«Nun, äh, haben Sie eine Minute Zeit?«Normalerweise wäre ich wesentlich formeller und würde» Sir «oder so etwas sagen, aber Max haßt Formalitäten. Er hat darauf bestanden, daß wir ihn Max nennen.
«Natürlich. Was haben Sie auf dem Herzen?«
«Also, ich bin in einem Kurs von Professor Smoot«, erkläre ich, dann liefere ich ihm eine kurze Zusammenfassung meines Besuches bei den Gruftis und von Dot und Buddy und ihrem Kampf gegen Great Benefit. Er scheint sich kein Wort entgehen zu lassen.
«Haben Sie je etwas von Great Benefit gehört?«frage ich.
«Ja. Es ist eine große Gesellschaft, die Unmengen von billigen Versicherungen an Weiße und Schwarze auf dem Lande verkauft. Sehr windiger Haufen.«
«Ich habe nie von ihnen gehört.«
«Kein Wunder. Sie inserieren nicht. Ihre Agenten klappern die Haustüren ab und kassieren jede Woche die Prämien. Wir reden hier über die Achselhöhle der Branche, die stinkt, wenn man sie ankratzt. Zeigen Sie mir mal die Police.«
Ich gebe sie ihm, und er blättert sie durch.»Was sind ihre Ablehnungsgründe?«
«Alles mögliche. Zuerst haben sie nur so aus Prinzip abgelehnt. Dann haben sie gesagt, Leukämie wäre von den Ersatzleistungen ausgeschlossen. Dann haben sie gesagt, die Leukämie hätte bereits vor Vertragsabschluß bestanden. Dann haben sie gesagt, der Junge wäre volljährig und deshalb unter der Police seiner Eltern nicht mehr gedeckt. Sie haben sich eine Menge einfallen lassen.«
«Wurden alle Prämien gezahlt?«
«Nach Angabe von Mrs. Black, ja.«
«Diese Mistkerle. «Er schlägt weitere Seiten auf, lächelt boshaft. Max gefällt das.»Und Sie haben die ganze Akte durchgesehen?«
«Ja. Ich habe alles gelesen, was meine Mandantin mir gegeben hat.«
Er wirft die Police auf den Schreibtisch.»Eindeutig wert, daß man sich näher damit beschäftigt«, sagt er.»Aber denken Sie daran — Mandanten geben einem nur selten von Anfang an das ganze Material an die Hand. «Ich gebe ihm den Blöde-
Brief. Während er ihn liest, erscheint auf seinem Gesicht ein weiteres böses Lächeln. Er liest ihn noch einmal, dann sieht er mich an.»Unglaublich.«
«Das finde ich auch«, setze ich hinzu wie ein altgedienter Wachhund der Versicherungsbranche.
«Wo ist der Rest der Akte?«fragt er.
Ich lege den gesamten Papierstapel auf seinen Schreibtisch.»Das ist alles, was Mrs. Black mir gegeben hat. Sie hat gesagt, ihr Sohn stirbt, weil sie die Behandlung nicht bezahlen können. Jetzt wiege er nur noch fünfundfünfzig Kilo und hätte nicht mehr lange zu leben.«
Jetzt liegen seine Hände einen Moment unbeweglich da.»Mistkerle«, sagt er wieder.»Widerliche Mistkerle.«
Ich bin völlig seiner Meinung, sage aber nichts. In einer Ecke sehe ich ein weiteres Paar Turnschuhe stehen — sehr alte Nikes. In der Vorlesung hat er uns erklärt, daß er früher Converse getragen hat, aber jetzt die Firma wegen einer Recycling-Auseinandersetzung boykottiert. Er kämpft seinen kleinen Privatkrieg gegen die amerikanischen Großunternehmen und kauft nichts von einem Hersteller, der ihm aus irgendeinem Grund mißfällt. Er weigert sich, sein Leben, seine Gesundheit oder seinen Besitz zu versichern, aber Gerüchten zufolge ist seine Familie reich, und er kann es sich leisten, auf Versicherungen zu verzichten. Ich dagegen lebe aus naheliegenden Gründen in der Welt der Unversicherten.
Die meisten meiner Professoren sind spießige Akademiker, die ständig Krawatten tragen und ihre Vorlesungen mit zugeknöpften Jacketts halten. Max hat schon seit Jahrzehnten keine Krawatte mehr umgebunden. Und er hält keine Vorlesungen. Er gibt Vorstellungen. Es ist ein Jammer, daß er von hier fortgeht. _
Seine Hände erwachen wieder zum Leben.»Ich möchte mir das heute abend mal genauer ansehen«, sagt er, ohne mich anzusehen.
