»Wir stehen am Beginn einer neuen Zeit, Mademoiselle Strakon«, sagte Schlemihl. »Die Mittel sind alle versammelt, und was noch fehlt, wird die so produktive Wissenschaft und Ingenieurskunst bald entdecken. Die letzten weißen Flecken der Welt werden kartographiert. Der Bürger macht sich jetzt die Welt. Alle Stile, alle Zeiten, alle Kunst der Völker sind ihm zur Hand. Löwen sind keine Allegorien mehr, und aus den Menagerien sind Zoos geworden, in denen die Tiere den Menschen Vergnügen und Bildung bringen. Ihresgleichen lebt heute nicht mehr bei Hofe, sondern wird zusammen mit Negern, Chinesen und Indianern zur Schau gestellt.«
Marie mußte an Berlin denken, an die Straßen, die endlosen Ziegelmauern, das Feuer in den Fabriken, die Massen der Menschen und ihre Gesichter. Nicht lange mehr, und die Stadt würde hier sein. Sie nickte. »Wir sagen, die Zeit vergeht, dabei sind wir es.«
»Aber was ist die Zeit? Vielleicht ist sie ja nur ein Schleier, der alles bedeckt«, sagte Schlemihl, »eine Färbung der Dinge, die alles durchdringt, von dem man sagt, daß es einmal war. Und in Wirklichkeit ist alles noch da, und auch wir sind alle noch da, nur nicht im Jetzt. Und werden immer da sein. Ich war immer so gerne hier bei Ihnen auf Ihrer Insel! Die Orte sind es, die länger bleiben als wir.«
»Nichts von mir wird bleiben«, sagte Marie leise. »Nicht einmal ein Schattten.«
»Wissen Sie, Mademoiselle Strakon, was, außer mir, auf dieser Welt einzig ohne Schatten ist?«
Marie schüttelte den Kopf.
»Das Feuer.«
Das stimmt, dachte sie und hörte Christians Stimme wieder, seine Stimme, die sie so lange nicht mehr gehört hatte. Wir wurden angewiesen, hatte er gesagt, die großen Feuer, die im Leib der Welt brennen, zu bewahren. Und weil wir am Anfang der Zeit aus der Erde entstanden sind, werden wir unendlich alt und pflanzen uns nicht fort. Nein, wir pflanzen uns nicht fort, dachte Marie traurig.
»Wollen wir jetzt rauchen?« fragte Schlemihl nach einer Weile, in der er geschwiegen und sie betrachtet hatte, als wüßte er genau, wie lange sie brauchte, um mit ihren Gedanken an ein Ende zu kommen.
»Ja, wir wollen rauchen!« sagte Marie und lächelte ihn an.
Sie war so glücklich, den Freund wieder bei sich zu haben. Gleich zog sie eines der Hölzchen hervor, tauchte es zitternd in den kleinen Porzellanzylinder und brannte mit dem geisterhaften Feuer ihre Cigarre an. Doch als sie wieder hochschaute, war Schlemihl verschwunden.
Der Rauch kräuselte sich vor ihren Lippen und stieg ganz still in den gläsernen Himmel des Palmenhauses hinauf, während ihr für einen Moment der Atem stockte. Marie spürte das lastende Schweigen in dem großen Raum. Kein Blatt raschelte. Wie überall auf der Insel machte sich auch hier im Palmenhaus die Nachlässigkeit des Hofgärtners Reuter bemerkbar. Weder hatte man, wie zu Gustavs Zeit üblich, die vertrockneten Blätter von den Palmen geschnitten noch es offenbar für nötig befunden, die abgefallenen Blätter zu entsorgen, die zuhauf unter den Pflanzen lagen. Es genügte, daß Marie die Cigarre in den Haufen neben ihrem Stuhl warf.
Glas ist nicht vorgesehen in der Menschenwelt. Vulkane werfen es auf die Erde, Meteoriten, deren Gestein zerschmilzt, bringen es herab, Blitze schmelzen es in den Sand der Wüsten. Als die riesigen Fenster mit einem fürchterlichen Geräusch zersprangen und Tausende und Abertausende Splitter herabprasselten auf die wie Fackeln brennenden Palmen, sah Marie noch einmal den schwarzen Nachthimmel durch den Rauch, der ihn fetzenweise freigab, dann fing auch ihr Kleid Feuer. Und noch einmal und als letztes war Christian wieder bei ihr. Nicht an die Liebe ihres Lebens dachte sie, und nicht an ihr Kind, verloren, und wiederbekommen und für immer verloren, sondern sie spürte den wunderbar warmen, vertrauten, kleinen Kinderleib ihres Bruders wieder neben sich in dem Kahn auf der Havel und empfand das Glück jenes hellen sonnigen Morgens noch einmal, und noch einmal sah sie ihre Insel zum ersten Mal.

