Ja, er hatte Zweifel. Das alles war zu phantastisch, halbseiden, und er war viel zu nervös. Er konnte die Insel, weiß Gott, auch wieder verlassen. Oder? Die Terrasse auf dem Hochufer verschmolz zu einer Art Oberdeck. Langsam löste sich das Schiff aus der Küste, langsam fuhr es hinaus, die Reise begann … Es gab vier Frauen und zwei Männer an ihrem Tisch. Ed wurde angeschaut. Schön. Er schaute zurück. Die Frau mit den kurzen Haaren und den ungeschützten Oberarmen, die Frau mit den schmalen, feingliedrigen Händen flach auf dem Tisch (als wolle sie ihn streicheln oder beruhigen), dann die Frau gegenüber, mit dem Fuß — zwischen seinen Beinen? Nein, unmöglich. Dann der Mann mit dem Jesusgesicht und dem überlangen Haar. Dann der andere Mann, Petrus vielleicht, aber jetzt sah er aus wie Dr. Z. Dann die weiter entfernten Frauen, jüngere und ältere Frauen, jüngere und ältere Männer, behängt mit selbstgefertigtem Schmuck, Holzperlenketten und Makramee. Ed sah Armbänder, Stirnbänder, aus Stroh oder Wildleder geflochten, er sah Hühnergötter. Einige der Frauen trugen weite Kleider aus Batik und einige die Nachthemden ihrer Urgroßmütter, wie es seit einiger Zeit Mode war; dünne, knielange Baumwollkleidchen mit Plauener Spitze über den atmenden Brüsten, dilettantisch gefärbt, lila, weinrot oder blau … Jemand sprach mit ihm, Kruso, erst jetzt bemerkte es Ed.
«Schau sie dir an, Ed. Den einen oder die eine …«
Ed senkte den Kopf; er wollte weg.
«Ich weiß es, Ed. In ein, zwei Stunden fällt es ihnen ein, dann fühlen sie sich stark genug. Und immer wieder gibt es den, der zu allem bereit ist. Ob ihn der Suchscheinwerfer findet oder nicht, egal. Er wird es nicht schaffen, nur sehr, sehr viel Salzwasser schlucken, irgendwo da draußen, fernab, und dann das Ende, und niemand da, der letzte Augenblick und vollkommen allein — welche Kränkung, Ed, welche verdammte Kränkung ist das, von allen und allem verlassen?«
Ed war betrunken. Er spürte die Verlassenheit. Die Gespräche machten eine Melodie, ein Auf-und-ab-Geräusch, sauber eingepasst ins Meeresrauschen. Vielleicht konnte man sich auch einfach zurücklehnen, versinken, im Dämmern verschwinden. Aus der halb geöffneten Eisluke tönte Musik, ein blecherner Klang, der direkt aus den von Ed geschrubbten und verhassten Eiskübeln zu kommen schien, irgendein Lied von betörender Schwermut, eine Kassette von Koch-Mike vielleicht, es war sein Stern-Recorder, und es war einfach zu laut auf der Terrasse, um irgendetwas zu verstehen. Jemand fuhr mit seinem Spielzeug über den Tisch und brummte dabei, erster Gang, zweiter Gang, dritter, dachte Ed, aber es war wieder nur Kruso an seinem Ohr, der ihm ein Glas zuschob, mit einer endlosen Bewegung, so langsam wie das Schiff, am Horizont, das lang-sa-me, lang-sa-me Licht, summte Ed, im Rhythmus der Musik. Die Geste mit dem Glas war vollkommen lächerlich, aber niemand lachte, jetzt meinten es alle ernst, sie meinten etwas ernst mit dem Glas und ernst mit ihm und schauten ihn an.
«Was denkst du, Ed? Wie ist deine Wahl?«, flüsterte Kruso, so leise, dass es sicher niemand hören konnte am Tisch, und auch Ed konnte es nicht hören.
Er griff nach dem Glas, hob es an, als wolle er die Schwere seines Inhalts prüfen, dann schob er es zurück. Dabei brummte er etwas, und aus dem Automobil wurde eine kleine rote ratternde Straßenbahn, ohne Gangschaltung, ohne Bremse, nur mit Kurbel für die Stromzufuhr, und er war der Fahrer, er war betrunken — aber er war der Fahrer! Auf der langen Geraden vor der Wendeschleife begann er die Frage zu stellen. Erst leise, dann laut.
«Wo ist die …, die …, die, die, die …?«
Er fragte nach der Bremse, aber er hatte das Wort vergessen, und also musste er brüllen.
«Wo ist dieses Ratschratsch, mehrmals kräftig zu ziehendes Ratschratsch, verdammt!«
Sein rechter Arm ruderte durch die Luft, und der linke wollte den Strom wegkurbeln, weg und ratschratsch, ratschratsch … Ed sprang auf, das Glas fiel zu Boden, das Herz blieb ihm stehen.