«Kein Problem. Kann ich morgen früh wieder hereinschauen?«
«Natürlich. Jederzeit.«
Sein Telefon läutet, und er greift nach dem Hörer. Ich lächle und ziehe mich überaus erleichtert zurück. Ich werde am Morgen wiederkommen, mir seinen Rat anhören und dann einen zweiseitigen Bericht für die Blacks schreiben, in dem ich das wiedergebe, was er mir sagt.
Jetzt muß ich nur noch einen klugen Kopf finden, der die Recherchen in Sachen Miss Birdie übernimmt. Ich habe schon ein paar Kandidaten, Steuerprofessoren, und vielleicht versuche ich morgen bei ihnen mein Glück. Ich gehe langsam die Treppe hinunter und betrete den Aufenthaltsraum neben der Bibliothek. Er ist der einzige Raum im Gebäude, in dem das Rauchen erlaubt ist, und unter den Lampen hängt der Qualm ständig in dicken Schwaden. Hier gibt es ein Fernsehgerät und eine ganze Kollektion von mißhandelten Sofas und Stühlen. Gruppenfotos schmücken die Wände — gerahmte Ansammlungen von beflissenen Gesichtern, die schon vor langer Zeit in die Schützengräben des juristischen Krieges geschickt wurden. Wenn der Raum leer ist, sehe ich sie, meine Vorgänger, oft an und frage mich, wie viele von ihnen inzwischen wieder aus der Anwaltskammer ausgeschlossen worden sind, wie viele sich wünschen, nie hierhergekommen zu sein, und wie wenigen es tatsächlich Spaß macht, Klage zu führen und zu verteidigen. Eine Wand ist für Anschläge, Bekanntmachungen und Gesuche von erstaunlicher Vielfalt reserviert, und dahinter steht eine Reihe von Speisen- und Getränkeautomaten. Ich nehme viele Mahlzeiten hier ein. Automatenessen wird nicht genügend gewürdigt.
In einer Ecke sehe ich den Ehrenwerten F. Franklin Donaldson den Vierten im Gespräch mit dreien seiner Kumpel, allesamt eingebildete Typen, die für die Juristische Zeitschrift schreiben und auf jeden herabsehen, der es nicht tut. Er bemerkt mich und scheint sich für irgend etwas zu interessieren. Er lächelt mir zu, als ich vorbeigehe, was ungewöhnlich ist, weil er normalerweise immer eine finstere Miene zur Schau trägt.
«Sag mal, Rudy, du gehst doch zu Broadnax and Speer, ist das richtig?«ruft er laut. Der Fernseher ist ausgeschaltet. Seine Kumpel mustern mich. Zwei Studentinnen auf einem Sofa heben die Köpfe und schauen in meine Richtung.
«Ja. Wieso?«frage ich. F. Franklin der Vierte hat einen Job bei einer Kanzlei, die über sehr viel Tradition und Geld und mindestens soviel Snobismus verfügt und Broadnax and Speer turmhoch überlegen ist. Im Augenblick sind seine Kumpel W. Harper Whittenson, ein arroganter Schnösel, der glücklicherweise aus Memphis verschwinden und bei einer MegaFirma in Dallas arbeiten wird; J. Townsend Gross, der eine Stellung bei einem anderen großen Laden angenommen hat; und James Straybeck, ein gelegentlich netter Kerl, der sich ohne ein Initial vor und eine Zahl hinter seinem Namen durch drei Jahre Jurastudium gequält hat. Mit einem so kurzen Namen ist es um seine Zukunft als Anwalt in einer großen Kanzlei schlecht bestellt; ich bezweifle, daß er es schaffen wird.
F. Franklin der Vierte kommt einen Schritt auf mich zu. Er lächelt übers ganze Gesicht.»Also erzähl uns, was da läuft.«
«Was soll denn da laufen?«Ich habe keine Ahnung, wovon er redet.
«Na, du weißt schon, die Fusion.«
Ich verziehe keine Miene.»Welche Fusion?«
«Du weißt noch nichts davon?«
«Wovon?«
F. Franklin der Vierte wirft einen Blick auf seine drei Kumpel, und alle scheinen sich ganz prächtig zu amüsieren. Sein Lächeln wird noch breiter, als er mich wieder ansieht.»Von der Fusion von Broadnax and Speer mit Tinley Britt.«
Ich stehe ganz still da und versuche, mir etwas Intelligentes oder Schlagfertiges einfallen zu lassen. Aber im Moment fehlen mir die Worte. Ich habe keine Ahnung von einer Fusion, und diese Arschlöcher wissen offenbar etwas. Broadnax and Speer ist ein kleiner Betrieb, fünfzehn Anwälte, und ich bin der einzige, den sie aus meinem Jahrgang eingestellt haben. Als wir vor zwei Monaten handelseinig wurden, war von irgendwelchen Fusionsplänen nicht die Rede.
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