Das schöne prächtige Palmenhaus auf der Pfaueninsel bei Potsdam , berichtete die Vossische Zeitung am 21. Mai 1880 , ist in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag mit Allem, was es enthielt, ein Raub der Flammen geworden, in denen auch ein gewesenes Königl. Schloßfräulein, Maria Dorothea Strakon, die in ihrem achtzigsten Jahr stand, ums Leben kam. Wie man uns meldet, wurde das Feuer, über dessen Entstehungsart man nichts Bestimmtes weiß und nur vermutet, daß es vielleicht durch die Heizungsanlagen des Gebäudes entstanden sei, zuerst von einigen Fischern bemerkt, welche sich am Mittwoch abend zwischen 10 und 11 Uhr in der Nähe auf dem Wasser befanden, um Aalpuppen auszulegen. Die Fischer eilten nach dem Palmenhause, woselbst sofort mit allen zu Gebote stehenden Mitteln versucht wurde, dem rasenden Ueberhandnehmen der Flammen, die an den vielen Holztheilen des Gebäudes reichlichen Nahrungsstoff fanden, Einhalt zu thun. Die erste Spritze, welche zur Stelle war, war diejenige des nahe gelegenen Sacrow, aber weder sie, noch der bald nachkommende Succurs, konnten die Flammen dämpfen. Von allen Seiten strömten die Beamten der königlichen Gebäude herbei und leisteten die ganze Nacht hindurch Hilfe, aber Alles, was erreicht wurde, war, daß das Feuer auf seinen Herd, das Palmenhaus beschränkt wurde. Dieses aber wurde mit dem schönen Bestand vollständig vernichtet. Der Feuerschein war so mächtig, daß er weithin jenseits Potsdams und in den umliegenden Ortschaften bemerkt wurde; auch in Berlin wurde er gesehen.
Thomas Hettche, 1964 am Rand des Vogelsbergs geboren, lebt in Berlin und in der Schweiz. Sein Romandebüt »Ludwig muß sterben« wurde 1989 als Geniestreich gefeiert. 1992 erschien der Erzählungsband »Inkubation«, 1995 »Nox«, ein Roman über die Nacht des Mauerfalls, 1997 »I Modi«, Nachdichtung von Sonetten Pietro Aretinos und Reflexion über erotische Literatur, 1999 das Venedigbuch »Animationen«. »Der Fall Arbogast« (2001), Hettches Roman über einen Justizfall aus den 50er Jahren, wurde zum Bestseller und in zwölf Sprachen übersetzt. Der USA-Roman »Woraus wir gemacht sind« stand 2006 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. »Fahrtenbuch 1993 – 2007«, die Sammlung seiner Reportagen und Aufsätze vor allem für die FAZ und NZZ, erschien 2008. »Die Liebe der Väter« (2010) erzählte von einem schwierigen Verhältnis zwischen einem Vater und seiner Tochter. 2012 erschien der autobiographische Essayband »Totenberg«. Thomas Hettche hat 1999 die Online-Anthologie »NULL« herausgegeben und betreut die »Edition Spycher« im Dörlemann Verlag. Er erhielt u. a. den Robert-Walser-Preis, den Premio Grinzane Cavour und zuletzt den Düsseldorfer Literaturpreis.
www.hettche.de
www.pfaueninsel-roman.de

Der Autor dankt der Pro Helvetia, der Stiftung Preußische Seehandlung, dem Berliner Senat und dem Deutschen Literaturfonds für die Unterstützung seiner Arbeit an diesem Roman.
Die Pfaueninsel in der Havel bei Potsdam war ein künstliches Paradies. Von dessen Blüte, Reife und Verfall erzählt Thomas Hettche aus der Perspektive des kleinwüchsigen Schlossfräuleins Marie, in deren Leben sich die Geschichte des 19. Jahrhunderts verdichtet. Es geht um die Gestaltung dieses preußischen Arkadiens durch den Gartenkünstler Lenné und um all das, was es bevölkerte: Palmen, Känguruhs und Löwen, Hofgärtner, Prinzen, Südseeinsulaner, Riesen, Zwerge und Mohren. Thomas Hettche Thomas Hettche gelingt es dabei, mit dem historisch verbürgten Personal seiner Geschichte die Fragen der Vergangenheit an unsere Gegenwart zu stellen: Nach der Zurichtung der Natur, der Würde des Menschen, und danach, was wir als schön und was als häßlich finden, nach dem Wesen der Zeit und der Empfindsamkeit der Seele und des Leibes. Atmosphärisch, detailgetreu und voller Lust an der phantasievollen Ausschmückung erzählt dieser Roman aber vor allem von einer großen Liebe.
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