Und Marie war Lenné in der Tat immer ekelhaft gewesen, er hatte es Gustav deutlich zu verstehen gegeben. Was hatte sie ihm bei ihrem letzten Treffen entgegengeschrien? Du bist das Monster! Du bist das Monster! Immer wieder. Das war ihr Abschied voneinander gewesen. Seither gingen sie sich aus dem Weg, und wenn sie sich zufällig trafen, sprachen sie nicht miteinander. Gustav unterließ es, obwohl das in seiner Macht gestanden hätte, ihr irgendwelche Aufgaben zuzuweisen. Manchmal fehlte sie ihm wie eine vergangene Lust, deren Wiederholung man sich sehr wünscht.
Seine Gedanken gingen von einem zum andern. Von der Maikäferplage im letzten Jahr, als die Engerlinge gierig die Wurzeln der Rosenstöcke zerfressen hatten, zu dem, was in diesem Jahr zu tun war, und mit einem Mal fühlte er sich sehr allein. Dabei war doch dieser Tag ein Tag des Triumphes. Da sollte er sich nicht einsam fühlen. Denn er hatte gesiegt: Die Tiere kamen weg. Friedrich Wilhelm IV., dem die Insel nicht dasselbe wie seinem Vater bedeutete und der sie kaum mehr besuchte, hatte endlich einem entsprechenden Vorschlag von Lichtenstein zugestimmt und ein Stück der alten Fasanerie am Berliner Tiergarten für einen modernen städtischen Zoo zur Verfügung gestellt. Und als deren Gründungsbestand war die Menagerie der Pfaueninsel vorgesehen. Damit würde die Insel endlich so werden, wie er es sich immer ausgemalt hatte. Endlich würde er ihr die Sehnsucht austreiben und all die Phantastereien, denen es Marie und ihr Bruder und der Riese und Maitey allein zu verdanken gehabt hatten, hierherzukommen, und all das Vieh aus aller Welt. Nichts mehr würde bleiben davon.
Gustav riß den Blick von den Sonnenflecken unter den Pappeln an der Anlegestelle los und öffnete die letzte Inventarliste des Tierbestandes der Königlichen Menagerie auf der Pfaueninsel, die es geben würde, und in die der König höchstselbst die weitere Verwendung der Tiere und ihrer Anlagen eingetragen hatte.
Affenhaus: 1 Mandrillaffe, 4 Kapuzineraffen, 1 grüner Affe, 1 Maci, 3 Javaneraffen, 1 Klammeraffe, 2 Waschbären, 1 Aguti aus Ostindien, 2 Tibetkatzen. Es erhält der zoologische Garten die Gebäude und die Thiere. Känguruhhaus: 3 Känguruh. Es erhält der zoologische Garten Gebäude und Thiere. Schafstall: 17 tibetanische Ziegen, 1 Ziegenbock mit 4 Hörnern, 4 Ziegen, 1 amerikanische Ziege, 20 schottische Schafe, 3 ägyptische Schafe, 4 ungarische Schafe, 4 spanische Schafe, 1 Mufflonschaf, 4 Zebu, 2 kleine Zebukühe, 1 Zebukalb, 2 Hunde. Der Garten die Thiere, welche er braucht, das Gebäude bleibt. Lamahaus: 2 Lama aus Peru. Die Thiere der Garten, nicht die Gebäude. Bärengrube: 1 Bär aus Rußland. Der Garten das Thier. Stall für wilde Schweine: 3 Schweine. Biberbau: 2 Biber. Thiere und Gebäude bleiben auf der Insel. Adlerhaus: 2 Seeadler, 2 Schreiadler, 1 Schneeule, 2 Baumeulen. Gebäude und Thiere an den Garten. Volière: 2 Nachtreiher, 4 Löffelreiher, 1 Kranich, 1 Wasserhuhn, 4 weiße Lachtauben, 5 graue Lachtauben, 2 Turteltauben, 2 wilde Tauben, 8 Hühner, 1 goldgelbes Huhn, 6 podolische Hühner, 6 türkische Hühner, 3 Strupphühner, 2 Condor, 6 Crammetsvögel, 1 Schwarzamsel, 2 Dompfaffen, 8 Lerchen, 2 Kanarienvögel, 9 verschiedene Vögel. Ententeich und Wasservögelvolière: 12 Pfauentauben, 50 Flugtauben, 12 chinesische Gänse, 1 Gans mit drei Füßen, 2 Südsee-Gänse, 15 podolische Enten, 1 Surinamer Ente, 15 türkische Enten, 8 Märzenten, 5 Zwergenten, 6 junge Perlenten, 2 columbische Enten, 6 junge Schellenten, 2 Rohrdommeln. Der Garten die Thiere, die er braucht, die Gebäude bleiben. Im Freien: 6 weiße Störche, 2 schwarze Störche, 5 weiße Pfauen, 48 Pfauen. Thiere und Gebäude auf der Insel. Dachsbau: Ein Dachs. Gebäude und Thier an den Garten.

