Atemwolken vor dem Gesicht, sahen die beiden sich vorsichtig um, dann halfen sie vier dickvermummten Gestalten aus dem Kahn, zwei Frauen und zwei Männern, und ohne ein Wort stapfte die kleine Gruppe so schnell es ging zum Kastellanshaus hinauf. Man zögerte einen Moment vor der Tür, dann gab jene Gestalt, die als letzte den Kahn verlassen hatte, einem der Soldaten Ordre, die Scheibe einzuschlagen, mit einem lauten Scheppern zerbarst das Glas unter dem Knauf eines Säbels, die Scherben zerklirrten auf den Dielen, schnell war man drinnen und zog die Tür zu. Ein kleines Kind fing irgendwo im Haus an zu schreien, eine Petroleumlampe auf der Anrichte neben der Tür wurde entdeckt und entzündet, Türenschlagen im ersten Stock, Geflüster, dann Rufe, wer da sei. Schritte, die zögernd die Treppe herabkamen. Die Lampe warf einen zitternden Schein um die Gruppe, und einer der beiden Soldaten, ein junger Mann, das Gesicht rot vor Kälte, rief Gustav Fintelmann entgegen: »Ihre Königliche Hoheit, der Prinz von Preußen!«
Gustav stand unschlüssig im Hausmantel vor der Gruppe, um die noch die Kälte dampfte, bis einer der Eindringlinge den Shawl, der ihm das Gesicht verdeckte, löste und beide Hände dem alten Freund aus Kindertagen entgegenstreckte. Das brach den Bann. Jetzt erkannte und begrüßte man einander freudig, während verschlafen der junge Gartengehülfe auftauchte, der sein Bett unter den beengten Verhältnissen des Hauses im Arbeitszimmer Fintelmanns aufzuschlagen pflegte, und Mascha, die Haushälterin, ein junges Ding, das von Nikolskoje herkam. Der Prinz stellte dem Gärtner seine Frau vor, Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, eine Schönheit mit dunklen Schläfenlocken und großen Augen, die von dem hellen Teint ihrer Haut abstachen, der sie in der dicken winterlichen Vermummung, die sie nun langsam abschälte, sehr jung erscheinen ließ. Was man, wie Gustav bemerkte, von seinem Freund nicht behaupten konnte. Der Junge, an den er sich erinnerte, war nun ein Mann von fünfzig Jahren, die Uniform saß prall um den kompakten Leib, mit einem buschigen Schnurr- und ebensolchem Backenbart und einer beginnenden Halbglatze, dessen Augen tief unter den hängenden Lidern lagen.
Bei den Begleitern des Paares handelte es sich um ein Fräulein von Reindorf, die noch ganz junge Kammerfrau der Prinzessin, und den Kammerdiener Krug, der gleich geschäftig für Ordnung zu sorgen begann, die Überkleider entgegennahm und das Gepäck, das von einem der Soldaten hereingeschafft wurde. Gustav bat alle ins Wohnzimmer, ließ die Lampen entzünden, Schnaps holen und Tee bereiten und an Essen, was in der Küche war, auftischen. Seine Frau werde gleich zu ihnen kommen, sie sehe nur kurz nach den Kindern und kleide sich an.
Das wenige, das Gustav über die augenblickliche Lage in Berlin wußte, hatte er aus Briefen von Kollegen, die Zensur ließ den Zeitungen dieser Tage wenig Raum. Aber man flüsterte doch dies und jenes, zumal die Situation spätestens seit der Hungerrevolte vom letzten Jahr unverändert prekär schien und nach Auflösung drängte. Die Hoffnungen der Liberalen auf den neuen König hatten sich nicht erfüllt, ganz im Gegenteil war überall eine große Unruhe spürbar, und selbst hier auf der Insel führte man, wie Gustav wußte, Reden gegen ihn. Mit alldem brachte er das nächtliche Auftauchen des Prinzen unwillkürlich in Zusammenhang, und tatsächlich begann dieser, kaum, daß sie Platz genommen hatten, und während noch Stühle gerückt und Gläser gebracht wurden, zu erzählen.
»Es hat eine Zusammenrottung gegeben, Handwerksgesellen, Studenten, Arbeitergesindel. Tausende. Eine Proklamation wurde verlesen. Als der Mob nicht weichen wollte, habe ich die Garde schießen lassen. Es gab Tote.«
Der Prinz räusperte sich und blinzelte Gustav unsicher an, griff nach einem Schnapsglas und stürzte den Korn hinunter. Gustav nickte Mascha zu nachzufüllen.
