Mirkos Bedingungen hingegen hatten sie nicht sonderlich überrascht. Es war üblich, dem Wunsch eines Kollegen nach Anonymität Respekt zu zollen. Die terroristische Szene unterschied sich insoweit von der rein kriminellen, als sie Kooperation über Zwistigkeiten stellte. Das geschah aus Eigeninteresse, nicht aus Ehrbarkeit. Terroristen lernten voneinander. Sie schätzten die Zusammenarbeit, sofern sie nicht – wie in den religiösen Lagern – auf zwei grundsätzlich verschiedenen Seiten standen.
Eine Ausnahme bildeten die Professionals. Wer ausschließlich für Geld arbeitete, war mehr als jeder andere darauf angewiesen, unerkannt zu bleiben. Auftragsattentäter hinterließen keine Bekennerschreiben. Sie verspürten nicht den Drang des Outings. Sie hatten keine Botschaften für die Welt, sondern Nummernkonten. Jana schätzte, dass Mirko, so patriotisch er sich geben mochte, dem professionellen Lager zuzurechnen war. Wenn seine Auftraggeber, wie er angedeutet hatte, in den Machtzentren Serbiens zu finden waren, musste er ihre nationalistischen Motive darum noch lange nicht teilen. Auch und gerade als Neutraler leistete er ihnen wertvolle Dienste. Jana selbst war dafür ein ideales Beispiel.
Ein anderes war Slobodan Milosevic. Er vertrat den Nationalismus nicht, sondern bediente sich seiner, ein ehemals kommunistischer Betonkopf mit einem todsicheren Gespür für Trends. Gerade weil er sich das Mäntelchen der neuen Gesinnung so lose umgeschwungen hatte, stand es ihm besonders gut. Die richtige Inszenierung schien oft wahrhaftiger als die Wahrheit.
Es war offensichtlich, dass Mirkos Hintermänner tatsächlich nach Patrioten suchten, und ebenso, dass Mirko ihre – Janas – Geschichte kannte, seit sie sich dem patriotischen Geist verschrieben hatte. Sie hatten ihn eingeschaltet, um jemanden wie sie zu finden, eine Person, die beides war, Idealist und Profi. Betrachtete man es in diesem Licht, gab es zu Jana tatsächlich keine Alternative.
Sie winkte den Ober heran und bestellte einen Grappa. Bis das Glas mit der schwach gelblichen Flüssigkeit vor ihr stand, schaltete sie ihr Gehirn auf standby und betrachtete die Landschaft. Die Fähigkeit, jegliches Denken nach Belieben auszusetzen, gehörte zu den angenehmen Dingen, wenn man Arbeiten wie Jana verrichtete. Irgendwo über ihr sang ein Vogel. Im Hintergrund klapperten Bestecke, als der Ober die Schubladen des Schränkchens neben der Theke einräumte.
Sie trank den Grappa, zuerst in kontrollierten kleinen Schlucken, dann folgte sie einer Laune und kippte den Rest in einem Schwung hinterher.
Sie begann erneut zu überlegen.
Der jugoslawische Geheimdienst unterstand direkt der Belgrader Regierung. Ihm war eine derartige Operation, wie Mirko sie ihr angetragen hatte, am ehesten zuzutrauen. Sie hatte nie mit den Geheimdienstleuten zu tun gehabt. Die Paramilitärs gehörten nicht wirklich dazu, sie waren Söldner und Schergen. Auch mit dem innersten Zirkel, Verteidigungsminister Pavle Bulatovc etwa oder dem Wirrkopf Vuk Draskovic, dessen politischer Variantenreichtum die absonderlichsten Blüten trieb, war sie nie zusammengetroffen. Mirko hatte unterstellt, sie sei nicht in die höchsten Kreise vorgedrungen, und es stimmte. Tatsächlich hatte es nie irgendwelche Anweisungen an die Milizen gegeben, die sich ins Regierungsquartier zurückverfolgen ließen. Sie wusste, dass Milosevic Arkan und seine Horden insgeheim befehligte und deren Tun nicht nur billigte, sondern maßgeblich initiierte, dennoch schien ein Universum die beiden zu trennen, ein unüberbrückbarer Raum. Belgrad war klug genug, sich keine Blöße zu geben.
Das Dumme war, dass Mirko mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jeden Gedanken, den Jana in diesem Moment dachte, einkalkuliert und provoziert hatte. Er hatte gewollt, dass sie ins Grübeln kam. Ihr Denken zu manipulieren, war eine Anmaßung, die Jana verstimmte, wenngleich die Möglichkeit bestand, dass Mirko lediglich versucht hatte, offener zu sein, als er es eigentlich durfte.
Er hatte Russland erwähnt.