Irgendwann in den nächsten Jahren, an einem jener Tage, die noch den späten Sommer spüren lassen, ohne ihn mehr zu haben, und deren frühe Kälte einem schon so in die Glieder kriecht, daß man wie betäubt darauf hofft, sie möge endlich die Klarheit gewinnen, die es ermöglicht, sie zu ertragen, zog es Marie plötzlich wie ein Tier, das sich für den Winter in seinen Bau zurückziehen will, in das hölzerne, kalte Schloß, das seit langem schon die meiste Zeit leer stand. Bald schien sie ganz dort zu wohnen, und die Gärtner begannen sich darüber zu wundern und zu tuscheln, doch da Gustav Fintelmann nichts unternahm, gewöhnten sich die Bewohner der Insel schnell daran, daß das alte Schloßfräulein jetzt im Schloß lebte, das ansonsten niemand betrat und das längst wieder jene Kulisse geworden war, als die es der verliebte Vater des nun toten Königs mit seiner Geliebten einst errichtet hatte.
Der neue König, der sich nur sehr gelegentlich für einige Stunden im Sommer zur Insel rudern ließ, ohne jemals dort zu übernachten, wo er doch viele Tage seiner Kindheit verbracht hatte, entzog der Insel nach und nach die Mittel. Menageriedirector Sieber trat in den Dienst des Zoologischen Gartens von Berlin über, die Tiere wurden entsprechend den königlichen Verfügungen nach Berlin gebracht, ihre Ställe abgebrochen. Das Lamahaus brannte ab, und viele der Tiere gingen dabei zugrunde. Das Rotwild der Insel kam in den Wildpark Pirschheide bei Potsdam, das Damwild ins Forstrevier Grunewald. Das Affenhaus wurde abgetragen, ebenso der Biberbau und der Taubenturm. Man begann, die Freiflächen des mittleren Inselteils wieder mit Buchen und Eichen zu bepflanzen, und mit dem Verschwinden der Menagerie gab man auch die komplizierte Lennésche Wegführung im Süden der Insel auf und legte eine Chaussee an, auf der man schneller zur Meierei gelangen konnte.
Marie erkannte die Stille aus ihrer Kindheit wieder, auch die Leere auf den Wegen, als die Besucher immer mehr ausblieben, dann die Weise, wie die Natur sich mit großer Selbstverständlichkeit zu dem zurückverwandelte, was sie einst gewesen war. Alles Künstliche verschwand in dem Moment, in dem der Wille verschwand, es zu erhalten, und was eben noch modern gewesen war und Versprechen einer neuen Zeit, sank lautlos und kraftlos als Mode zurück ins Vergessen. Das Vergehen der Zeit, dachte sie, war ja vor allem ein Vergehen von Zukunft und ein Sieg der Vergangenheit. Einer Zeit also, zu der sie gehörte und die nicht verging. Groß war die Aufregung, als Tagelöhner in der Hirschbucht die Scherben eines von Baumwurzeln gesprengten groben Topfes entdeckten und darin vier Ringe, Opfergaben wohl aus alter Zeit, die, wie Marie fand, nicht zufällig gerade jetzt zum Vorschein kamen. Seltsam beruhigt las sie ihre Lieblingsbücher von früher noch einmal: Die nächtlichen Erscheinungen im Schlosse Manzini , Das schöne Mädchen von Perth und Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores.
Und immer öfter, als rückte sie tatsächlich näher, sprach man auf der Insel von der Stadt, von den unendlich langen Straßen aus nichts als Stein, von schloßhohen Mietshäusern, von Hinterhöfen und von den unzähligen Menschen, die in den Manufakturen und Fabriken arbeiteten, von Kanälen und Kähnen voll Ziegel und Kohle, von einem abgesetzten König aus Hannover, den die Stadt verschluckt hatte, von Biergärten und politischen Versammlungen, von Elend und Hunger. Doch all das blieb so lange in weiter Ferne, bis in einer verhangenen, gänzlich sternlosen, aber windstillen Märznacht des Jahres 1844 gegen zwei in der Früh ein Kahn am Steg der Pfaueninsel festmachte und zwei Soldaten auf die Holzbohlen kletterten, die bei der großen Kälte, die herrschte, von feinem Rauhreif überzogen waren.
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