wohingegen mir für Seymour nie etwas Anderes als Öl in den Sinn gekommen wäre eben gerade weil er mit seiner Sportsman-Noblesse überhaupt nicht danach aussah sobald man es wusste stach es aber ins Auge wie Rohölflecken auf Segeltuchweiß diese Manager konnten gar nicht anders sein irgendwie bruchlos viskös glänzend und mit dem ganzen System (welchem? dem der industriellen Erdausbeutung) verschmolzen aber wie?
jetzt wollte ich es doch in Erfahrung bringen
herausfinden ob er trotz seines Wissens seiner Intelligenz und der wichtigen Positionen die er im Lauf seiner Karriere bekleidet hatte (1974 sein Einstand als on-site geologist bei einer abenteuerlichen Bohrklitsche in Oklahoma dann Mitinhaber einer technisch-geologischen Beraterfirma in Houston dann Spotmarktbroker mit zu wenig Erfolg und Wechsel zurück zum Fachgebiet bei Royal Dutch/Shell in die Nordsee dann zu Exxon/Kanada und so weiter bis zur verdienten Bilanz im Lebenslauf: various engineering and management positions with increasing
responsibility )
ob er also vielleicht doch nur in einer Art Patientenhemd im Haus des Öls auf dem Versorgungszimmer lag oder in der Erde herumbohrte also ohne sich Rechenschaft abzulegen wobei ich schon glaubte dass er das tat dass er nachdachte aber die Art und Weise interessierte mich jetzt genauer und so sehr dass ich meine Frage in die ungeheuerlich genaue Feststellung kleidete
Öl wäre ja schließlich überall und immer im Spiel
er nahm es denn auch wie einen Verlegenheits-Zug mit einem Bauern (C2 nach C3) und verwies darauf dass es
hier
jede Menge Öl gäbe er meinte wohl die Wärmequelle der Heizkörper des Krankenzimmers die Chemiefasern in unseren Kleidern die Farben des Mobiliars des Fernsehapparates der Vorhänge das Material der biegsamen Schläuche die in seinen Arm mündeten den Trägerstoff der hoch wirksamen Medikamente die durch die Kanüle direkt in sein schlagendes Herz strömten
überall fließen die
Tränen des Teufels (ein weiterer schöner Ausdruck vom Kaufmann Rockefeller erklärte er)
aber wie fragte ich zurück brächte man den Teufel zum Weinen
indem man seine Katze finge erwiderte Seymour (Amandas federleichte kratzbürstige Liebe die rosa Flecken auf ihrem Dekolletee das spürbare harte Brustbein zwischen den fliegenpilzroten Warzen) er betrachtete mich fast mit einer Art Mitleid (Springer von D4 nach E6) die US-Rechtsprechung habe Mitte des 19. Jahrhunderts als man hierzulande noch den Förderweltrekord hielt das verborgene Rohöl juristisch wie ein wildes Tier angesehen hinter dem die Jäger her seien und so hieße noch heute ein unerschlossenes Feld eine wildcat die schwarze Katze die verfolgt werde in 700 bis 4000 Metern Tiefe wo sie sich in tektonischen Fallen verheddere in Verwerfungen verkeile unter gigantischen Salzdomen zusammenkauere oder wie ein riesiger würfelförmiger See an den Schnittflächen von
Diskordanzen
eingeschlossen sei bis mit einem Schlag nach 50 Millionen Jahren Ruhe die Felsendecke durchstoßen würde von den ineinander rotierenden alles zermalmenden nockenbesetzten in 120-Grad-Segmenten angeordneten Stahlköpfen eines Rollenmeißels schon allein die
Bohrtechnologie
sagte Seymour ist eine Jahrhundertgeschichte der Krach der Bohrer begleite die Musik der Erde so habe man die Geologie einmal genannt und dann eben wäre die Geschichte des Erdöls ihr
Rock ’n’ Roll
woraufhin er mich unmusikalischen Lesemaulwurf etwas mitleidig betrachtete den die Erde nur anschwieg während ihm die Benzindämpfe rhythmisch den Kopf vernebelten aber
ohne das Öl
sagte ich trotzig ohne die Droge Nummer Eins in den Motoren Tanks Synthesekesseln der Industrieländer wären doch nie solche Ströme von Blut geflossen diese brennende und sengende Vermengung von totem prähistorischem in Jahrmillionen versaftetem Leben dieser grünschwarzen penetranten energetischen Kadaverbrühe mit dem sprudelnden Wein verletzlicher lebendiger menschlicher Körper das bliebe doch der eingeborene Fluch der auf den arabischen Ländern laste
