Sie stehen auf und entfernen sich verlegen von meinem Tisch. Ich bin fast sicher, daß irgendwo in dieser Police ein perfekter kleiner Ausschluß steht, fast unleserlich und vermutlich kaum zu entziffern, aber dennoch hineinmanövriert von gerissenen juristischen Handwerkern, die seit Jahrzehnten fette Honorare kassiert und begeistert Kleingedrucktes verfaßt haben.
Mit Buddy im Schlepptau bahnt sich Dot ihren Weg zwischen Klappstühlen und Rook-Spielern hindurch und bleibt bei der Kaffeekanne stehen, wo sie einen Pappbecher mit koffeinfreiem Kaffee füllt und sich eine weitere Zigarette anzündet. Dann stehen sie im hinteren Teil des Raumes und mustern mich aus einer Entfernung von knapp zwanzig Metern. Ich blättere in der Police, dreißig Seiten von kaum lesbarem Kleingedrucktem, und mache mir Notizen. Ich versuche, sie zu ignorieren.
Der Saal ist leerer geworden, und die Leute brechen langsam auf. Ich habe das Anwaltsein erst mal satt, für einen Tag reicht es mir völlig, und ich hoffe, daß nicht noch mehr Mandanten kommen. Meine Unwissenheit in Gesetzesdingen ist bestürzend, und mich schaudert bei dem Gedanken, daß ich schon in ein paar Monaten in den Gerichtssälen dieser Stadt stehen und mit anderen Anwälten vor Richtern und Geschworenen plädieren soll. Ich bin noch nicht soweit, um irgendwelche Klagen zu führen und damit auf die Gesellschaft losgelassen zu werden.
Das Jurastudium ist nichts als drei Jahre sinnloser Streß. Wir verbringen ungezählte Stunden damit, Informationen auszugraben, die wir nie brauchen werden. Wir werden mit Vorlesungen bombardiert, die wir sofort wieder vergessen. Wir memorieren Fälle und Gesetze, die morgen außer Kraft gesetzt oder geändert werden. Wenn ich in den vergangenen drei Jahren fünfzig Stunden pro Woche als Anlernling bei einem guten Anwalt gearbeitet hätte, dann wäre ich jetzt selbst ein guter Anwalt. Statt dessen bin ich ein nervöser Student im dritten Studienjahr, der Angst hat vor den simpelsten juristischen Problemen und noch mehr Angst vor dem bevorstehenden Anwaltsexamen.
Vor mir bewegt sich etwas, und ich schaue gerade noch rechtzeitig auf, um zu sehen, wie ein dicklicher alter Bursche mit einem mächtigen Hörgerät auf mich zuschlurft.
Eine Stunde später ist Schluß mit dem trägen Hickhack über Chinesischer Dame und Gin Romme, und die letzten Gruftis verlassen das Gebäude. Ein Hausmeister wartet an der Tür, während Smoot uns zu einem abschließenden Kriegsrat um sich versammelt. Wir berichten nacheinander kurz über die verschiedenen Probleme unserer neuen Mandanten. Wir sind müde und möchten so schnell wie möglich von hier verschwinden.
Smoot macht ein paar Vorschläge, nichts Kreatives oder Originelles, und entläßt uns mit dem Versprechen, daß wir im Seminar über die juristischen Probleme der älteren Leute sprechen werden. Ich kann es kaum abwarten.
Booker und ich fahren in seinem Wagen, einem alten Pontiac, zu groß, um elegant zu sein, aber in wesentlich besserem Zustand als mein auseinanderfallender Toyota. Booker hat zwei kleine Kinder und eine Frau, die als Teilzeitlehrerin arbeitet, und deshalb existieren sie knapp oberhalb der Armutsgrenze. Er studiert fleißig und bekommt gute Noten, und deshalb ist eine reiche schwarze Kanzlei in der Innenstadt auf ihn aufmerksam geworden, eine ziemlich noble Firma, die sich mit Bürgerrechtsprozessen einen Namen gemacht hat. Sein Anfangsgehalt beträgt vierzigtausend im Jahr, sechstausend mehr, als Broadnax and Speer mir geboten haben.
«Ich hasse das Jurastudium«, sage ich, als wir vom Parkplatz des Cypress Gardens Senior Citizens Building herunterfahren.
«Daran ist nichts Ungewöhnliches«, erwidert Booker. Booker haßt nichts und niemanden, und manchmal behauptet er sogar, das Jurastudium wäre für ihn eine Herausforderung.
