Bei der Rollenverteilung war festgelegt worden, dass Nate die Verfügung über das Geld haben sollte. Er hätte ohne weiteres eine geschlagene Stunde lang feilschen, tricksen, bluffen und einige Millionen herunterhandeln können. Aber dazu hatte er einfach keine Lust. Wenn ein Hark Gettys imstande war, mit offenen Karten zu spielen, konnte er das auch. Ohnehin diente die ganze Veranstaltung ja nur der Verschleierung.
»Was ist Ihr letztes Wort?« fragte er Hark, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
»Das mit dem letzten Wort ist so eine Sache, aber ich denke, fünfzig Millionen sind angemessen. Ich weiß, dass sich das nach viel anhört, und es ist auch eine ganze Menge, aber andererseits muss man auch die Höhe des Nachlasses bedenken. Nach Abzug der Steuern reden wir über nicht mehr als fünf Prozent des Gesamtbetrags.« »Fünf Prozent ist nicht sehr viel«, sagte Nate und ließ die Worte zwischen ihnen stehen. Hark sah ihn aufmerksam an, doch die anderen beugten sich eifrig mit gezückten Stiften über ihre Blc)Cks um alles neu durchzurechnen.
»Das ist es wirklich nicht«, sagte Hark.
»Meine Mandantin ist mit fünfzig Millionen einverstanden« sagte Nate. Vermutlich brachte seine Mandantin gerade kleinen Kindern im Schatten eines Baums am Fluss fromme Lieder bei.
Wally Bright, der gerade ein Honorar von fünfundzwanzig Millionen verdient hatte, wäre am liebsten durch den Raum gestürmt, um Nate die Füße zu küssen. Statt dessen runzelte er angestrengt die Stirn und notierte etwas auf seinem Block, was er selbst nicht lesen konnte.
Natürlich hatte Josh das Ergebnis vorhergesehen. Schließlich hatten seine Erbsenzähler die nötige Vorarbeit geleistet. Wycliff aber war sprachlos. Es war zu einer Einigung gekommen, ein Prozeß würde nicht stattfinden.
Er musste den Eindruck erwecken, als sei er damit zufrieden. »Darf ich das so verstehen« sagte er »dass sich die Parteien geeinigt haben?«
Aus reiner Gewohnheit drängten sich die Phelan-Anwälte ein letztes Mal um Hark zusammen und versuchten, miteinander zu flüstern, doch ihnen fehlten die Worte.
»Wir sind uns einig«, verkündete Hark, um sechsundzwanzig Millionen reicher.
Ganz zufällig hatte Josh einen fertigen Vergleichsentwurf zur Hand. Sie machten sich daran, die Leerstellen auszufüllen, als den Phelan-Anwälten mit einem Mal ihre Mandanten einfielen. Sie baten um Entschuldigung, eilten in den Gang hinaus und holten ihre Mobiltelefone hervor. Troy Junior wartete neben eifern Getränkeautomaten im Erdgeschoss. Geena und Cody lasen in einem leeren Gerichtssaal Zeitung. Spike und Libbigail saßen in ihrem alten Kleinlaster, der ein Stück weiter auf der Straße stand, und Mary ROSS saß in ihrem Cadillac auf dem Parkplatz. Ramble war zu Hause im Keller, hatte die Tür abgeschlossen, die K(3pf-hörer aufgestülpt und befand sich in einer anderen Welt.
Um Rechtskraft zu erlangen, musste der Vertrag von Rachel Lane mit ihrer Unterschrift gebilligt werden. Die Phelan-Anwälte baten darum, die Sache streng vertraulich zu behandeln, und Wycliff erklärte sich bereit, die Gerichtsakte einstweilen zu versiegeln. Nach einer Stunde war alles erledigt. Der Vertrag wurde von jedem der Phelan-Erben und ihren Anwälten unterzeichnet. Auch Nate unterschrieb.
Nur eine Unterschrift fehlte. Nate teilte ihnen mit, es werde einige Tage dauern, sie zu beschaffen.
Wenn die wüssten, dachte er, als er das Gericht verließ.
Am Freitag Nachmittag fuhren Nate und der Pfarrer im geleasten Auto des Anwalts zum Flughafen BaltimoreWashington. Phil saß am Steuer, um sich mit dem Wagen vertraut zu machen. Nate döste auf dem Beifahrersitz vor sich hin. Auf der Chesapeake Bay Bridge wurde er wach und las Phil, der alle Einzelheiten wissen wollte, die mit den Erben getroffene Vereinbarung vor.
