Wagner konnte es ihnen nicht verdenken. Sie suchten Jana.
Und Jana war verschwunden.
Wieder frei zu sein und außer Gefahr, hinterließ gemischte Empfindungen in Wagner. Zum einen kaum zu beschreibende Erleichterung, andererseits bleierne Gleichgültigkeit. Es ist normal, dachte sie, wahrscheinlich haben die Nerven abgeschaltet oder irgendwas. Geist und Körper wollen ihre Ruhe. Selbstschutz. Wovon man so las. An O’Connor gelehnt, hörte sie teilnahmslos zu, wie er den Plan schilderte, den er gemeinsam mit der Terroristin entwickelt hatte, wie sie den kleineren der beiden erschossenen Agenten in ihre Kluft gesteckt und ihm die Perücke übergezogen hatten, während sich Jana mit Blut beschmierte und in die Kluft des Toten schlüpfte. Die Maskerade war beinahe lächerlich in ihrer Unbeholfenheit gewesen, eine makabre Travestie. Mirko hatte es nur darum nicht sofort erkannt, weil er nichts anderes zu sehen erwartet hatte. In seiner Erinnerung lagen die beiden Agenten dort, wo er sie auch vorfand. Seine Aufmerksamkeit hatte anderen Dingen gegolten, nicht einem blutigen Bündel, das verdreht dalag, mit einem Arm den halben Kopf verdeckend, ganz offensichtlich einer seiner Männer.
Wagners Blick wanderte hinüber auf die andere Straßenseite.
Zwanzig Minuten nachdem O’Connor Lavallier angerufen hatte, glich die Spedition einem Testgelände für Polizeieinsätze. Auf der Straße parkten mehrere Mannschaftswagen. Flutlichtstrahler waren herbeigeschafft worden. Das Rolltor stand weit offen und gab den Blick frei auf hektische Aktivitäten im Innenhof und in der Halle. Uniformierte liefen ein und aus, Teams der Spurensicherung untersuchten die beiden Lastwagen, den YAG und überhaupt alles. Zwischen den Polizeifahrzeugen parkten quer über den Gehsteig zwei Notarztwagen. Die Ärzte und Sanitäter waren in der Halle verschwunden und noch nicht wieder zum Vorschein gekommen. Das Letzte, was sie gehört hatte, war, dass es offenbar Schwierigkeiten gab, Kuhn zu transportieren. Er litt an inneren Verletzungen und Knochenbrüchen und hatte das Bewusstsein verloren. Sie konnten nicht genau sagen, wie sein Körper reagieren würde, wenn man ihn bewegte. Sie kämpften um ihn. Das war alles. Silberman war bei ihm, dessen Streifschuss sich unproblematisch hatte versorgen lassen. Der überlebende Agent befand sich bereits im Innern eines der Notarztwagen. Wagner wusste nicht, ob sie ihn verhörten oder ob er überhaupt in der Lage war, zuzuhören und Fragen zu beantworten.
Es war ihr gleich.
Sie fragte sich, ob sie den Anblick der Halle je würde vergessen können. Zumindest weit genug zurückdrängen, dass die Bilder sie nicht in ihren Träumen heimsuchten. In einer Anwandlung von Selbstquälerei versuchte sie, sich in Erinnerung zu rufen, wie viele Leichen da drinnen herumlagen, aber es gelang ihr nicht. Ihr Verstand weigerte sich, darüber nachzudenken, und sie ließ ihn
dankbar seine Barrieren errichten.
Das Einzige, was sie wirklich glücklich machte, war, dass sie Mirko nicht hatte töten müssen. Es war misslungen. Die Gewissheit, versagt zu haben, hatte ihr Schauer des Entsetzens und der Angst über den Rücken gejagt, aber im Nachhinein erwies sich der Fehlschuss als Segen. Vielleicht würde sie in Zukunft schweißnass und schreiend aufwachen, aber wenigstens nicht wegen eines Menschen, dessen Leben sie genommen hatte. Auch wenn er Mirko hieß und eine Bestie gewesen war.
»Wann können wir nach Hause?«, fragte sie.
Bär lächelte.
»Sobald wir hier fertig sind«, sagte er. »Es tut mir leid, aber so lange müssen wir Sie bitten, uns zur Verfügung zu stehen.«
»Wir haben doch schon alles drei Mal erzählt.«
Er machte eine Notiz in einem Buch, ohne darauf einzugehen. »Mir ist immer noch nicht klar, wohin Jana… nein, Sie sagten, ihr Name sei Sonja. Sonja… helfen Sie mir auf die Sprünge.«
»Irgendwas mit K. Ich erinnere mich nicht mehr. Sie hat den Namen nur einmal genannt.«
»Ja, richtig. Was mich wundert, ist, dass niemand von Ihnen gesehen hat, wie sie die Halle verließ.«
»Wir hatten genug anderes zu sehen«, sagte O’Connor.