«Warum wollen wir Anwälte werden?«
«Um der Öffentlichkeit zu dienen, gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen, die Gesellschaft zu verändern, du weißt schon, das Übliche. Hörst du Professor Smoot nicht zu?«»Laß uns ein Bier trinken.«
«Es ist noch nicht einmal drei Uhr, Rudy. «Booker trinkt wenig, und ich trinke noch weniger, weil es eine kostspielige Angewohnheit ist, und im Augenblick muß ich sparen, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann.
«War nur ein Scherz«, sage ich. Er fährt in Richtung Juristische Fakultät. Heute ist Donnerstag, was bedeutet, daß ich mich morgen mit Sportrecht und dem Code Napoleon herumschlagen muß, zwei Seminaren, die ebenso wertlos sind wie Gruftirecht und sogar noch weniger Arbeit erfordern. Aber auf mich wartet ein Anwaltsexamen, und wenn ich daran denke, zittern mir die Hände. Wenn ich beim Examen durchfalle, dann werden mich diese netten, aber steifen und todernsten Typen bei Broadnax and Speer bestimmt entlassen, was bedeutet, daß ich ungefähr einen Monat arbeiten werde und dann auf der Straße stehe. Beim Anwaltsexamen durchzufallen ist unausdenkbar — die Folge wären Arbeitslosigkeit, Bankrott, Schande, Verhungern. Also weshalb denke ich jede Stunde des Tages daran?» Setz mich bei der Bibliothek ab«, sage ich.»Ich denke, ich werde mich mit diesen Fällen beschäftigen und dann fürs Examen büffeln.«
«Gute Idee.«
«Ich hasse die Bibliothek.«
«Alle hassen die Bibliothek, Rudy. Sie ist so angelegt, daß man sie hassen muß. Ihr Hauptzweck besteht darin, daß sie von Jurastudenten gehaßt wird. Du bist völlig normal.«
«Danke.«
«Diese erste alte Dame, Miss Birdie, die hat Geld?«
«Woher weißt du das?«
«Mir war, als hörte ich so etwas.«
«Ja. Sie schwimmt im Geld. Sie braucht ein neues Testament. Ihre Kinder und Enkel kümmern sich nicht um sie, deshalb will sie sie natürlich streichen.«
«Wieviel?«
«An die zwanzig Millionen.«
Booker mustert mich überaus argwöhnisch.
«Das behauptet sie jedenfalls«, setze ich hinzu.
«Und wer soll das Geld bekommen?«»Ein Fernsehprediger mit viel Sex-Appeal und eigenem Learjet.«
«Nein!«
«Doch.«
Booker versucht das zu verdauen, während er den Wagen zwei Blocks durch dichten Verkehr steuert.»Hör mal, Rudy, nimm es mir nicht übel, du bist ein netter Kerl, ein guter Student, intelligent, aber ist dir wohl bei dem Gedanken, ein Testament für eine derart große Hinterlassenschaft aufzusetzen?«
«Nein. Wäre dir etwa wohl dabei?«
«Natürlich nicht. Also, was wirst du tun?«
«Vielleicht stirbt sie im Schlaf.«
«Das glaube ich nicht. Dazu ist sie zu munter. Sie wird uns überleben.«
«Ich werde es bei Smoot abladen. Vielleicht einen der Steuerprofessoren bitten, mir zu helfen. Vielleicht sage ich Miss Birdie auch einfach, daß ich ihr nicht helfen kann, daß sie einem hochkarätigen Steueranwalt fünf Mille zahlen muß, damit er es aufsetzt. Im Grunde ist es mir völlig egal. Ich habe meine eigenen Probleme.«
«Texaco?«
«Ja. Sie sind hinter mir her. Mein Vermieter auch.«
«Ich wollte, ich könnte dir helfen«, sagt Booker, und ich weiß, daß er es ehrlich meint. Wenn er das Geld erübrigen könnte, würde er es mir mit Freuden leihen.
«Ich werde bis zum 1. Juli überleben. Dann bin ich ein großartiges Sprachrohr für Broadnax and Speer, und die Tage meiner Armut sind vorüber. Wie in aller Welt, Booker, soll ich es nur schaffen, vierunddreißigtausend Dollar im Jahr auszugeben?«
«Hört sich unmöglich an. Du wirst reich sein.«
«Ich meine, ich habe sieben Jahre lang praktisch nur von Trinkgeldern gelebt. Was soll ich bloß mit dem vielen Geld anfangen?«
«Dir einen Anzug kaufen?«
«Weshalb? Ich habe doch schon zwei.«
«Vielleicht ein Paar Schuhe?«
«Das ist es. Genau das werde ich tun, Booker. Schuhe kaufen und Krawatten, und vielleicht etwas zu essen, das nicht in einer Dose steckt. Und vielleicht eine neue Packung Unterhosen.«
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