Die Schloßwiese lag dunkel vor ihnen, die Bäume an ihrem Rand eine schwarze drohende Wand. Nur der helle Kies, von dem aus sich der Ingenieur Maximilian Nietner und seine Frau Ananthi aufmachten in die Nacht, schimmerte ein wenig im Lichtschein, der aus der Tür fiel. Kurz nachdem das Dunkel die beiden verschluckt hatte, hörte Marie, die noch in der Lichtschleppe stand und ihnen nachsah, Schritte, bedächtige Schritte, und dann bog Rösner auf seinem abendlichen Kontrollgang um die Ecke des Schlosses, grüßte zu ihr herauf und ging weiter. Es war, als erwachte sie da. Er möge doch bitte, rief sie ihm auf einmal mit fester Stimme nach, im Palmenhaus anfeuern. Der Alte blieb stehen und sah sie verwundert an.
»Weshalb?«
»Heize Er! Heize Er tüchtig ein!« Marie drückte die hohe Tür hinter sich zu.

In dieser Nacht fiel die Temperatur auf der Pfaueninsel bei anhaltendem Nordostwind unter den Gefrierpunkt. Um die seit Wochen ruhende Heizung wieder in Betrieb nehmen zu können, mußte Rösner zunächst in den beiden Schornsteinen Lockfeuer aus Hobelspänen entzünden, wobei die Funken hoch aufstoben, hoch in den Nachthimmel hinein wie ein wilder Tanz aus Lichtpunkten, die sogleich von noch helleren, wilderen Funken auseinandergewirbelt und abgelöst wurden, widerstandslos trudelnd in die Nacht, in der sie verlöschten, als nähme ihnen das Dunkel den Atem. Marie blieb stehen und verlor sich für einen Moment in diesem Anblick, doch dann fiel ihr wieder ein, wohin sie unterwegs war, und ergeben in das Unabänderliche verglühte in ihr die Freude wie jene Funken.
Seit der Nacht vor nunmehr fünfzig Jahren hatte sie das Palmenhaus nicht mehr betreten und auch allen Besuchern, die sie über die Insel geführt hatte, den Zutritt verweigert. Im Dunkeln öffnete sie die Tür zu jenem Ort, an dem damals Christians Leben geendet hatte, und dabei kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, ihr eigenes könnte vielleicht nur deshalb noch immer nicht vorüber sein, weil sie es seitdem vermieden hatte hierherzukommen. Vorsichtig zog sie die Tür hinter sich zu und entzündete einige der Lampen, die dort für einen späten Besuch bereitstanden.
Als wäre seit jener Nacht keine Zeit vergangen, schien alles wie früher, selbst die Stühle, die hier und da zwischen den Pflanzen standen, waren noch am selben Platz, und so ging sie in Christians Kleid, langsam, daß er es auch sähe, durch den Raum und sah sich, den Blick hinauf zum Balkon vermeidend, nach allen Seiten um. Große Farne, die es früher noch nicht gegeben hatte, standen üppig zwischen den hohen Stämmen, doch Marie entdeckte das Zuckerrohr, die Zimtbäume und die Bananenstauden wieder, und es roch ganz so, wie es an jenem Abend gerochen hatte, und auf einmal hörte sie das Lachen und Klirren der Gläser wieder, und Christian war wieder ganz in ihrer Nähe, noch einmal tanzte er vor der Fürstin, und noch einmal, wie unzählige Male seitdem, griff Gustav ihm unter die Achseln, und noch einmal fiel sein Blick dabei auf sie, wund und verzweifelt, noch einmal spürte sie ihre Todesangst, noch einmal den bodenlosen Schrecken, und noch ein letztes Mal warf Gustav ihren Bruder über die Brüstung, und sie sürzte ein allerletztes Mal die Treppe hinab, sah ihn daliegen in seinem Blut und spürte, wie ihre Welt zerbrach. Marie blinzelte durch das Glasdach in den Nachthimmel hinauf, in dem die Funken noch immer stumm umeinanderwirbelten, aufstieben und verloschen.
Beklommen tastete sie sich zum Kreuzungspunkt der Wege vor, dorthin, wo auf der achteckigen Säule die Latania stand, das Prunkstück der Sammlung, und dicht dabei entdeckte sie gleich die Ostindische Schattenpalme, von deren Merkwürdigkeiten ihr Gustav damals soviel erzählt hatte. Es sei die einzige Palme, welche nur ein einziges Mal in ihrem Leben blühe, dabei eine unglaubliche Menge übelriechender Blüten hervortreibend, um alsbald, wenige Früchte reifend, abzusterben. Auf der Insel hatte man immer viel über diese Palme gesprochen, denn sie wollte nicht aufhören zu wachsen, und als sie nach zwanzig Jahren das Glasdach erreicht hatte, ließ Friedrich Wilhelm IV. dem Palmenhaus für sie eine Kuppel nach indischem Vorbild aufsetzen.
