«Ostdeutschland kenne ich leider kaum«, sagte Henri. Er öffnete ein Fach unter der Werkbank und zog ein Blatt heraus. (Es war ein einziger Griff, er hatte alles vorbereitet.) Das Papier war voller Signaturen, in mehreren Spalten, sauber mit Hand untereinandergeschrieben. Er tippte darauf und sah mich an. Sein dichtes, blondes Haar war grau über den Ohren.
«Ehrlich gesagt, hat hier niemand mehr daran geglaubt, dass Sie kommen würden. Ich meine, irgendjemand — kommen würde. Nach all der Zeit.«
«Sie waren nicht leicht zu finden gewesen.«
Langsam schüttelte Henri den Kopf.
«Das ist ein sehr großes Gebäude, Herr Bendler, mitten in Kopenhagen. Und wir waren immer hier . «Er legte die flache Hand auf den Tisch, um den Ort noch einmal zu markieren.
Erneut wurde mir die Irritation bewusst: Vermisstenabteilung des Königreichs Dänemark. Aber niemand in Dänemark hatte diese Toten (meine Toten, hatte Madsen gesagt) je vermisst. Niemand in diesem Land würde je Anspruch erheben auf ihre Körper, von hier aus würde es keine Vermisstenanzeige geben, die zu den Flüchtlingen von damals führen konnte, keine Spur. Für sie gab es nichts als dieses Archiv, Abteilung Verschwunden. Das dritte Verschwinden.
Bevor ich etwas antworten konnte, stand Henri auf und schaltete im hinteren Teil seiner Kajüte das Licht ein.»Hier habe ich damals einen Arbeitsplatz eingerichtet, für Forschungszwecke. Ein Lesegerät und ein Computer, ein Commodore, inzwischen natürlich veraltet. «Er berührte den kleinen stahlgrauen Bildschirm, und wir kehrten zur Werkbank zurück.»Als die Mauer fiel, habe ich zusätzliche Kapazitäten angeregt und eine Benutzerordnung entworfen. Ein kleiner Lesesaal war im Gespräch. «Sein Blick ging in die Halle hinaus.»Bitte entschuldigen Sie, wenn ein paar grammatikalische Dinge … Man wird unsicher im Deutschen, über die Jahre. «Er schob mir ein Blatt über den Tisch, Ordnung für Benutzer .
Ich ergriff die Gelegenheit und überreichte, praktisch im Gegenzug, die Mappe mit dem Foto Sonjas und den von mir zusammengestellten Angaben. Er schlug die Mappe auf und warf einen langen Blick auf das Foto.
«Wie gesagt, Herr Bendler, Sie sind unbefugt.«
Bisher hatte er es nicht gesagt.
«Nötig wären zuerst eine Anzeige und ein Suchauftrag bei den Polizeibehörden Ihres eigenen Landes, im besten Fall bei Ihrer Regierung, die sich dann mit der Regierung Dänemarks und diese wiederum mit meinen Kollegen aus der Forensik in Vanløse in Verbindung setzt. Zudem erfordert ein Antrag auf Einsicht ausführlichere Unterlagen, genauere Angaben zum vermutlichen Zeitpunkt der Flucht, brauchbare Fotos, Details, wenn möglich, und so weiter.«
Langsam klappte er meine Mappe wieder zu und legte zwei Finger darauf.
«Das ist ein sehr langer, sehr komplizierter Weg, Herr Bendler. Und nicht jeder ist dafür gemacht, verstehen Sie, was ich meine?«
Er räusperte sich, und eine Weile blickten wir hinaus auf die Regale, gemeinsam, nebeneinander, wie Offiziere eines verlorenen Schiffes auf ihrer nutzlosen Brücke.
«Was ich sagen will, Sie sind der Erste hier, nach vierundzwanzig Jahren, wer hätte das gedacht? Als hätte sie niemand vermisst, unsere Toten.«
Er fügte hinzu, dass das natürlich nicht der Fall sei, niemals der Fall, im Gegenteil, ganz und gar nicht. Und eigentlich handele es sich um zweiundfünfzig Jahre — seit dem Mauerbau. Allerdings sei er selbst erst dreißig Jahre hier unten.
Madsen hatte sich erhoben.
Mein Besuch war beendet.
Ich wollte ebenfalls aufstehen, doch seine Hand verhinderte es. Mehr noch: Sie lag schwer auf meiner Schulter, zwei, drei lange Sekunden, schwer wie ein Stein.
