nur hier (sagt Farida) können wir geheilt werden
nur
wenn dieses Zeug da drüben (Blick auf den märchenhaft von der Sonne übertuschten und von eiskalten Scheinwerfern gespickten Palastkomplex) vor unseren Augen in die Luft fliegt und wenn wir es überleben und wir werden es überleben
ihr auf Schulterlänge geschnittenes schwarzes Haar glänzt noch fast so wie mit neunzehn und für mich kann ihr kräftig und rund gewordenes Gesicht das zugleich mütterlich und resolut wirkt mit Momenten von kleinmädchenhafter feuriger Energie und Weichheit immer wieder durchsichtig werden wie ein Schleier durch den ich die Zwanzig- und die Dreißigjährige sehe
alte Männer sitzen am Fluss und rauchen ein jüngerer rasiert sich stolz vor dem rechten und einzigen Seitenspiegel seines verbeulten weißen Toyota-Jeeps zwei Jungen versuchen sich Rollschuhe unter die Füße zu schnallen die von der Machart her noch aus meiner eigenen Kindheit stammen könnten
als ich sagte
dass ich nicht weiß ob ich bei dir bleiben soll –
(dieses Mal kann ich mir nicht vorwerfen die bewusste Aufnahme des schrecklichen Satzes versäumt zu haben)
dachte ich es fiele uns wahrscheinlich leichter das zu ertragen was kommt wenn wir nicht zusammen wären fügt sie mit (glücklicherweise) besorgtem Blick hinzu weil ihr nicht mehr entgehen konnte dass sie mich bis ins Mark getroffen hat sie sieht mir an wie mir gerade einfiel dass im Grunde immer sie unser Leben bestimmt hat
angefangen bei dem ersten Satz den sie auf dem Büchermarkt an mich richtete bis zur Geburt von Muna und Sami und bis auf den heutigen Tag
wir haben Kinder du erinnerst dich
sie sind erwachsen Tarik es ist ja auch nur eine Frage die ich mir stelle denn das was kommt wird so ernst werden wie eine Operation auf Leben und Tod du kennst das doch es kann besser sein zu –
amputieren? meinst du?
wir gehen noch weit an diesem frühen Abend immer nach Süden so nah am Tigris wie möglich ich kann gar nicht aufhören zu gehen und fasse öfter nach Faridas festem runden Oberarm ich brauche diesen Halt um mir den Gedanken aus dem Kopf zu schlagen dass sie gestern Nacht so plötzlich mit mir schlafen wollte weil sie über
Amputation
nachdachte
wir könnten mal wieder ein Picknick machen schlage ich vor aus purem Trotz oder nur weil zu unserer Rechten jetzt die in der Dämmerung bronzefarbenen Konturen des Tigris-Inselchen auftauchen das wir die Insel der Gefräßigen nennen (Gefräßige mit starken Nerven denen es nichts ausmacht wenn die Republikanische Garde vorbeischaut um darauf zu achten dass sie ihre Grillroste nicht auf den Palast richten oder gar — wie früher öfter geschehen — der LEIBHAFTIGE selbst mit einem Motorboot herantuckert um ein Kistchen Whiskey zu spendieren)
Babylon war sehr befreiend unser Ausflug sagt Farida das hat mir wirklich gutgetan
ich habe sie aus den Augen verloren
das ist die einfache und bittere Wahrheit der letzten Jahre in denen ich sehr froh war mein Arbeitspensum zu überleben die Kinder aufwachsen zu sehen und einmal in der Woche mit meinen immer weniger werdenden Freunden auf unsere Verluste zu trinken sie hatte nach zwei Jahren als Französischlehrerin an einer christlichen Schule nur noch zuhause als Übersetzerin gearbeitet bis es fast keine Aufträge mehr gab zumindest keine interessanten mehr wir leben in einem blitzsauberen wohlduftenden geordneten liebevoll eingerichteten und dekorierten Haus von
ihrer Hand
und denken nicht darüber nach wer es in diesem Zustand erhält
seit Sami und Muna sie kaum mehr benötigen hat sie vieles einfach nur für sich und für unsere Freunde übersetzt Blanchot erzählt sie jetzt wo ich sie endlich danach frage das sei ein Autor des
Desasters
der davon ausgehe dass wir uns schon immer im großen Unglück befänden obgleich uns das Desaster auch niemals wirklich zu erreichen scheine — ach was
mit dir
bin ich glücklich gewesen
in einem unglücklichen Land
Rarität
Ach, Gelegenheit und Liebe
verloren sich für manches Paar.