Dann starb der König, und jener Prinz, der damals von hier aus nach England geflohen war, folgte ihm nach, wurde König, dann Kaiser. Die Düppeler Schanzen und Königgrätz, die Emser Depesche, Sedan und der 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles, und die Palme wuchs immer weiter. Die Palme wuchs in die Kuppel hinein und füllte sie schließlich ganz aus, so daß man, wiederum zwanzig Jahre später, darauf verfiel, eine Grube unter ihr auszuheben, sechs Meter tief, und dort hinein wurde die Palme seither, ihrem Wachstum entsprechend, nach und nach abgesenkt.
Marie spähte in ihren nachtdunklen Wipfel hinauf und hinab in den Schacht. Die Zeit beeindruckte sie nicht mehr. Ihr Vergehen war ihr ganz gleichgültig geworden. Sie setzte sich auf einen der Eisenstühle, die ringsum unter den Palmen standen. Hörte, wie Rösner sich im Keller bei den Öfen mühte, und meinte auch schon zu spüren, wie die Wärme vom Boden aufzusteigen begann. Im Flackern der Lampen zitterten die Palmenschatten umeinander. Nun kommt keiner mehr, dachte Marie. Hierher auf die Toteninsel, auf der ich lebe. Jetzt bin ich ganz allein. Bin wirklich ein Ding, das man vergessen hat. Und langsam nestelte sie den kleinen seidenen Beutel auf, den sie ums Handgelenk trug, nahm eine Cigarre heraus und das Döschen mit der Schwefelsäure und das mit den Tunkhölzchen.
»Ach, daß Sie das noch haben, Mademoiselle! Wie schön!«
Die Stimme war ihr zu vertraut, als daß sie hätte erschrecken können. Freudig schaute sie sich um, sah Peter Schlemihl gerade mit der Hand ein paar Palmwedel beiseite biegen und lächelnd zu ihr heranschlendern. So sehr war sie von ihren Erinnerungen abgelenkt gewesen, daß sie ihn gar nicht hatte hereinkommen hören.
»Schlemihl, was für eine Freude! Sie glauben gar nicht, wie sehr ich Sie all die Jahre vermißt habe.«
Umstandslos kauerte er sich vor ihr auf den Boden, und sie meinte gleich, in dem altvertrauten Gesicht so etwas wie Mitleid zu erkennen. Empfand unter seinem Blick, wie unendlich alt sie geworden war, während er, wie sie verwundert bemerkte, sich überhaupt nicht verändert hatte: Er war so jung wie damals, als sie sich auf der Schloßwiese beim Besuch des Königs zum ersten Mal begegnet waren.
»Ist so furchtbar lange her«, murmelte sie und streichelte lächelnd sein schönes Jungengesicht. Schimpfte sich selbst dabei eine alte sentimentale Frau und spürte zugleich eine wunderbare Müdigkeit in all ihren kleinen Gliedern, die plötzlich so schwer schienen, daß es ihr ganz undenkbar vorkam, sich irgend einmal noch zu bewegen. Die Hand mit Cigarre und Tunkhölzchen sackte in ihren Schoß.
»Da gibt es jetzt etwas Besseres«, sagte Schlemihl leise, zog geschwind ein kleines metallenes Gerät hervor, dessen Kappe er abnahm, und schon flackerte eine Flamme heraus, und Marie roch zum ersten Mal in ihrem Leben den beißenden Geruch von Benzin. Er steckte die Kappe wieder auf, und das Feuergezüngel erlosch. Wenn da tatsächlich Mitleid in seinem Blick gewesen sein sollte, war es jetzt verschwunden. Er lächelte sie an.
»Wie lange wir einander schon kennen! Ich denke noch manchmal an unser erstes Zusammentreffen hier auf der Insel. Der junge Parthey, erinnern Sie sich?«
Marie nickte ernst. »Was wohl aus ihm geworden ist?«
»Vor ein paar Jahren ist er, ein alter Mann, in Rom gestorben, wo er immer hatte leben wollen. Und Lili, seine kleine Schwester!«
»Die Arme!«
»Ist nun auch schon fünfzig Jahre tot.«
»Ja.«
Marie hielt noch immer die Cigarre und das Döschen mit den Tunkhölzern im Schoß, aber sie schien es vergessen zu haben. Der Beutel war auf den Boden gerutscht.
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