vom Westen her
über die flache Brücke die auf mächtigen Steinquadern ruhte hätten wir einmal kommen können als der Euphrat noch direkt an der Stadtmauer entlangfloss links hätte sich der gewaltige Turm erhoben das Weltwunder die siebenstufige Leiter zwischen Himmel und Erde und rechts hinter den Zinnen der Mauer und des Vorwerks der große Tempel aber der Eingang lag jetzt östlich und führte an einem schläfrigen Pförtner vorbei durch die auf die Hälfte verkleinerte Kopie des Ischtar-Tores mit seinen blauen Kacheln seinem Gänseblümchenbogen seinen elegant schreitenden weißen Drachen und goldenen Löwen
das Original haben die Deutschen weggeschleppt
nach Berlin ich weiß sagte Tarik sie können auch Nebukadnezar den III. haben und uns eine verkleinerte Kopie aus falschen Ziegeln schicken wo ist denn aber jetzt der gewaltige Turm auf dem sich unsere Sprachen verwirrten
von einem Schutthügel aus
sahen wir die im sumpfigen Grundwasser steckenden Überbleibsel der Fundamente jenen über zwei Jahrtausende alten nassen Fußabdruck des Turms Etemenanki eine riesige Fläche wie ein grünbraun vernarbtes gigantisches Brandzeichen oder als wäre der Turm in der Erde versunken und als seien nur noch einige der grasüberwucherten verschliffenen Zinnen sichtbar von denen aus als sie sich noch 90 Meter hoch erhoben der Blick grandios gewesen sein muss an Deiner Schulter Geliebter wollte ich über die vollständig neu errichtete blau und golden glänzende Stadt schauen es ist aber
seit zehn Jahren nicht mehr gegraben oder gebaut worden sagte der Wächter es gäbe auch kaum noch Besucher es kämen ja keine Touristen mehr ins Land seit dem Krieg
es erinnert mich an Ground Zero sagte meine Mutter wer brachte eigentlich den Turm zum Einsturz wer schleifte ihn ich dachte jäh an das Mädchen in meinem Alter das mein Vater erfunden hatte um mir jede Häme und Schadenfreude auszutreiben Xerxes sagte ich laut er zerbrach die Statue des Marduk aber Farida hörte meine Antwort gar nicht weil sie von dem kleinen schäbigen Mausoleum angezogen wurde das man hier für Alis Sohn Amran und sieben seiner in Kerbela getöteten Gefährten errichtet hatte auf den Ruinen des Tempels Esagila (so dass man diesen nicht mehr rekonstruieren konnte)
Knochen begraben Mauern
das ist einmal interessant meinte Tarik und wir verstimmten meine Mutter wohl etwas weil sie spürte dass wir beide auf der Suche nach Marduk uns von Amran nicht hätten aufhalten lassen (ich bete nicht mehr)
die Leere
in Babylon
scheint mir heute
jetzt wo ich mich unruhig im Bett von einer Seite auf die andere drehe mit der Aussicht in zwei Stunden vor der ganzen Klasse über die alte Stadt (das Zentrum der Welt) berichten zu müssen
nur darauf zurückzuführen zu sein dass Du nicht dabei warst Du hättest natürlich meiner Mutter zugestimmt und die Überreste von Amran Ibn Ali nicht stören wollen aber Du wärst vielleicht auf eine Art U-Bahn-Tunnel oder eine Sondierungs-Röhre verfallen in Deiner ausgleichenden und besonnenen Art
meine Eltern folgten mir
auf der Prozessionsstraße nach Norden hinter einem schmiedeeisernen Absperrzaun sah man das mit Bitumen verkrustete Pflaster der erste Asphalt der Welt als Unterlage für die Steinplatten der Königswege direkt aus der Unterwelt emporquellendes Pech der Totengöttin Ereschkigal verkrustetes Öl aus der Hölle vor Jahrtausenden schon
in der zu Teilen wiedererrichteten Südburg gerieten wir dann in stille schmale Gänge zwischen säuberlich rekonstruierten Mauern und Torbögen die vollkommen leeren Höfe öffneten sich und man erschrak immer ein wenig dort als wären die Priester Krieger Beamten Schreiber Händler Sklaven deren Gespräche und Verhandlungen noch eben die Räume erfüllt hatten blitzschnell und unmittelbar bevor wir über die Schwelle traten von Geisterhänden beseitigt worden
Mene tekel upharsin!
