Thomas Lehr - September. Fata Morgana

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September. Fata Morgana: краткое содержание, описание и аннотация

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Zwei Väter und zwei Töchter, zwei parallele Lebensgeschichten in den USA und im Irak. Ihre Schauplätze sind weit entfernt, und doch verbinden sie zwei politische Ereignisse: Sabrina stirbt am 11. September 2001 im New Yorker World Trade Center, während Muna 2004 in Bagdad bei einem Bombenattentat ums Leben kommt. "September" erzählt vom Islam, von Öl, Terror und Krieg und von zwei Frauen, die stellvertretend für die Opfer dieses Konflikts stehen.

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von hier aus breitete es sich aus

das Feuer der jüngsten Religion der Welt mit Krieg und Blut und Eifer (nichts Neues unter der Sonne) alles ist (schon damals) von Streit und Kampf und Macht gezeichnet der Feuerball der schier augenblicklich Staat und Macht und Organisation wurde die Religion die aufbrach um wie Alexander die alten Reiche hinwegzufegen oder wie das Christentum das Imperium Romanum zu zerbrechen sich auszudehnen im Dschihad über den gesamten fruchtbaren Halbmond bis nach Babylon und Basra über das persische Hochland das westliche Ägypten Tunesien und selbst Spanien hin

als neue IDEE eindeutig aber tolerant

klar und deutlich

kannst du dir die Frage stellen was

DU (persönlich) damit anfängst

bist du Franzose weil eine deiner Jungfrauen die Engländer schlug weil du die Guillotine erfunden hast weil du Europa überranntest mit der Blutwalze liberté-egalité-fraternité weil du in Ägypten gelandet bist um die Steine der Pyramiden zu zählen weil dir Jean-Paul Sartre erklärte (ich sah ihn Flugblätter verteilen auf den Champs-Élysées ein kleiner dicker alter Mann vor der gläsernen Sphinx seiner Werke) dass du frei sein musst bis das Leben dich aus sich herauswirft (wohin))

und endlich Cordoba Kairo Damaskus und

mein Bagdad

die neue Stadt die runde Stadt von al-Mansur und Harun ar-Raschid das Kalifat und der Palast hier mein Freund hätten wir Störche sein sollen Nietzsche und Heidegger mit dem Frosch Hitler im Schnabel schließlich bist du ein echter Deutscher mein Freund mit echten deutschen vielmals aus dem Französischen kommenden Märchen hoch über den Kuppeln spien sie den Frosch aus damit ihn einige unserer Offiziere finden konnten und schon durften sie zum Reichsparteitag nach Nürnberg fahren

stell dir diese Störche vor und mehr als tausend Jahre ohne Erlösungswort (Ali kennt es er behauptet es hieße AMERIKA in der Sprache Kafkas)

halten wir uns fest an der Zeit der ersten Paläste als man in Bagdad noch unvergleichlich ruhig schlief selbst die Juden die hier ihren großen Talmud schrieben und ihre wichtigsten Akademien hatten

als Rom schon längst erloschen war und Europa noch lange nicht leuchtete (unser Lieblingsrestaurant Farida hinter der Place de la Bastille)

ergehen wir uns noch einmal

im Palast mit seinen Wasserbecken Lusthäusern verzweigten Gärten Kuppeln Springbrunnen stillen Gemächern prachtvollen Hallen verborgenen Schatzkammern weißen Elefanten und Haremsdamen nubischen Sklaven türkischen Wächtern springenden Eunuchen (wählt das richtige Leben den Körper in den ihr hineingeworfen werdet) silbernen und goldenen Vögeln auf einem im Wind sich drehenden und klingenden Wunderbaum

Dichter Ärzte Schriftgelehrte

als die syrischen Christen die Werke der Griechen ins Arabische übertrugen die indischen Mathematiker uns ihre Zahlen liehen und wir den Persern die Tanzformen unserer Gedichte schworen meine Kollegen den hippokratischen Eid in seinem vollen antiken Wortlaut

wenn jeder

der Sultan ist in seinem Palast (Robotersklaven Papp-Elefanten elektromechanische Panther unermüdliche Haremsdamen made in Hongkong )

will ich auf immer in Bagdad bleiben und so träume ich davon

mit den Rufen der goldenen Vögel zu erwachen mit dem Plätschern der Springbrunnen der Kühlung durch sacht gewedelte Straußenfedern früh am Morgen

als Araber

aber ich muss wohl noch etwas anderes sein und es ist später Nachmittag und schon kommt der Abend und ich erwache ein zweites Mal aber

immerhin in Bagdad im ganz und gar wirklichen Irak

am Fluss ich erwache an der Seite meiner langsam und ruhig gehenden Frau mit der ich mich unterhielt ohne es recht zu bemerken bis sie diesen

