Bruder Eric und fragte ihn dann: »Stimmt das? Du stellst schon neue Leute ein?«
Die blonde Frau antwortete: »Ja, das stimmt.« Sie stellte sich als Alyson Bender, Finanzchefin des Unternehmens, vor. Peter fielen ihr ziemlich kühler Händedruck und ihre kurz angebundene Art auf. Sie trug ein beiges Geschäftskostüm und eine Halskette aus Naturperlen.
»Bis Ende des Jahres benötigen wir mindestens hundert erstklassige Wissenschaftler«, fuhr sie fort. »Die sind aber rar, obwohl wir ihnen die wahrscheinlich beste Forschungsumgebung der gesamten Wissenschaftsgeschichte bieten können.«
»Tatsächlich? Wie denn das?«, fragte Peter erstaunt. Das war eine ziemlich großspurige Behauptung.
»Doch, das stimmt wirklich«, bestätigte sein Bruder. »Vin wird’s euch später erklären.«
Peter schaute zum Auto seines Bruders hinüber. »Hättest du was dagegen …« Er konnte einfach nicht mehr an sich halten. »Könnte ich mich einmal kurz da reinsetzen? Nur für eine Minute?«
»Sicher, kein Problem.«
Peter schlüpfte hinter das Lenkrad und schloss die Tür. Der Schalensitz schmiegte sich seinen Konturen an, das Leder roch herb, die Instrumente und Armaturen waren groß und nüchtern. Das Lenkrad war klein, und auf ihm befanden sich ungewöhnliche rote Knöpfe. Im gelben Lack der Karosserie spiegelte sich das Sonnenlicht. Alles wirkte dermaßen luxuriös, dass er sich etwas unsicher fühlte. Dabei wusste er nicht einmal, ob er dieses Gefühl mochte oder nicht. Er rückte auf dem Sitz hin und her und spürte unter seinem Schenkel etwas Hartes. Er holte einen weißen Gegenstand hervor, der wie ein einzelnes Popcorn aussah. Er war auch so leicht wie ein Popcorn. Es handelte sich jedoch eindeutig um einen Stein. Er befürchtete, dass dessen raue Kanten das kostbare Leder beschädigen könnten, und steckte ihn deshalb in die Tasche, bevor er aus dem Cabrio ausstieg.
Ein Stück weiter blickte Rick Hutter mit finsterem Gesicht auf den schwarzen Ferrari, den Jenny Linn gerade bewunderte. »Du solltest eigentlich begreifen, Jenny«, sagte er schließlich, »dass dieses Auto so viele wertvolle Ressourcen verschwendet, dass man es als einen Angriff auf Mutter Erde betrachten könnte.«
»Wirklich?«, entgegnete Jenny. »Hat sie dir das erzählt?« Sie fuhr mit dem Finger über den Kotflügel. »Ich finde diesen Wagen wunderschön.«
In einem Raum im Untergeschoss, in dem nur eine Kaffeemaschine und ein paar billige Plastikmöbel standen, hatte sich Vin Drake an einem Resopaltisch niedergelassen. Links und rechts von ihm saßen die beiden Nanigen-Chefs Eric Jansen und Alyson Bender. Die Forschungsstudenten drängten sich in einer dichten Traube um sie, einige setzten sich auf die Tischplatte, andere lehnten sich an die Wand.
»Sie alle sind junge Wissenschaftler, die gerade erst am Anfang ihrer Karriere stehen«, begann Vin Drake seinen Vortrag. »Sie müssen sich deshalb immer vor Augen halten, wie es in Ihrem Arbeitsgebiet zugeht. Warum wird in der Wissenschaft so viel Wert auf das absolute Neuland gelegt? Warum möchte jeder genau dort tätig sein? Weil alle Preise und Auszeichnungen an die neuesten Forschungsfelder gehen. Als vor dreißig Jahren die Molekularbiologie noch ganz neu war, fanden zahlreiche wichtige Entdeckungen statt, die zu etlichen Nobelpreisen führten. Später waren die Erkenntnisse dort nicht mehr ganz so fundamental und weit weniger innovativ und bahnbrechend. Die Molekularbiologie war nicht mehr neu. Inzwischen waren die besten Leute zur Genetik oder Proteomik übergewechselt, oder sie arbeiteten auf ganz bestimmten Gebieten wie der Funktionsweise des Gehirns und des Bewusstseins oder der Zelldifferenzierung, wo es noch eine Menge ungelöste Fragen und Probleme gab. War das eine gute Strategie? Eigentlich nicht, denn diese Probleme sind immer noch ungelöst. Es genügt also offensichtlich nicht, dass das Forschungs feld neu ist. Es muss auch neue Geräte geben. Galileis Teleskop führte zu einer neuen Sicht des gesamten Universums und Leeuwenhoeks Mikroskop zu einer neuen Sicht des Lebens. Und so ging es bis zu unserer eigenen Gegenwart immer weiter, in der die Radioteleskope die astronomischen Kenntnisse explodieren ließen. Unbemannte Raumsonden schrieben unsere Kenntnisse des Sonnensystems vollkommen um. Das Elektronenmikroskop änderte die Zellbiologie, und so weiter und so fort. Neue Werkzeuge und Gerätschaften führen zu bedeutenden Forschungsfortschritten. Als junge Forscher sollten Sie sich also fragen: Wer verfügt über diese neuen Werkzeuge?«
Kurze Zeit herrschte Schweigen. Schließlich sagte jemand: »Also schön: Wer verfügt denn über diese neuartigen Werkzeuge?«
»Wir«, antwortete Vin. »Nanigen MicroTechnologies. Unser Unternehmen verfügt über Werkzeuge, die die Grenzen der Forschung in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts bestimmen werden. Ich mache keine Witze, und ich übertreibe nicht. Ich erzähle Ihnen die nackte Wahrheit.«
»Das ist eine ziemlich gewagte Behauptung«, sagte Rick Hutter. Er lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und hielt sich an einem Pappbecher voller Kaffee fest.
Vin Drake schaute ihn ganz ruhig an. »Wir machen diese großartigen Behauptungen nicht ohne Grund.«
»Was genau sind denn dann Ihre Werkzeuge?«, fragte Rick weiter.
»Das ist ein Geschäftsgeheimnis«, entgegnete Vin. »Wenn Sie es herausfinden wollen, müssen Sie eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und nach Hawaii kommen, um sich das Ganze dort selbst anzuschauen. Wir zahlen Ihren Flug.«
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