»Doch. Es stand zu lesen, er hätte sich entschuldigt. Weltpolitisches Allerlei, das ihn an Bord festgehalten hatte, und so weiter.«
»Ich weiß nicht.«
»Ach, Aaron, die machen auch nur ihren Job. Warten Sie bis nach dem Gipfel. Wahrscheinlich ist der erste Leitartikel Ihrer.«
Silberman war nicht überzeugt gewesen.
Aber mehr gab es darüber nicht zu sagen, also hatten sie das Thema gewechselt und sich über Wirtschaftshilfe und Schuldenerlasse für die Dritte Welt unterhalten. Irgendwie war Köln politisiert. Ein großes Theater, an dem Politik gegeben wurde, und man diskutierte das Programm.
Wagner betrachtete sich prüfend in dem großen, frei stehenden Spiegel neben dem Bett.
»Ich find’s nett, dass er uns besuchen kommt«, sagte sie, während sie die Knöpfe ihrer Levi’s schloss.
»Ja, ich komischerweise auch«, rief O’Connor aus dem Bad. »Dabei konnte ich ihn anfangs nicht besonders leiden.«
»Ich glaube schon, dass du ihn leiden konntest. Du konntest lediglich nicht leiden, dass er nicht gleich vor dir in die Knie gegangen ist.«
Sie fuhr sich mit den Fingern durch das lange, honigfarbene Haar und überlegte, ob sie es zum Pferdeschwanz binden sollte. Dann beschloss sie, es zu lassen, wie es war. Lang und liebevoll in Unordnung gebracht. Neuerdings gefiel es ihr so besser als die glatt gekämmte, kontrollierte Variante.
»Wenn du so weitermachst, werde ich ihn noch richtig lieb gewinnen«, spottete O’Connor. Er kam aus dem Bad. Immer noch kündeten kleinere Verbände und Pflaster an den Händen von seinem Sturz durch das Glasdach des Terminals, aber es störte das Gesamtbild nicht. Er trug sandfarbene Jeans und ein schwarzes Poloshirt und sah blendend aus. Sie gingen über den Flur zum Aufzug und fuhren nach unten in die Lobby.
Die mehrstöckige Halle des Maritim unter dem gigantischen Glasgiebeldach war angelegt wie eine Straße, mit Geschäften, Restaurants und Cafes. Im hinteren Teil des Basements lag ein Bistro. Die Tische nahe der gläsernen Rückfront boten einen schönen Blick auf den Rhein.
Lavallier erhob sich, als er sie kommen sah.
»Sie sehen beide sehr gut aus«, sagte er.
»Danke«, sagte O’Connor.
Sie schüttelten einander die Hände und nahmen Platz.
»Sie wissen ja, wir haben Urlaub«, sagte Wagner. »Wenn auch keinen ganz freiwilligen.«
»Ja, ich weiß.« Lavallier lächelte. »Genießen Sie das schöne Wetter. Wir haben nicht so viel davon in Köln. Oh, bevor ich es vergesse…« Er griff in eine Tüte neben seinem Stuhl und förderte eine Flasche zutage. »Man sagte mir, dass Sie so was mögen, Doktor. Ich hoffe, es entspricht einigermaßen dem Niveau, auf dem Sie sich zu ruinieren gedenken.«
O’Connor nahm die Flasche in Empfang und betrachtete mit hochgezogenen Brauen das Etikett.
»Glenfarclas!« Er grinste. »Sie sind ein Experte, Monsieur le Com- missaire! Wie hätte ich das ahnen können?«
»Gar nicht. Der Mann im Spirituosenladen hat mir gesagt, was ich kaufen soll. Ich dachte, da Sie in naher Zukunft ja wohl keine Flüge und Stürze mehr zu erwarten haben .«
Sie bestellten Kaffee und Sandwiches. O’Connor bestand darauf, den Inhalt der Flasche unverzüglich einer ausgiebigen Prüfung zu unterziehen, aber Lavallier war im Dienst, also blieb es bei Kaffee.
»Wir werden sie leeren und Ihrer gedenken«, sagte O’Connor herzlich.
Immerhin.
Es ging wieder los.
»Erzählen Sie schon, wie geht es Ihnen?«, sagte Wagner. »Noch viel um die Ohren wegen der… Geschichte?«
Lavallier zuckte die Achseln.
»Nein, eigentlich nicht. Es ist nicht mehr mein Fall.«
»Warum? Die falschen Fragen gestellt?«
Er lachte.