schockierenden Satz

aussprach an den ich jetzt verzweifelt mich zu erinnern versuche obwohl sie mich damit aus allen Träumen Tagträumen Sorgen riss von denen sie nun wieder spricht als wäre nichts geschehen ich habe mich wohl verhört sie wirkt so freundlich und gelassen wie zuvor es geht auch wie stets um Sami der sich in den neu eröffneten Internetcafés herumtreibt und bei den Spielchen die sie dort mit den wirklichen und virtuellen Aufpassern machen womöglich nicht genügend Vorsicht walten lässt um Jasmin die uns grollt weil wir nicht zum vierzigsten Geburtstag ihres Ehemannes gekommen sind worüber wir uns allerdings klar verständigt hatten denn wenn wir schon ohnmächtig zusehen müssen wie unsere Tochter sich mit Wissenschaftlern umgibt die zu wichtige Positionen einnehmen um nicht in der Partei zu sein und mit jenen Militärs die wir auf der Hochzeit im Stammhaus unserer Familie ertragen mussten so können wir doch wenigstens

Abstand nehmen

solange uns wenigstens noch der blanke Raum bleibt um eine Art geometrischer Aussage zu machen

wenn wir Muna nach London schicken gibt es keine Garantie dass sie sich nicht ähnlich (patriotisch) entwickelt wie Jasmin in Paris aber

es sind andere Zeiten

versichere ich Farida die sich im Augenblick ebenfalls nicht an den gerade von ihr ausgesprochenen schockierenden Satz zu erinnern scheint ich wollte nur ich hätte verstanden was sie vor diesem Satz gesagt hatte es muss es sollte doch wohl ein irrealer Bedingungssatz (wenn im Irak ein jeder ruhig und sicher und satt einschlafen kann) gewesen sein

wir gehen zum Tigris-Ufer durch die Straßen und Gassen die wir seit fünfzig Jahren kennen

trauriger morscher verfallener als jetzt waren sie nie fassen wir es als Höflichkeit vor unseren eigenen alternden Körpern auf die dagegen doch noch mehr Vitalität und Erneuerungskraft bewahrt haben wir sind doch auch energisch geblieben wie diese Frau mit den alten Plastikkanistern in den Händen die uns entgegenkommt mit weit geöffneter Abaya unter der man einen schönen veilchenblauen langen Rock und eine leuchtende rosa Bluse sieht wir

leben einfach weiter

und gehen weiter

am Fluss

trinken wir einen Tee im Stehen vor einem winzigen Café mit abgestoßenen gekachelten Wänden die mit alten James-Dean-Plakaten vollgehängt sind so vieles ist wie eine im Glasrahmen verwelkte brüchig gewordene vergilbte Kopie der Vergangenheit wir können es uns gar nicht leisten jedes Mal an unseren historischen Spaziergang von 1967 zu denken

als du mich nach Paris schicktest

und die Fischrestaurants noch alle geöffnet hatten und Frank Sinatra sang in jenen Radio-Tagen die mir trotz des verlorenen Krieges so unerträglich schön vorkommen dass ich verstehen muss weshalb

es ist nur dieser Ozean an Zukunft

und die wahnsinnige Gewissheit ihn durchfahren zu können bis ans andere verheißungsvolle Ufer oder gar diese vor Glück aus den logischen Nähten platzende Illusion von dort schon einmal probehalber in die Gegenwart zurückgekehrt zu sein

Farida mit neunzehn die meine Schulter drückt um mir die Kraft zu geben nach Paris vorauszufahren Qué será : sinnvolle Berufe fröhliche Kinder intellektueller Austausch eine schöne Wohnung Urlaubsreisen ins Ausland Bücher Freunde Diskussionen Theater- und Konzertbesuche

wie konnten wir nur

gar nicht so arg betrübt sein in diesen aufgepeitschten blutigen Zeiten die wir stattdessen durchleben mussten

Farida mit vierundfünfzig

sieht über die von der untergehenden Sonne in seltsam unwirkliche Farben getauchte Szenerie der Fluss mit Beimengungen von Veilchenblau und Gold mit intarsierten schwarzen Palmen der Himmel violett und orange die hohen Betonmauern Wachtürme Kuppeln wuchtigen Fassaden Stacheldrahtbordüren des Präsidentenpalastes auf der Karkh-Seite romantisch schimmernd

wir müssen nicht unbedingt hierbleiben

sage ich

hauptsächlich um etwas gegen die Nachwirkung des fürchterlichen Satzes zu tun den sie vielleicht doch gar nicht ausgesprochen hat ich stelle wenigstens einmal im Monat in unseren nächtlichen Bettgesprächen die Flucht zur Diskussion denn immerhin bin ich anders als so viele Lehrer oder Professoren nie arbeitslos gewesen und konnte durch unser sparsames Leben im alten Haus meines Großvaters so viel zur Seite legen dass wir unter Umständen eine Schlepperbande im Norden oder Süden bezahlen könnten

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