Noch nie hatten die Anwälte so rasch geschrieben und gerechnet. Hark hatte drei Mandanten; siebzehneinhalb Prozent bedeuteten für ihn ein Honorar von fünfeinviertel Millionen. Geena und Cody hatten einem Erfolgshonorar in Höhe von einem Fünftel für Langhorne zugestimmt, womit ihre kleine Kanzlei zwei Millionen einnehmen würde. Das gleiche galt für Yancy, vorbehaltlich der Genehmigung durch das Gericht, da Ramble noch minderjährig war. Und Wally Bright, der Winkeladvokat, der seinen Lebensunterhalt damit zusammenkratzte, dass er an den Wartehäuschen von Bushaltestellen zügige Scheidungen anpries, würde entsprechend dem skrupellosen Vertrag, den er mit Libbigail und Spike geschlossen hatte, die Hälfte der zehn Millionen kassieren.
Wally Bright reagierte als erster. Obwohl sich sein Herz wie ein Eisklumpen anfühlte und seine Speiseröhre wie von einer stählernen Klammer umschlossen war, brachte er mit beträchtlicher Dreistigkeit heraus: »Meine Mandantin denkt gar nicht daran, sich mit weniger als fünfzig Millionen zufriedenzugeben.« Obwohl er nicht wusste, wie viele Nullen diese Zahl hatte, sagte er sie mit der Miene eines Menschen, der es gewohnt ist, in Las Vegas die Bank zu sprengen.
Auch die anderen schüttelten den Kopf. Stirnrunzelnd bemühten sie sich, den Eindruck zu erwecken, als widere sie der angebotene lächerliche Betrag geradezu an, während sie in Wahrheit bereits überlegten, wie sie das Geld ausgeben würden.
Sie hatten sich darauf geeinigt, sofern von Geld gesprochen wurde, auf keinen Fall weniger als fünfzig Millionen pro Erben zu akzeptieren. Vor der Besprechung hatte das gut geklungen. Jetzt sahen die zehn Millionen, die als Angebot auf dem Tisch lagen, ausgesprochen verlockend aus.
»Das entspricht etwa einem Prozent des Netto-Nachlasses«, sagte Hark.
» So kann man das sehen «, sagte Josh. » Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die Sache zu betrachten. Ich fange aber lieber bei null an, denn da befinden Sie sich zur Zeit, und arbeite mich nach oben, als dass ich den ganzen Nachlass ins Auge fasse und mich nach unten arbeite.«
Doch da Josh an ihrem Vertrauen gelegen war, sagte er, nachdem sie eine Weile mit Zahlen jongliert hatten: »Wenn ich einen der Nachkommen zu vertreten hätte, würde ich auch zehn Millionen nicht akzeptieren.«
Sie erstarrten und hörten aufmerksam zu.
»Rachel Lane ist nicht knauserig. Ich denke, dass Nate sie überreden könnte, sich mit zwanzig Millionen für jeden Erben einverstanden zu erklären.«
Damit verdoppelten sich ihre Honorare. Über zehn Millionen für Hark. Vier Millionen für Langhorne und Yancy. Der arme Wally, der jetzt bei zehn stand, hatte plötzlich einen Anfall von Diarrhöe und bat, hinausgehen zu dürfen.
Nate war eifrig dabei, einen Türrahmen zu streichen, als sein Mobiltelefon summte. Josh hatte verlangt, dass er das verdammte Ding ständig in Reichweite hatte.
»Falls es für mich ist, notieren Sie einfach die Nummer«, sagte Phil. Er maß gerade eine komplizierte Ecke für das nächste Stück Spanplatte aus.
Es war Josh. »Es hätte gar nicht besser laufen können«, verkündete er. »Ich habe bei zwanzig Millionen pro Nase aufgehört obwohl sie fünfzig wollten.«
»Fünfzig?« fragte Nate ungläubig.
»Ja, aber sie sind schon dabei, das Geld auszugeben. Ich möchte wetten, dass zumindest zwei von ihnen inzwischen beim Mercedes-Händler sind.«
»Und wer gibt es schneller aus, die Anwälte oder die Mandanten?«
»Ich würde auf die Anwälte tippen. Ich habe gerade mit Wycliff gesprochen. Wir treffen uns am Mittwoch um drei im Hinterzimmer. Bis dahin müssten wir alles fertig haben.«
»Ich kann es nicht erwarten«, sagte Nate und klappte das Telefon zu. Zeit für eine Kaffeepause. Sie setzten sich, den Rücken an die Wand gelehnt, auf den Fußboden und tranken Milchkaffee.