Er begann eine kleine Rede, für die er offensichtlich stehen musste, sein Kopf berührte beinah die Decke der Kabine:»Dreißig Jahre und nie ein Grund zur Klage, Herr Bendler!«
Satz für Satz rekapitulierte Madsen die wechselhafte Geschichte der Vermisstenabteilung, zu der, wie er sagte, drei vollwertige Mitarbeiter zählten, drei gute, ja, hervorragende Polizeibeamte mit Büros in Vanløse. Einen Archivar gäbe es nicht im Haus. Diesen habe es nie gegeben, nur ihn und seine Stelle als technischer Mitarbeiter. Die Überwachung aller Räume, vor allem der Belüftungs- und Klimaanlage erfordere viel Aufmerksamkeit, weshalb er seine Werkstatt von Anfang an hier unten, bei den Toten, eingerichtet habe, damals jedenfalls sei das der Hauptgrund gewesen. Über die Jahre sei er dann mit den Umständen vertraut geworden, nach und nach. Bei Evakuierungen, Umbauten, der Einführung neuer Lagerregale, der Neuordnung der Akten in Kassetten aus säurefreiem Karton und so weiter habe er, zwangsläufig gewissermaßen, Kenntnis erworben über Aufbau und Inhalt dieser einzigartigen Sammlung, und seitdem, er könne das nicht anders sagen, stehe er in ihrem Bann, und zwar bis zum heutigen Tag.
«Die Anonymen erscheinen verdächtig allein aufgrund ihrer Namenlosigkeit — ist das nicht ungerecht, Herr Bendler? Früher haben die Seefahrer komplizierte Tattoos und Ringe getragen, damit man sie, falls sie angeschwemmt wurden, an ihrem Körperschmuck erkannte. Schon damals wusste man, wie trostlos es ist für einen unbekannten Toten auf dieser Welt. Einer Person ohne Namen vertraut man nicht, im Gegenteil, man findet sie abstoßend und hässlich. Kein Name, das heißt keine Abstammung, keine Familie, weder Mutter noch Vater, und so liegen sie hier in den Regalen wie aus der Kette gefallene Glieder. Sie sind noch da, aber sie haben sich verloren. Dieser Keller hier ist jetzt ihre einzige Heimat, Herr Bendler, der allerletzte Ort. Und gewissermaßen haben sie nur mich, der sie noch kennt, nicht vom Namen, aber von Fotos, Gutachten, ein paar Gegenständen.«
Madsen räusperte sich und machte eine Pause. Die Pause war kein Zufall, eher eine Gedenkminute. Ich empfand weder Verlegenheit noch Nervosität, die Stille tat gut. Von irgendwoher ein leises Donnergrollen, vorbeirollende Lastzüge vielleicht, oben auf der Straße, die den stumpfen Keil der Festung umschloss.
Vor allem um noch besser zu begreifen, was man ihm hier anvertraut habe, ihm, dem Hausmeister, so fuhr Madsen fort, habe er, insgeheim und ganz aus eigenem Antrieb, damit begonnen, sich weiterzubilden, und zwar auf allen Gebieten, Kriminalistik, Forensik, Asservatenkunde. Er habe seine Zeit genutzt, und, nein, nicht dass er sich selbst wichtiger machen wolle, als ein Hausmeister jemals werden könne in dieser Welt, aber inzwischen sei er es wohl, der am genauesten Bescheid wisse über dieses Archiv und seine Bestände.
Madsen tastete nach dem Spannungsprüfer in seinem Kittel (nach seinem Herzen, dachte ich) und warf einen Blick auf die Werkzeuge, als müsse er rasch noch einmal überprüfen, ob von dem, was jetzt nötig sein würde, alles vorhanden war.
«Vierundzwanzig Jahre, zweiundfünfzig Jahre, das ist einfach zu viel Zeit. Keine Benutzerordnung dieser Welt hält das aus, so lange, ich meine — ohne Benutzer. Das ist meine Meinung, Herr Bendler. Aber ich bin nur der Hausmeister hier. Auch ich bin unbefugt , verstehen Sie?«
Ich nickte. Ich verstand, dass er mich als eine Art Abordnung begriff, eine Delegation, ein Mann für alle seine Toten.
«Bitte warten Sie hier. Und bitte, bedienen Sie sich.«
Er wies auf einen Teller mit Biskuit, daneben eine Thermoskanne und zwei Plastiktassen.
In der Tür drehte er sich noch einmal um.
«Bei Novalis sind die Toten die Guten, Herr Bendler!«Dann seine Schritte auf der Treppe.
Draußen begann eine Art Blitzlichtgewitter, ein paar hundert Neonröhren sprangen an. Von meinem Platz auf der Brücke konnte ich sehen, wie Henri die Regale ablief. Etwas war mit seinem Gang; ein leichtes Hinken, oder nur seine Schwere, die ausschwingen musste. Er schob eine Art Servierwagen vor sich her, auf dem zuerst nur das Blatt lag. Der Wagen schepperte ohrenbetäubend über den Estrich, aber je öfter Henri in die Regale griff, umso ruhiger lief das Gefährt durch die Reihen.
Читать дальше