Die elegante, glänzende Gulfstream IV des Phelan-Konzerns, die zwanzig Menschen an jeden Ort der Erde bringen konnte, stand abflugbereit. Da sich Phil einen Eindruck von dem Flugzeug verschaffen wollte, bat Nate die Piloten, ihnen die Maschine zu zeigen. Das bereitete nicht die geringsten Schwierigkeiten, Mr. O'Rileys Wunsch war ihnen Befehl. Überall in der Kabine sah man Leder und Holz, es gab Sofas, Lehnsessel, einen Besprechungstisch und mehrere Fernsehbildschirme. Ein normaler Passagierflug hätte Nate genügt, aber Josh hatte darauf bestanden, dass er diese Maschine nahm.
Er sah Phil nach, während dieser davonfuhr, dann bestieg er das Flugzeug erneut. In neun Stunden würde er in Corumba sein.
Der Stiftungsvertrag war bewusst so knapp und klar formuliert, wie das bei einem so komplizierten juristischen Text überhaupt möglich war. Josh hatte seine Leute, die er mit dem Entwurf beauftragt hatte, dazu veranlasst, ihn mehrfach zu überarbeiten. Sofern Rachel überhaupt gesonnen war, den Vertrag zu unterschreiben, war es von größter Bedeutung, dass sie seinen Sinn vollständig erfasste. Zwar würde Nate da sein, um ihr alles Erforderliche zu erklären, doch er wusste, dass sie mit solchen Dingen nicht viel Geduld hatte.
Der Vertrag sah vor, dass die gesamte Erbmasse, die Rachel gemäß dem Testament ihres Vaters zufiel, in eine Stiftung eingebracht wurde, die den Namen Rachel-Stiftung tragen sollte, denn etwas Originelleres war ihnen nicht eingefallen. Zehn Jahre lang durfte das Kapital nicht angerührt werden; lediglich die auflaufenden Zinsen und sonstigen Erträge konnten für wohltätige Zwecke verwendet werden. Nach Ablauf dieser zehn Jahre war es nach Gutdünken der Treuhänder möglich, jährlich fünf Prozent des Kapitals zusätzlich zu den Zinsen und sonstigen Erträgen auszugeben, und zwar ausschließlich für wohltätige Zwecke, wobei die Missionstätigkeit von
World Tribes Missions im Vordergrund stand. Doch waren die Bedingungen bewusst so formuliert, dass die Treuhänder das Geld auch für nahezu jeden Zweck verwenden konnten, der den Absichten der Stifterin entsprach. Als erste Treuhänderin war Neva Collier von der Missionsgesellschaft eingetragen worden; sie hatte das Recht, bis zu einem Dutzend weiterer Treuhänder zu benennen, die gemeinsam mit ihr die Aufgaben bewältigen sollten. Die Treuhänder mussten Rachel auf Verlangen Rechenschaft ablegen, aber sonst niemandem.
Falls Rachel es wünschte, würde sie selbst das Geld nie zu sehen bekommen. Errichtet würde die Stiftung mit Hilfe von der Missionsgesellschaft benannter Anwälte.
Es war eine ganz einfache Lösung.
Lediglich zwei rasche Unterschriften von Rachel Lane, oder wie ihr Nachname auch lautete, waren nötig. Eine unter den Stiftungsvertrag, die andere unter die Vereinbarung mit den Erben. Sobald das erledigt war, würden der Abwicklung des Phelan-Nachlasses keine weiteren Hemmnisse im Weg stehen. Danach konnte Nate tun, was er sich vorgenommen hatte, sich seinen Schwierigkeiten stellen, die unvermeidliche bittere Pille schlucken und danach sein Leben neu aufbauen. Er konnte es gar nicht abwarten, damit anzufangen.
Falls sie sich weigerte, den Stiftungsvertrag und die Einigungserklärung zu unterschreiben, brauchte Nate ihre Unterschrift unter einer Verzichtserklärung. Sie hatte das Recht, die Erbschaft auszuschlagen, musste das aber dem Gericht in rechtsverbindlicher Weise mitteilen.
Eine solche Verzichtserklärung würde aus Troys Testament ein wertloses Blatt Papier machen. Es wäre zwar gültig, ließe sich aber nicht vollstrecken, und man musste so tun, als hätte er kein Testament hinterlassen. In diesem Fall würde der Nachlass entsprechend der Zahl seiner ehelichen Nachkommen in sechs gleiche Teile geteilt.
Wie würde Rachel reagieren? Er wünschte sich, dass sie sich freute, ihn zu sehen, aber was das betraf, war er seiner Sache alles andere als sicher. Er erinnerte sich, wie sie dem Boot nachgewinkt hatte, als er mit Jevy abgefahren war, unmittelbar bevor ihn das Fieber erfasst hatte. Sie hatte inmitten der Indianer gestanden und ihm auf immer Lebewohl gewinkt. Sie wollte nicht mit weltlichen Dingen behelligt werden.
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