Während er sprach, malte Inspektor Hewitts Hand eine Landkarte in die Luft.
»Durch unsere Ermittlungen sowohl hier als auch im Ausland wussten wir, dass er mit dem Schiff von Stavanger nach
Aha! Genau so, wie ich vermutet hatte.
»Genau«, sagte ich. »Und Pemberton - oder sollte ich besser sagen: Bob Stanley? - ist ihm gefolgt, aber nur bis Doddingsley. Dort hat er sich im Fröhlichen Kutscher ein Zimmer genommen.«
Eine Augenbraue des Inspektors schnellte nach oben wie eine aufgeschreckte Kobra.
»Oha«, sagte er. »Woher weißt du das denn?«
»Ich habe im Fröhlichen Kutscher angerufen und mit Mr Cleaver gesprochen.«
»Ist das alles?«
»Sie haben das beide gemeinsam ausgeheckt, genau wie den Mord an Mr Twining.«
»Stanley streitet das ab«, sagte er. »Er behauptet, nichts damit zu tun zu haben. Unschuldig wie ein Lamm und so weiter.«
»Aber er hat mir in der Garage gesagt, dass er Bonepenny umgebracht hat! Außerdem hat er mehr oder weniger zugegeben, dass meine Theorie stimmt: Mr Twinings Selbstmord war nur Augenwischerei, eine Illusion.«
»Na, das werden wir ja sehen. Wir sind da dran, aber es wird noch eine Weile dauern, obwohl ich sagen muss, dass dein Vater uns sehr dabei geholfen hat. Er hat uns jetzt die ganze Geschichte erzählt, wie es zum Tod des armen Twining kam. Ich wünschte nur, er hätte sich früher zu einer Kooperation mit uns entschlossen. Damit hätten wir uns einiges …« Er hielt inne. Dann fügte er hinzu: »Tut mir leid, ich habe nur spekuliert.«
»Meine Entführung«, sagte ich.
Ich musste den Inspektor bewundern, wie schnell er das Thema wechseln konnte.
»Zurück zur Gegenwart«, sagte er. »Mal sehen, ob ich das
»Sie sind schon immer Komplizen gewesen. Bonepenny hat Briefmarken gestohlen und Stanley hat sie im Ausland an skrupellose Sammler verkauft. Aber irgendwie haben sie es nie geschafft, die beiden Rächer von Ulster zu verkaufen. Die waren einfach zu bekannt. Und da die letzte sogar dem König gestohlen worden war, wäre es für einen Sammler viel zu riskant gewesen, sie in seiner Sammlung zu haben.«
»Interessant«, sagte der Inspektor. »Und weiter?«
»Sie hatten vor, Vater zu erpressen, aber zwischenzeitlich müssen sie irgendwie über Kreuz gekommen sein. Bonepenny kam aus Stavanger, um die Erpressung durchzuführen, und irgendwann ist Stanley klar geworden, dass er ihm folgen und ihn auf Buckshaw ermorden, die Briefmarken an sich nehmen und das Land wieder verlassen konnte. Ganz einfach. Und alle hätten Vater für den Schuldigen gehalten. Wie es ja auch gekommen ist«, fügte ich hinzu und schaute den Inspektor vorwurfsvoll an.
Ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus.
»Hör mal, Flavia«, sagte er schließlich, »mir ist ja nicht viel anderes übrig geblieben, oder? Es gab keine anderen brauchbaren Verdächtigen.«
»Und ich?«, fragte ich. »Ich war schließlich am Tatort.«
Ich zeigte mit einer Handbewegung auf die Flaschen mit den Chemikalien an den Wänden.
»Außerdem kenne ich mich mit Giften aus. Man könnte mich durchaus als sehr gefährliche Person einstufen.«
»Hmm«, machte der Inspektor. »Ein interessantes Argument. Und du bist tatsächlich zum Todeszeitpunkt an der besagten Stelle gewesen. Wenn nicht alles so gelaufen wäre, wie es gelaufen ist, könnte jetzt ebenso gut dein Hals in der Schlinge stecken.«
Daran hatte ich nicht gedacht. Ich bekam eine Gänsehaut.
Der Inspektor redete weiter.
»Dagegen spricht jedoch deine Körpergröße, der Mangel eines echten Motivs und die Tatsache, dass du dich nicht gerade rar gemacht hast. Normalerweise macht ein Mörder einen weiten Bogen um die Polizei, wohingegen du … na ja, da kommt einem am ehesten das Wörtchen ›allgegenwärtig‹ in den Sinn. Was sagst du dazu?«
»Stanley hat Bonepenny in unserem Garten aufgelauert. Bonepenny war Diabetiker und …«
»Ah«, sagte der Inspektor fast murmelnd. »Insulin! Wir haben nicht daran gedacht, das zu überprüfen.«
»Nein«, sagte ich, »nicht Insulin: Tetrachlorkohlenstoff. Bonepenny ist daran gestorben, dass man ihm Tetrachlorkohlenstoff in den Hirnstamm injiziert hat. Stanley hat eine Flasche von dem Zeug aus der Apotheke in Doddingsley mitgebracht. Ich habe das Etikett von Johns, dem Apotheker, auf der Flasche gesehen, als Stanley in der Grube die Spritze damit gefüllt hat. Wahrscheinlich haben Sie sie längst unter dem ganzen Müll dort gefunden.«
Man konnte es seinem Gesicht ansehen, dass dem nicht so war.