»Sie haben sich bewaffnet. Sie bauen Barrikaden, aus Marktständen und Transportkarren und derlei, es gibt Kämpfe in den Straßen.«
»Und es gibt Lieder. Über den Schlächtermeister von Preußen«, bemerkte die Prinzessin leise und blies über den heißen Tee in ihrem Glas hin.
Es hieß, ihre Ehe sei nicht glücklich. Sie sei ihrem Mann zu intelligent und vor allem zu liberal. Der Ton in Weimar wird ein anderer gewesen sein, dachte Gustav, und überlegte, während er sie betrachtete, was von den Gerüchten zu halten sei, sie langweile den Prinzen vor allem als Frau. Er fand sie hübsch. Etwas porzellanen, aber hübsch.
»Ich war dafür, alle zusammenzuschießen. Aber Fritz hält es für angebracht, zu verhandeln. Und da mußte ich zunächst einmal aus der Stadt. Ich soll nach England.«
In diesem Moment kam Eulalia herein, sehr aufgeregt, doch der Prinz nahm sie gleich lachend bei den Händen und bedankte sich bei der Frau des Freundes für die Gastfreundschaft in der Not.
»Wir wohnen so einsam, man muß sich keine Sorgen machen«, sagte Gustav. »Und die Fintelmänner waren immer ergebene Diener des Königshauses, es ehrt uns, daß Sie zu uns kommen, Königliche Hoheit. Ich werde den Kahn gleich mit Steinen beschweren und versenken lassen, damit morgen niemand Verdacht schöpft.«
Als die entsprechenden Anweisungen gegeben und auch entschieden war, die Gäste nicht im Schloß unterzubringen, um nur kein Aufsehen zu erregen, spürten alle, nachdem die Aufregung nun überstanden schien und auch der Schnaps seine Wirkung tat, ihre Müdigkeit, und man ging schlafen.
Eine improvisierte Feier aus Anlaß des Geburtstages des Prinzen, der nun gerade in diese Tage der Flucht fiel, bildete dann den Rahmen des Mittagessens am nächsten Tag, zu dem ihre Hoheit sich auch das Erscheinen des Schloßfräuleins wünschte, an das er sich aus Kindertagen erinnerte. Gustav, dem diese Bitte fast ebenso wie die Notwendigkeit, den Anlaß angemessen auszurichten, Unwohlsein bereitete, ließ gleichwohl am Morgen Mascha zu Marie ins Schloß schicken und sie instruieren.
Dennoch betrat Marie das Eßzimmer erst, als man schon zu Tisch saß. Das gehörte sich nicht, aber sie hatte den ganzen Vormittag mit sich gerungen, und es hatte sie große Überwindung gekostet, ins Kastellanshaus zu kommen. Und nun stand sie in dem altvertrauten Raum, und die Töchter Gustavs sahen von ihren Stühlen mit neugierigen Augen auf sie herab, den ungewohnten Gast, während sie einen entsetzlich langen Moment nicht wußte, wie sie zum Kopf des Tisches gelangen sollte, an dem der Prinz von seinem Ehrenplatz aufgestanden war und sie lachend zu sich winkte. Doch schließlich gelang es, und auch die Fragen, die er ihr stellte, überstand Marie ohne Stocken und Irritationen, und selbst auf ihren alten Kinderstuhl zu klettern, den man ihr neben die Plätze der Kinder gestellt hatte, meisterte sie trotz der Peinlichkeit, die es ihr verursachte, so beiläufig wie möglich. Froh, als dann die Aufmerksamkeit sich wieder anderen zuwandte.
»Überall um das Schloß herum waren all diese Menschen. Wir hatten große Angst, wie wir da in unserer Verkleidung standen in der Nacht«, erzählte die Prinzessin noch einmal und wischte sich mit dem kleinen Finger einen Krümel aus der Mundecke.
»Die Gräfin Oriola begleitete uns. Aber zu unserem Glück kam, gerade als wir uns in dem Gedränge nach einem Wagen umsahen, die leere Equipage des Grafen Nostitz vorüber, und der brave Kutscher erkannte die Gefährlichkeit der Lage. Schnell lenkte er uns aus dem Menschengewühl hinaus und die Linden hinunter nach dem Brandenburger Tor, das wir Gott sei Dank ohne irgendeine Störung passierten, obwohl die Wachen, wie wir wußten, Befehl hatten, uns aufzuhalten. Doch wir gelangten sicher zu dem recht abgelegenen Anwesen des Geheimrats Schleinitz im Tiergarten. Der liebe Alexander von Schleinitz, kennen Sie ihn?«
Marie sah, wie Gustav und Eulalia den Kopf schüttelten. Es hatte gedauert, bis sie sich traute, von ihrem Teller aufzusehen. Gustav tranchierte den Braten, schenkte Wein nach.
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