Bei uns die Nacht wurd’ nur zum Diebe
an dem Tag, der unser war.
Jede Zeit bliebst Du gefunden,
Herz vorm Auge, klage nicht.
Was andre kaum dem Tod entwunden,
streift’ ich als Tau vom Morgenlicht.
Lacht nur über mich, den Narren,
der nur die eine Frau gewann.
D e r Liebe braucht ihr nicht zu harren,
die der klügste Gott ersann.
Sonntag 8.9.2002 früher Morgen in der fast stillen Amsterdam Avenue
ich schreibe in mein Wühl-Buch oder Wut-Buch ( Lebt man denn, wenn andre leben? ) Stammelsätze eines
Bescheid-wissen-Wollens
von Verstehen-Wollen kann keine Rede sein ich suche nur (eben nur) solche Antworten die (auch) mir genügen meiner wütenden fassungslosen oft aber nur noch erschöpft vorantaumelnden Suche die nicht ablassen kann Seymour sagte mir dass man sie
MOLCHE
oder SCHWEINE (pigs)
nennt
jene automatischen Untersuchungs- und Reinigungssysteme die man in Öl-Pipelines einsetzt damit sie in langsamer zäher Fahrt unter Luftabschluss gewissenhaft den Zustand der Rohrsysteme prüfen Millimeter für Millimeter in den vereisten Steppenlandschaften der sibirischen Tundra ich reise (ausgestopft mit blinkendem High-Tech umfangen von Dunkelheit stets am Rand des Erstickens) in meiner Tunnelröhre nach
Afghanistan
heute Nacht wieder und jetzt vor den aufgeschlagenen Büchern vielleicht nur weil ich mit Seymour am Telefon darüber gesprochen hatte vielleicht nein bestimmt auch weil mich unser Plan heute (am Sonntag) Vormittag gemeinsam zu joggen mit Panik erfüllt ich erinnere mich gut an den März 2001 als die Taliban die Buddha-Statuen von Bamiyan zerstörten (mein Fernsehblick und nicht die auf die Knochen und ins Herz gehende Sicht von einer eisverkrusteten Ebene aus hinauf zu der gewaltigen Felssperre im Hindukusch vor der die 35 und 50 Meter hohen Statuen in ihren Nischen nur wie träumende steinerne Weltsoldaten in kleinen Wachhäuschen wirkten) ich sah die Barbarei und verstand den Hass nicht und
ebenso wenig konnte ich mir ein halbes Jahr später erklären weshalb die Presse und die US-Regierung so schnell Osama bin Laden in seinem afghanischen Terroristen-Camp als Drahtzieher hatten ausmachen können (der alte Bekannte der er für sie tatsächlich auch war)
all die plötzlich klar erkenntlichen so schockierend breit und deutlich aufgezeigten Verbindungen nach Afghanistan
als hätten wir LAIEN jahrelang die Pfeiler von Autobahnbrücken in unseren Gärten übersehen
mühsam fasste ich wieder erste klare Gedanken (knapp vier Wochen nach dem Attentat) schon fielen amerikanische Bomben auf den Tora-Bora-Höhlenkomplex in Nangahar ( Enduring
freedom )
und Ende November tagte die Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn und ich dachte weshalb in Deutschland um dann etwas über die Expedition von Niedermayer und von Hentig zu erfahren die im Jahre 1915 den Emir Habibullah überzeugen sollte gegen Russland und Britisch-Indien in den Krieg zu ziehen (vergeblich) 1924 war die deutsche Nejat-Oberrealschule in Kabul gegründet worden die sich zu einer Kaderschule der afghanischen Elite entwickelte 1937 kam es zur Einrichtung einer direkten Lufthansa-Flugverbindung Berlin-Kabul man baute Dämme Brücken Siemens-Hydroenergie-Anlagen herzliche Verbindungen der wahren Arier mit den noch wahreren (Ur-) Ariern die zunächst wohl gar nichts von ihrem rassischen Glück wussten
als ich in Berlin an meiner Doktorarbeit zu schreiben begann besuchte ich hin und wieder ehemalige Kommilitonen ein Pärchen das es dank einer Erbschaft zu einem Reihenhaus in Lankwitz gebracht hatte und zu der reichlich genutzten Möglichkeit ohne Geldsorgen weite Reisen auf Globetrotter-Niveau zu unternehmen ich betrachtete verständnislos einen roten fusseligen Wandteppich einen Kopfschmuck aus Goldmünzen verbeulte Teekessel und versilberte Wasserpfeifen Mitbringsel einer zweimonatigen Reise durch Afghanistan und sie verstanden genauso wenig
Читать дальше