Thomas Lehr - September. Fata Morgana

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September. Fata Morgana: краткое содержание, описание и аннотация

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Zwei Väter und zwei Töchter, zwei parallele Lebensgeschichten in den USA und im Irak. Ihre Schauplätze sind weit entfernt, und doch verbinden sie zwei politische Ereignisse: Sabrina stirbt am 11. September 2001 im New Yorker World Trade Center, während Muna 2004 in Bagdad bei einem Bombenattentat ums Leben kommt. "September" erzählt vom Islam, von Öl, Terror und Krieg und von zwei Frauen, die stellvertretend für die Opfer dieses Konflikts stehen.

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weshalb ich bald in die USA gehen wollte auch wenn der Vietnamkrieg jetzt beendet war erst als sie einige Studenten des Berlin-Programms der Stanford-University kennenlernten glaubten sie zu begreifen

cherchez la femme es ist wegen dieser blonden Amanda sagte mir die afghanische Beate in ihrem Lankwitzer Heim fröhlich ins Gesicht zwei drei Mal hatten wir auf ihrer ehemaligen Studentenwohnheim-Pritsche mehr schlecht als recht miteinander geschlafen (immer wieder hinaus- und hinabrutschend) und mochten uns trotzdem noch ich war dieser mutigen robusten rotlockigen Weltenbummlerin aus purer Angst davongelaufen den Kopf zu verlieren (Teile meines Großhirnareals glaubte ich schützen zu müssen für wen für was) ich wollte tatsächlich Amandas wegen wieder in die USA wie mir dann klar wurde gerade weil ich ja gar nicht mit ihr zusammen war sondern es nur ab und zu (minutenweise) auf Partys oder in den schummrigen alten Kinosälen in Kreuzberg oder im Wedding für möglich hielt dass die unwirklich hübsche Kalifornierin ein Interesse für mich hegen könnte

Amanda küsste mich zum ersten Mal in dem Lankwitzer Haus im Halbdunkel unter dem afghanischen Wandteppich

so spielerische ornamentale Verknüpfungen

Arabesken die zu Schlingen werden zu Strängen ich kann es nicht akzeptieren ich will diese irrsinnigen unnötigen Zynismen des Schicksals nicht wahrhaben

der Dichter über den Sabrina den alten Hafis kennenlernte (jenes mir entwendete Buch)

verliert seine dreijährige Tochter und seinen fünfjährigen Sohn in der Wende des Jahres 1833

ich höre Mahlers Vertonung die

Kindertotenlieder

Rückert schrieb mehr als vierhundert Gedichte nach dem Tod von Ernst und Luise ich habe nur Sabrinas Karton mit den beiden auf den Deckel geklebten Postkarten (jener Wein trinkende Greis in der Wüste und die ägyptische Sängerin) und die Idee die Vermutung vielmehr dass Gedichte sie trösteten

komme

um fünf Uhr morgens

der Welt abhanden in dieser achtlos gekauften Joggingkluft die ich im Dunkeln angezogen habe um darin vor meinem Fenster in der Amsterdam Avenue zu sitzen wie ein Clown (wollte ich mich lächerlich machen?) ich hätte

damals

nicht Amanda begehren lieben ihr in die USA folgen sollen (es ist keine Reise dachte ich damals es ist eine Ankunft)

sondern jener Lankwitzer Globetrotterin Beate nach Afghanistan willenlos oder wenigstens bereitwillig in einer dunklen Spirale des Vorausahnens Mahler komponierte das Lied das ich wieder und wieder höre sechs Jahre vor dem Tod seiner Tochter

Du musst nicht die Nacht in dir verschränken,

Musst sie ins ew’ge Licht versenken.

man hört es: ein noch fernes Licht dessen Sog einen schon erfasst hat ein Licht das

alles zu verschlingen droht

was macht es zurückzusinken (früher: meine Kopfmenschen-Furcht vorm Reisen die Unfähigkeit ins Licht hinabzutauchen) nach

Afghanistan

ich reiste diese Nacht und kaum hatte ich die Augen geschlossen verwandelte sich die Globetrotterin in Amanda verwandelte sich Amanda in

unsere Tochter

wir sind so oft gemeinsam unterwegs gewesen dass es mir natürlich erscheint mit Sabrina durch das Afghanistan der siebziger Jahre zu fahren

unmöglich

widersinnig sich einen Teufel um alles (um all die armen Teufel dort) scherend oft denke ich

ich habe ihr die

ERDE

aufgebürdet

weil sie dieses schwierige und (meines Erachtens) trockene Studium am MIT anfing wie von Amanda und mir in diese toten Räume gezwungen