»Dann muss sie ins Abflussrohr gerollt sein«, sagte ich. »Da ist so ein altes Rohr, das bis runter zum Fluss führt. Jemand muss sie dort nur rausfischen.«
Der arme Sergeant Graves!, dachte ich.
»Die Spritze hat Stanley aus der Tasche in Bonepennys Zimmer im Dreizehn Erpel gestohlen«, fügte ich ohne nachzudenken hinzu. Verdammt!
Der Inspektor schlug sofort zu.
»Woher weißt du, was sich in Bonepennys Zimmer befand?«, fragte er in scharfem Ton.
»Äh … dazu komme ich noch«, sagte ich. »Später. Stanley glaubte, dass Sie niemals irgendwelche Spuren von Tetrachlorkohlenstoff in Bonepennys Gehirn entdecken würden. Zum
Inspektor Hewitt zog sein Notizbuch heraus und kritzelte einige Worte hinein, zu denen, wie ich vermutete, auch der Begriff Tetrachlorkohlenstoff gehörte.
»Ich wusste gleich, dass es Tetrakohle ist, denn Bonepenny hat mir den letzten Rest davon mit seinem Todeshauch ins Gesicht geblasen«, sagte ich, rümpfte die Nase und machte ein entsprechendes Gesicht dazu.
Wenn man bei einem Inspektor sagen konnte, dass er ganz weiß im Gesicht wurde, dann wurde Inspektor Hewitt in diesem Moment ganz weiß im Gesicht.
»Bist du dir da sicher?«
»Aber klar. Bei Tetrachlorkohlenstoff kenne ich mich ganz gut aus.«
»Willst du mir damit sagen, dass Bonepenny noch lebte, als du ihn gefunden hast?«
»Gerade noch«, antwortete ich. »Er ist fast im gleichen Moment … ähm … dahingeschieden.«
Es folgte wieder eine lange, gruftartige Stille.
»Kommen Sie«, sagte ich, »ich zeige Ihnen, wie es gemacht wurde.«
Ich nahm einen gelben Bleistift in die Hand, spitzte ihn gut an und ging in die Ecke, wo das Skelett an seinen Drähten baumelte.
»Mein Großonkel Tarquin hat es von dem Zoologen Frank Buckland bekommen«, sagte ich und strich zärtlich über den Schädel. »Ich habe ihn Yorick getauft.«
Ich verriet dem Inspektor nicht, dass Buckland, in hohem Alter, Tar dieses Geschenk in Anbetracht seiner zu erwartenden großen Zukunft geschenkt hatte. »Der leuchtenden Zukunft der Wissenschaft«, hatte Buckland auf seine Karte geschrieben.
Ich hielt die Bleistiftspitze ans obere Ende der Wirbelsäule, schob den Stift langsam unter den Schädel und wiederholte dabei Pembertons Worte in der Garage:
»›Ein bisschen schräg ansetzen … dann durch splenius capitus und semispinalis capitis hinein, das Band zwischen Atlas und Axis anpieken, und dann die Nadel vorsichtig über das …«
»Vielen Dank, Flavia«, sagte der Inspektor abrupt. »Das reicht schon. Bist du ganz sicher, dass er das gesagt hat?«
»Genau das waren seine Worte«, antwortete ich. »Ich musste in Gray’s Anatomie für Medizinstudenten nachschlagen. In der Kinderenzyklopädie sind zwar viele Bildtafeln, aber nicht annähernd so viele Einzelheiten verzeichnet.«
Inspektor Hewitt rieb sich das Kinn.
»Dr. Darby findet bestimmt die Einstichstelle in Bonepennys Nacken«, sagte ich hilfsbereit. »Wenn er weiß, wo er nachsehen muss. Er könnte auch die Nebenhöhlen untersuchen. Tetrachlorkohlenstoff ist luftbeständig und dürfte, da der Mann ja nicht mehr geatmet hat, dort noch nachzuweisen sein. - Und außerdem«, fügte ich hinzu, »könnten Sie ihm sagen, dass Bonepenny, kurz bevor er sich zu seinem Spaziergang nach Buckshaw aufgemacht hat, im Dreizehn Erpel noch was getrunken hat.«
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