»Ich bin nicht suspendiert, wenn Sie das meinen. Nein, es ist schlicht eine Frage der Kompetenzen. Mein Einsatzbereich ist der Flughafen. Die Sache ist über Bundesebene hinausgegangen, das heißt, die Jungs vom BKA kümmern sich drum, Europol, Interpol, die Amerikaner. Bär leitet jetzt die Ermittlungen und ein paar andere über ihm. Ich bin nicht unglücklich damit.« Er ließ ein kurzes Schweigen verstreichen. »Es tut mir sehr leid um Ihren Freund. Das wollte ich Ihnen sagen.«
Wagner nickte. Plötzlich verspürte sie wieder diese Traurigkeit. Um Kuhn. Und darum, dass sie nicht wirklich trauern konnte.
»Danke, dass Sie gekommen sind.«
Lavallier zögerte.
»Na ja«, sagte er. »Ich glaube, ich bin nicht nur deswegen gekommen.«
O’Connor betrachtete ihn aufmerksam.
»Irgendetwas Neues?«
»Ja und nein. Die Ermittlungen sind in vollem Gange.«
»Und Jana?«
»Keine Spur. Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass wir sie jemals finden werden.«
»Warum so pessimistisch?«
»Bin ich nicht. Es ist einfach nur unwahrscheinlich. Das heißt, wir haben sie ja sogar gefunden.«
Wagner sah auf. Unbehagen beschlich sie.
»Also doch.«
»Es sieht ganz danach aus. Sie war in einem Hotel in der Kölner Innenstadt abgestiegen. Herausgefunden haben wir es über Gruschkow. Der Mann mit der Glatze, Sie erinnern sich, der bei der Schießerei ums Leben gekommen ist. An der Rezeption haben sie ihn eindeutig als denjenigen identifiziert, in dessen Begleitung sie vor vierzehn Tagen angereist war.«
»Das klingt doch gut«, sagte O’Connor.
»Klingt.« Lavallier nippte an seinem Kaffee. »Sie war unter anderem Namen abgestiegen. Geschäftsfrau mit einem Unternehmen im Piemont. Hatte übrigens die Frechheit, gleich nach ihrer Flucht in aller Seelenruhe ihre Zimmerrechnung zu bezahlen und ihr Gepäck abzuholen. Die italienischen Behörden haben ihre Identität bestätigt. Sehr gesunder Laden, den sie da hatte, es bestand nicht der geringste Grund, ihn zu liquidieren.«
»Und das ist geschehen?«
»Vor drei Tagen. Ihr Finanzdirektor hat sich ebenfalls abgesetzt,
er hatte die Liquidation vorbereitet.«
»Und Mirko?«
»Noch undurchsichtiger.«
O’Connor runzelte die Stirn. »Hat Bär Ihnen von meiner kleinen Theorie erzählt?«
»Kleine Theorie? Ach so, der amerikanische Hintergrund der Sache. Ja, hat er. Ich hörte, sie quetschen den verletzten Agenten aus wie eine Zitrone, aber er weiß auch nicht alles. Die Amerikaner sind auf das Äußerste besorgt. Es stimmt sie nicht gerade glücklich, dass einer ihrer ranghöchsten Beamten in diese Geschichte verwickelt ist, zu allem Überfluss auch noch der Mann, der im Hyatt für Clintons Sicherheit sorgen sollte.«
»Was? Das war Mirko?«
Lavallier tat, als habe er nicht richtig hingehört.
»Was meinen Sie?«, fragte er.
»Sie sagten gerade–«
»Ich habe gar nichts gesagt.«
O’Connor drehte sein Sandwich um und um und legte es zurück auf den Teller.
»Der Kerl hat uns fast umgebracht«, sagte er missmutig. »Ich wüsste wirklich gern, wer der Schweinehund war.«
»Möglicherweise ein Kontaktmann zur rechtsextremen Szene in den Staaten. Die ganz großen Kaliber. Vorgestern hörte ich, er sei Amerikaner serbischer Herkunft. Gestern, dass wahrscheinlich nicht mal das stimmt. Sie wissen nicht, woher er stammt und wie er heißt.« Er machte eine Pause. »Und welches seine Ziele waren.«
Wagner betrachtete den Hauptkommissar. Sie mochte ihn. Lavallier war ein netter Kerl, und er versuchte, ihnen Verschiedenes zu sagen. Vielleicht würde er noch mehr erzählen, wenn sie ihrerseits offener zu ihm waren.
Sie dachte zurück an den Moment, als sie um Mirkos Leiche herumgestanden hatten.
Die Sorge um Kuhn. Silberman bei dem Lektor. Alarmiert, weil er keinen Puls mehr fühlte.
Sie in O’Connors Arm.
Ihr Blick hatte auf Jana geruht. Einen Moment lang war sie wieder in der Halle. Sah, wie die Terroristin dem maskierten Agenten die Perücke herunterzog und zur Tür ging. Dort stehen blieb, sich noch einmal umdrehte. Niemand, der ihr Beachtung schenkte in diesen Sekunden.
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