Afghanistan scheint mir nichts anderes vorzustellen als eine immer nur kurzzeitig nachlassende grimmige Herrschaft des Raumes über den Menschen wir hätten dahin reisen können Sabrina wir können reisen der Raum der Touristen

ist ohnehin fast nur

Vergangenheit

ich höre die Totenlieder (Erstickungsängste nachts) aber ich

atme weiter ich fahre mit meiner toten Tochter ich schüttle den Kopf über ihr streng nach hinten gekämmtes und zu einem Zopf gebundenes Haar (es sei zu dünn um es offen zu tragen sagt sie) über den sperrigen blauen Rucksack dessen Gurte in ihre Schultern schneiden

wir hätten ein Auto genommen einen Skoda oder einen alten japanischen Jeep aus Pakistan wir hätten Kamele nehmen sollen oder Pferde ich lese über die Pferde der Buskaschi-Reiter die schaumspritzenden Mäuler und Nüstern die bis aufs Blut gepeitschten Leiber fahlbraunes schweißglänzendes schwarzes granitgraues rußfarbenes Fell über den bebenden Muskeln die verzerrten staubverkrusteten wettergegerbten tausendjährigen Gesichter der turkmenischen Reiter unter Pelzkappen und roten Piratenkopftüchern zwischen gefletschten Zähnen die kurze gebogene Gerte

sie köpfen ein Ziege und wer sie am weitesten (um einen Pfahl weit draußen in der Steppe herum) schleppt hat gewonnen die Buskaschi-Pferde jedenfalls sollen der Meinung der Chinesen zufolge göttlichen Ursprungs sein aber was glauben die Chinesen eigentlich nicht

die Steppe bleibt

mit ihren Ruinen als wäre sie nie etwas Neues gewesen keine

Verheißung von Zukunft von Vergangenheit wir besuchen Herat im Nordwesten wir umkreisen das ganze Land grüne Täler umschließen Herat die vom Sturm und Regen wie eine riesige Sandburg dreiundzwanzig Jahrhunderte lang gepeitschte und ausgewaschene Zitadelle die Alexander der Große bauen ließ wir folgen den Flussläufen weiter nach Norden durch den grauen mehligen golden flimmernden Staub der in jede Pore und Ritze dringt in die Augenwinkel Nasenlöcher Ohren unter die Fingernägel Staubstraßen Staubberge Staubhäuser Menschen aus Staub auf staubgelben Dromedaren und lehmgelben Eseln es ist der Lössstaub aus dem auch die Häuser und Bewässerungskanäle geformt werden Leben wie Tod aus Staub in

Balch

der einstigen Mutter der Städte deren Außenmauern wie halb abgetragene Dünen oder zerfallende Mauern und Türme von Termitenbauten daran erinnern dass Dschingis Khan schon vor 800 Jahren die Stadt zerstörte und schleifen ließ in der Alexander vor 2300 Jahren geheiratet hatte

uralte morsche in Stücke gehauene abgeschliffene in den Staub zurücksinkende Städte

uralte fürchterliche Eroberer aus dem Osten

der Weltverbrenner

die Geißel Gottes die Sengende Sonne Satans

Dschingis Khan

dem Timur Leng folgte Tamerlan der Hinkende verschonte die Dichter Denker Kunsthandwerker Architekten (tauchte deshalb vielleicht bei Goethe und Hafis auf) ersäufte aber ihre Städte in Blut errichtete riesige Paläste Moscheen traumhafte gigantische Bauwerke auf der Schleifspur unausgesetzter chaotischer Feldzüge die sich durch Persien zogen bis hinunter nach Bagdad und den Tigris füllten mit

Blut und Büchern

vor der Moschee von Balch erhebt uns die Schönheit aus dem eisigen trostlosen Schlick der Umgebung ein wahres Tortenwunder von Fayencekuppel Stein gewordene filigrane türkisblaue Sprühsahne der Jahrhunderte

ein Hahnenkampf im Morast darum im Kreis zweihundert Männer mit Turbanen und pyjamaähnlich gestreiften Kaftanen

die Schönheit die Früchte

Afghanistans denke nicht nur an Sandwüsten Felsschluchten wahnsinnige Verwerfungen von Schnee Eis Staub Schlamm Gestein Lehm sondern auch an

Brombeeren Mandeln

Granatäpfel Weintrauben Aprikosen all die

gerühmten Früchte zweitausend Jahre lang in so vielen Versen duftend (besingt die Früchte anstelle der Despoten) das köstliche Innere Afghanistans stämmige dickpelzige Dromedare stapfen durch Flüsse die in der Kälte dampfen steigen auf endlosen Bergpfaden empor durch vereiste Scharten über Felsplateaus und weiße Mondlandschaften beladen mit Bleikisten darin die in Schnee gelagerten berühmten Melonen die man nach Indien brachte weil ihr Geschmack den Kaiser

vor Glück

zum Weinen gebracht haben soll

du kommst zur Tür herein

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