Dann war Stille.
Endhaltestelle.
Aussteigen.
Wieder viele Leute.
Ed sah jetzt klar.
Fast wäre er zu spät gekommen. Dr. Z. war da, und das Seminar hatte gerade begonnen. Ohne ein einziges Mal zu stocken, sagte er Georg Trakls Gedicht Die Verfluchten auf, dann das Gedicht Psalm. Zweite Fassung . Dann das Gedicht Sonja , das er schon immer sehr gemocht, und dann Unterwegs , wieder ein langes Gedicht, aber die Aufmerksamkeit ringsum bewies, dass es richtig war, es an dieser Stelle seines Vortrags einzubinden. Sicher, man konnte hier und da ein paar Zeilen überspringen, ungern, aber schließlich wollte er auch noch O das Wohnen und Die blaue Nacht …
Während seines Vortrags stand Ed wie versteinert. Er sprach sehr laut. Er zitterte. Es kamen jetzt noch mehr Leute heran, wahrscheinlich aus den angrenzenden Seminarräumen, alle starrten ihn an. Mitten in O das Wohnen nahm ihn Dr. Z, der jetzt Kruso war, am Arm. Er zog Ed weg vom Tisch und beförderte ihn über die Terrasse, dann durch den halbdunklen Klausner bis in den Abwasch. Ohne weiteres drückte er seinen Kopf ins Becken fürs Grobe. Ed schreckte zurück, wich aus, aber Kruso hatte die Kraft, sein Griff war unerbittlich. Ed dachte» schlucken «und» von allen und allem verlassen«. Das Wasser war wie Eis auf seinem Schädel.
Dann war es vorbei.
Kruso umarmte Ed und sagte etwas wie» Danke, mein Freund «und» Ich wusste es«. Er schob ihn durch die Schwenktür in die Küche, drückte ihn auf einen Schemel unter dem Radio und begann, nach irgendeinem Medikament zu suchen. Ed fror. Viola spielte Haydn, ein Konzert, und Kruso redete mit Ed. Ed begriff, dass es Kruso um die Gedichte ging, eine Kritik an seinem Vortrag vielleicht, aber er verstand nicht, ob er damit hätte aufhören oder weitermachen sollen.»Beim letzten Ton des Zeitzeichens war es 23 Uhr«, sagte Viola, und einen Moment lang herrschte vollkommene Stille.
Im Zimmer schlug ihnen die Hitze des Tages entgegen. Ed sank auf sein Bett und schloss die Augen. Kruso hatte darauf bestanden, ihn auch» nach Hause «zu bringen, aber jetzt ging er seltsamerweise nicht fort. Er stand da im Dunkel und bewegte sich nicht, dann setzte er sich an sein Bett und zog einen Brustbeutel aus Wildleder unter seinem Hemd hervor. Vorsichtig fingerte er etwas heraus, es dauerte eine Weile, dann drückte er es Ed in die Hand. Es war ein Foto, in einer Folie. Ed wollte sich das Geschenk vor Augen halten, aber Kruso legte blitzschnell seine Hand darüber, und so, Hand auf Hand, verharrten sie eine Weile.
«Es ist nur, damit du jetzt schlafen kannst. Ich borge es dir. Es bleibt hier. Es passt auf dich auf, es kümmert sich um dich. Schau es dir morgen an.«
Die kleine Plastikschutzhülle zwischen ihren vom Abwasch ausgezehrten Händen wurde warm und klebrig, oder vielleicht war sie schon warm gewesen, in Krusos Beutel, an Krusos Brust.
«Ich glaube, du hast noch — zu tun da draußen«, flüsterte Ed.
«Also, nur, damit du schlafen kannst«, wiederholte Kruso und legte das Bild auf den Nachtschrank.
Lindenblatt: Bevor Ed in den Schlaf sank, sah er, wie Kruso mit dem ausgestreckten Zeigefinger mehrmals über das feuchte Etikett der Flasche strich, wo eine ungarische Landschaft abgebildet war, etwas Puszta, etwas Gebüsch, zwei Ritter auf Wacht.
Es war eine zärtliche Geste. Wohin der Finger zeigte, während er sich am Tau der Flasche kühlte — das weiß ich nicht, dachte Ed, ich weiß es wirklich nicht, ich habe einfach keine Ahnung. Von Bedeutung ist nur, dass man die Zeichen versteht, und was dann.
Der Gral
Als er vom Strand zurückkam, lag ein mit Maschine beschriebenes Blatt Papier am Fußende seines Bettes — die Kündigung, schoss es Ed durch den Kopf, finito .
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