»Fünfzig wollten sie?« Inzwischen kannte Phil die Einzel ten. Seit sie allein unten im Keller der Kirche arbeiteten, hatten die beiden kaum noch Geheimnisse voreinander. Das Gespräch zwischen ihnen war wichtiger als der Fortschritt, den sie machten. Phil war Geistlicher und Nate Anwalt. So unterlag alles, was gesagt wurde, irgendeiner Art von Amtsgeheimnis.
»Das ist eine beachtliche Forderung«, sagte Nate. »Aber sie geben sich bestimmt mit viel weniger zufrieden.« »Rechnen Sie damit, dass es zu einem Vergleich kommt?«
»Klar. Wir treffen uns am Mittwoch beim Richter. Er wird ein bißchen Druck ausüben. Bis dahin werden die Anwälte und ihre Mandanten wohl das Geld schon zählen.«
»Und wann fliegen Sie?«
»Vermutlich am Freitag. Wollen Sie mitkommen?«
»Das kann ich mir nicht leisten.«
»Natürlich können Sie. Meine Mandantin zahlt alles. Sie können unterwegs mein geistlicher Berater sein. Geld spielt keine Rolle.«
»Es wäre nicht recht.«
»Hören Sie, Phil. Ich zeige Ihnen das Pantanal. Sie können meine guten Freunde Jevy und Welly kennenlernen. Wir unternehmen eine Bootsfahrt.«
»Sie schildern das sehr verlockend.«
»Es ist überhaupt nicht gefährlich. Viele Touristen reisen ins Pantanal. Es ist ein phantastisches ökologisches Reservat. Ernsthaft, Phil, falls Sie interessiert sind, kann ich das deichseln.«
»Ich habe keinen Pass«, sagte er und trank einen Schluck Kaffee. »Außerdem habe ich hier viel zu tun.«
Nate plante, eine Woche fortzubleiben, und irgendwie gefiel ihm die Vorstellung, dass es im Keller nach seiner Rückkehr genauso außehen würde wie jetzt.
»Mrs. Sinclair kann jetzt jederzeit sterben«, sagte Phil leise. »Ich kann nicht weg.«
Man rechnete schon seit mindestens einem Monat mit Mrs. Sinclairs Ableben, so dass Phil sogar Bedenken hatte, nach Baltimore zu fahren, obwohl es sozusagen um die Ecke lag. Es war Nate klar, dass er das Land nie verlassen würde.
»Sie werden die Frau also wiedersehen«, sagte Phil.
»Ja.«
»Sind Sie aufgeregt?«
»Ich weiß nicht. Ich freue mich darauf, aber ich bin nicht sicher, ob sie mich sehen will. Sie ist da unten sehr glücklich und möchte mit dieser Welt hier nichts zu tun haben. Es wird ihr überhaupt nicht recht sein, dass ich sie wieder mit all dem juristischen Krim belästige.«
»Und warum tun Sie es dann?«
»Weil es nichts zu verlieren gibt. Wenn sie das Geld wieder nicht will, sind wir in derselben Situation wie jetzt.
Die Gegenseite bekommt alles.«
»Das wäre eine Katastrophe.«
»Ja. Es dürfte schwierig sein, Menschen zu finden, die weniger geeignet sind, mit großen Beträgen umzugehen, als die Phelan-Nachkommen. Sie bringen sich damit nur um.«
»Können Sie das Rachel nicht erklären?«
»Das habe ich versucht. Sie will nichts davon hören.«
»Und sie wird es sich nicht anders überlegen?«
»Nein. Nie.«
»Das heißt, die Fahrt dorthin ist Zeitverschwendung?«
»Ich fürchte, ja. Aber wir wollen es zumindest versuchen.«
Mit Ausnahme Rambles bestanden alle Phelan-Nachkommen darauf, sich während der Besprechung zwischen den Anwälten und Richter Wycliff entweder im Gericht selbst oder in Steinwurfweite davon entfernt aufzuhalten. Jeder von ihnen hatte ein Mobiltelefon zur Hand, jeder der Anwälte im Richterzimmer ebenfalls.
Mandanten und Anwälte hatten nicht viel geschlafen in den letzten beiden Nächten.
Wie oft im Leben wird man schon auf einen Schlag Millionär? Zumindest für die Phelan-Nachkommen würde es ein Ereignis sein, das zweimal stattfand, und jeder von ihnen nahm sich vor, diesmal weit überlegter mit dem Geld umzugehen. Noch einmal würden sie dazu keine Gelegenheit bekommen.
Sie gingen auf den Gängen des Gerichtsgebäudes auf und ab und warteten. Sie rauchten draußen vor dem Haupteingang. Sie saßen in ihren warmen Autos auf dem Parkplatz und rutschten unruhig hin und her. Sie sahen auf die Uhr, versuchten Zeitung zu lesen oder machten mühsam Konversation, wenn sie einander zufällig über den Weg liefen.
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