du solltest öfter in den Nahen Osten fahren warst du überhaupt schon einmal da (nein es hatte mir auch nicht gefehlt und wie denn sollte ich jetzt fahren) wenigstens nach Ägypten in den Libanon und nach Israel erklärte Seymour du darfst nicht nur CNN sehen oder die New York Times lesen ich bin kein Historiker mein Freund aber ich würde sagen dass das Öl nur wie ein Verstärker wirkt also gewissermaßen neutral es ist wie der technische Fortschritt eine blanke Kraft Energie in Zerfallsformen gespeicherte pure Sonnenenergie ein Geschenk aus dem Weltraum versunken im Erdmantel es habe lange gedauert bis man begriffen habe worum es sich handelte Lomonossow der zum ersten Mal anhand einer Probe von Baku-Öl den organischen Ursprung vermutete dann Faraday der 1824 das Benzol entdeckte Schritt für Schritt habe man die komplizierte Aufarbeitung durch fraktionierte Destillation lernen müssen um Schmieröle Gasöle Leichtöle und Petrolether zu erhalten ein Zerbrechen der langen Ketten in die Jahrmillionen dahinglühender Erd-Zeit das Licht gelegt hatten in jene schwarze Teufelsbrühe und deshalb hießen die ersten Öltanker im Bewusstsein der Macht und des Lichts nach Göttern oder gottähnlichen Propheten
Zoroaster Buddha Spinoza
Spinoza scheint mir hier nicht so passend warf ich ein woraufhin Seymour mir von den vergleichsweise hohen ethischen Standards der Gebrüder Nobel berichtete die lange Zeit das russische Öl und die zaristische Waffenindustrie dominiert hatten das Öl jedenfalls habe auch die Infrastruktur vieler arabischer Länder finanziert und den ganzen Rüstungswahn ebenso und auf die Gefahr hin dass es banal klinge am Ende bliebe einfach nur die technische Ambivalenz und die politische Verfügung darüber
aber jetzt fragte ich hartnäckig greifen wir immer weiter das Haus des Islam an (sagen sie) weil wir den Rest des Öls auch noch wollen
wir haben Saddam Hussein im Rahmen einer UN-Resolution angegriffen nachdem er völkerrechtswidrig Kuwait attackiert und besetzt hatte erwiderte Seymour ruhig das hätten wir natürlich nicht getan wenn sie dort nur Datteln exportiert hätten (zitierte er NONAME das anonyme hohe Tier in der US-Administration) Öl ist schließlich wichtig zu wichtig um es den Arabern zu überlassen (zitierte er erneut dieses Mal den selbst mir bekannten Henry Kissinger) im Übrigen habe Amerika das kuwaitische Öl nicht nötig und selbst das saudi-arabische sei nur ein Faktor
aber wohl ein enormer hielt ich entgegen denn wie könne man sonst die beispiellose Ausfliege-Aktion erklären mit der kurz nach dem World-Trade-Center-Attentat mehr als hundert der in den USA lebenden Saudis die dem Herrscherhaus oder dem Bin-Laden-Clan angehörten mit FBI-Hilfe in ihre Heimat verfrachtet worden seien
er hob den Arm mit der von zwei schmalen Pflasterstreifen fixierten Kanüle in die Höhe geschenkt wollte er wohl sagen und ich wollte ja keine politische Diskussion mit ihm in dieser Lage führen zumal ich selbst nur mein Zeitungswissen meine Vermutungen und Vorurteile hätte aufbieten können und das Wenige das ich mir in Wut und Trauer hatte anlesen können auf der Suche nach
zureichenden (für was)
Antworten (für eine Wunde)
stehlen wir das Öl fragte ich im nächsten Moment doch wieder
Seymour schüttelte den Kopf (ich wusste nicht einmal ob er Demokrat oder Republikaner war) es sei nicht nur das Öl es ginge um viel mehr im Nahen Osten nämlich um den Urkonflikt dreier Weltreligionen und die Existenz des modernen Israel
aber das Öl ist das Wichtigste für uns
mit Jesus’ Schweiß kannst du nicht Auto fahren sagte er geduldig aber wir stehlen es nicht sondern
wir bestehen darauf es kaufen zu können?
niemand dort möchte es trinken versicherte er also müssen wir nur verhindern dass jemand verhindert es zu verkaufen
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