»Obwohl sie gerade einen Mann erschossen hatte?«
»Es war ein schreckliches Durcheinander danach«, sagte Wagner. »Wir wussten nicht, ob er wirklich tot war und–«
»Mit einem Loch in der Stirn? Sie wussten es nicht?«
»Wir mussten uns überzeugen. Was erwarten Sie? Wir hatten Angst, da war Kuhn, der sich nicht mehr rührte, dieser verletzte Agent .«
»Jana hatte immerhin Zeit, die Perücke mitgehen zu lassen.«
»Dann wird es ja kein Problem sein, sie zu finden«, sagte O’Connor, Erleichterung simulierend. »Wenn Ihre Leute jede Frau an den Haaren ziehen…«
Der andere Kommissar beugte sich vor.
»Ich möchte Ihnen nichts unterstellen, Dr. O’Connor. Ihre Kooperation am Flughafen ist sehr positiv zu Buche geschlagen, trotzdem ist Ihre Rolle aus unserer Sicht nicht hinreichend geklärt. Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass es den guten Eindruck verderben könnte, wenn Sie Informationen zurückhalten.«
»Ich habe bis jetzt noch jeden guten Eindruck von mir verdorben«, sagte O’Connor höflich. »Ich gebe mir alle Mühe.«
»Das ist schön.«
»Dafür halte ich es mit der Wahrheit. Zum Teufel mit Ihrem berufsmäßigen Misstrauen, warum sollten wir diese Frau decken? Ihre Unterstellungen sind idiotisch.«
»Niemand sagt, dass Sie Jana decken«, beeilte sich Bär zu versichern. »Bitte verstehen Sie uns. Sie haben in diesem Fall unglaubliche Hilfe geleistet. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie dankbar wir Ihnen sind. Aber Sie wissen auch, was es bedeutet, wenn die Frau in der augenblicklichen Situation durch Köln läuft. Es ist Gipfel.«
O’Connor schüttelte den Kopf.
»Sie wird keinen zweiten Versuch unternehmen, Clinton zu töten.«
»Was macht Sie da so sicher?«
»Wir haben den Laser gefunden. Das Ding ist nicht mehr einsatzfähig. Was würden Sie an Janas Stelle tun? Ins Hyatt marschieren und Clinton im Schlaf mit dem Kissen ersticken?«
»Hat sie gesagt, dass sie fliehen will?«
»Darüber haben wir uns nicht unterhalten. Sie ist weg. Wenn wir wüssten, wo sie ist, würden wir es Ihnen sagen.«
Bär kaute an seinem Kugelschreiber.
»Ich glaube«, sagte Wagner, »sie wird fliehen.«
»Warum glauben Sie das?«
Sie wollte darauf antworten, als sie Silberman aus der Spedition humpeln sah. Er kam langsam zu ihnen herüber. Dahinter schob das Team des Notarztwagens eine Bahre heraus.
»Kuhn«, rief sie aus, als er näher kam. »Wie geht es ihm?«
Plötzlich sah sie, dass der Korrespondent geweint hatte. Seine Augen waren verquollen und gerötet.
Er schüttelte den Kopf und ging an ihnen vorbei.
Wagner versuchte, Trauer zu empfinden. Es gelang ihr nicht. Der Tag würde kommen, irgendwann. Jetzt wollte sie nur noch ins Bett und einschlafen, während O’Connor ihre Hand hielt, sie festhielt, damit sie nicht zurückgleiten konnte in den Alptraum der letzten Stunde.
Bär lächelte wieder.
»Wir lassen Sie erst mal in Ruhe«, sagte er leise.
O’Connor legte den Arm um ihre Schultern und begann sie sanft zu wiegen. Wie zwei Kinder saßen sie in dem offenen Wagen, ließen die Beine herausbaumeln und sahen den Polizisten bei der Arbeit zu.
»Sind wir schuld?«, flüsterte sie nach einer Weile.
Er ließ ein kurzes Schweigen verstreichen.
»Wir sind alle schuld«, sagte er. »An allem.«
Die Sonne schien. Das Thermometer verzeichnete siebenundzwanzig Grad Celsius. Durch das geöffnete Fenster ging ein leichter Wind und bauschte die weißleinenen Vorhänge.
O’Connor lag auf dem Bett und las in einer Illustrierten, als Wagner aus der Dusche kam. Sie warf das Handtuch auf den Boden, nahm ihm die Zeitschrift weg und küsste ihn.
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