Die Russen sympathisierten mit Belgrad. Mirko hatte seine Bemerkung über die russische Position nicht ohne Hintergedanken fallen lassen. Es gab eine Menge einzelner alter Männer dort, die nicht Boris Jelzin hießen und die Macht in Händen hielten. Die roten Bosse vertraten alle möglichen Interessen, aber von einer weltpolitischen Verschwörung waren sie weit entfernt. Russland hatte den Terrorismus kriminalisiert und das Verbrechen dafür salonfähig gemacht. Die Grauzone zwischen Legalität und Illegalität barg den wahren Machtbereich des Riesenreichs, und diese Macht fußte auf dem globalen Geldfluss. Von Russland mochte einiges Säbelrasseln zu erwarten sein, wenn die Nato ihre Drohungen gegen Jugoslawien wahr machte, aber zu guter Letzt würden die harten Worte unter der Watte westlicher Kredite ihre Konturen verlieren.
Andererseits gab es keinen Zweifel daran, dass gewisse russische Kreise Kriege und Konflikte geradezu herbeisehnten.
Mirko plaudert über die Russen, also deutet er an, Moskau habe seine Finger im Spiel. Ihm musste klar gewesen sein, dass das ein bisschen platt klang. Warum hatte er es dann gesagt? Warum hatte er überhaupt Andeutungen gemacht? Hatten seine Hintermänner Angst, sie könnte nein sagen?
Sie zog eine Sonnenbrille aus der Innentasche ihres Mantels und setzte sie auf. Allmählich wurde es zu kalt, um weiter draußen auf der Terrasse zu sitzen. Ohne Hast ging sie durch die offenen Glastüren ins Restaurant und bezahlte. Der Kellner wünschte ihr einen guten Tag. Alles geschah mit der gewohnten Beiläufigkeit, die verhindert,
dass Menschen sich später an andere Menschen erinnern.
Mirko hatte möglicherweise eine schwierigere Mission zu erfüllen, als sie dachte. Er wusste, dass die Gefühle, die sie für Serbien hegte, ihre Entscheidung beeinflussen würden. Gleichzeitig konnte er unmöglich die Karten auf den Tisch legen. Die Schweigepflicht gegenüber seinen Auftraggebern hinderte ihn daran, Jana das wichtigste Argument zu liefern, das sie für eine Zusage brauchte.
Wie es aussah, hatte er es trotzdem riskiert. Zumindest lag es im Bereich des Vorstellbaren. In diesem Fall hatte er sie über die Identität des Hauptdrahtziehers nicht im Unklaren gelassen. Anschließend hatte jeder von ihnen pro forma mit dem Säbel gerasselt und den anderen seiner Ungnade versichert, falls er die Spielregeln brechen sollte.
Das Übliche.
Gemächlich trat sie auf die Straße hinaus, wählte eine Nummer auf ihrem Handy und telefonierte mit Microsoft.
Wagner hatte sich hinter einer Illustrierten verschanzt.
»Was lesen Sie?«, wollte Kuhn wissen.
Was las sie? Eigentlich betrachtete sie Buchstaben, um Kuhn nicht zum Reden zu ermuntern. Viel schien es nicht zu helfen.
O’Connors Flug war mit dreißigminütiger Verspätung eingetroffen. Sie saßen in der Lufthansa-Lounge und tranken Kaffee, der zu lange gestanden hatte.
Es war offensichtlich, dass Kuhn sich langweilte.
»Wussten Sie, dass O’Connor mal mit der Nordirischen Befreiungsarmee sympathisiert hat?«
»Nein.« Augenblick, Kika, dachte sie. Das ist wirklich interessant.
Sie legte die Zeitschrift beiseite und fragte: »Wann war das?«
»Bevor er zu Ruhm und Ehren gelangte. Hat’s mir erzählt, als wir zusammen in Cork waren, letztes Jahr.« Kuhn setzte ein wichtiges Gesicht auf. »Ist das nicht unglaublich? Jemand, der im Stande ist, das Licht abzubremsen, entpuppt sich als Bombenheini.«
»Sehr differenziert ausgedrückt«, spottete Wagner. »Bringen Sie da nicht einiges durcheinander?«
Kuhn sah Wagner an, als erblicke er sie zum ersten Mal.
»Ich wollte nicht sagen, dass er selbst… Mein Gott, Kika! Er hat Verschiedenes von sich gegeben auf dem Trinity, was so in die Richtung ging, Nordirland den Iren und den Engländern was aufs Maul. Bullshit. Aber sie hätten ihn dafür beinahe vom College geschmissen. Sein Vater hat die Notbremse gezogen. Das war’s. Wir haben alle mal mit irgendwas Bescheuertem sympathisiert.«
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