deklamierte Tarik
im Thronsaal der Herrscher von Babel es war nur ein großes steinernes Podest unter freiem Himmel ein haushoher dreifacher Torbogen dahinter führte zu nichts als einer glatt gemauerten Wand eine Art Mihrab der Könige erwartungslos und senkrecht ohne die Nischenkrümmung die man in den Moscheen findet die Vergangenheit ist nichts als
Stein und Fantasie
in jeden Ziegel aber
hat der PRÄSIDENT seinen Namen schlagen lassen
in jeder Wand findet sich ein Stein der IHN in arabischer Schrift als Wiedererbauer und Nachfolger preist ich möchte meinem Vater begreiflich machen dass mich nicht diese gewalttätigen Herrscher interessieren dass Saddam für mich kein kultivierter Babylonier sondern nur ein brutaler Assyrer-Herrscher ist dass ich etwas anderes suche eine Zukunft vielleicht
in der Tiefe der Zeit die keiner berührt
als wir erneut die Prozessionsstraße betraten gelangten wir zu den Überresten und Teilrekonstruktionen des Ischtar-Tores an der ursprünglichen Stelle am nördlichen Zugang zur Stadt an den Tonziegelwänden war die blaue Glasur verschwunden und die einst bemalten Reliefe der Drachen des Marduk und der Stiere des Adad schienen mit den Steinen zu verschwimmen oder auf deren Fugengitter aufzutauchen wie auf einem brüchigen in die Länge gezogenen Koordinatensystem historischer
Halluzinationen
ich berühre eines der heiligen Tiere an der Schulter und du
Schwester
gehst in Berlin vom Pergamonaltar her kommend mit einem Engelsschritt nach Babylon durch den Korridor der Jahrhunderte und legst die Hand auf die gleiche Stelle als spiegelten wir uns durch den Stein
hinter dem Trümmerfeld jenseits der Nordburg steigt das Gelände über ein Glacis einen Hügel mit streng in Reihe gestellten Palmen an zu einem Palast des
PRÄSIDENTEN
der es sich nicht nehmen ließ von hier aus auch noch die erloschene ausgebrannte zu Staub gemahlene Vergangenheit zu beherrschen die überdimensionierten Bogenfenster und schmalen Schießschartenschlitze in den ineinandergestaffelten Fassaden im Pseudo-Babylon-Stil lösen Schrecken und Befremden aus so als könnte man nicht wissen für welche Spezies dieser Bau geschaffen wurde für eine Art riesiger Wespen vielleicht oder die Drachenschlangen die der Sage nach in den Ruinen der Stadt hausen sollen
wir fotografierten uns schließlich
(Touristen
in unserem Leben)
vor dem berühmten Löwen von Babylon jener mächtigen ungeschlachten Skulptur auf dem kopfhohen prismenförmigen Sockel die Raubkatze die mit den Pranken auf den Schultern eines auf den Rücken geworfenen Menschen steht und nur einen Augenblick aufschaut bevor sie seinen Kopf zerbeißt
das Nationaldenkmal
sagte mein Vater Tarik der liegende Irak
der Ausblick auf den Palast verdarb ihm die Laune und sein Interesse für meine Erklärungen nahm spürbar ab
du musst ihn verstehen sagte Farida am Abend kurz vorm Einschlafen in unserem Hotelzimmer er macht sich Sorgen er kann schwer abschalten du darfst nicht glauben dass er dich nicht ernst nimmt er freut sich sehr darüber dass du dich so genau und wissenschaftlich für diese Dinge interessierst
weil das Hotel in Al-Hillah nur noch ein einziges voll eingerichtetes Zimmer vorweisen konnte hatte Tarik darauf bestanden dass wir Frauen es bezogen während er mit einem Bett in einem kahlgeräumten Raum vorliebnahm und so schlief ich (wie seit vielen Jahren nicht mehr) an der Seite meiner Mutter sie hatte sich über meine Begeisterung gefreut das alte Babylon für mein großes Referat direkt in Augenschein nehmen zu können und mir erklärt dass ich mir nur Sorgen um mein Vorankommen in der Schule zu machen brauche für alles andere seien sie nach wie vor da also
hätte ich ruhig schlafen müssen aber es gelang mir nicht obwohl ich Dich noch nicht so im Herzen im Gehirn in meiner Brust wühlen ließ Du warst gerade erst gegenüber eingezogen und noch nicht viel mehr als der freundliche junge Soldat der (zu dessen kreischendem Vergnügen) mit dem kleinen Achmed raufte Farida schnarchte ein wenig und ich konnte mich nicht mehr einfach an ihren Rücken schmiegen und in den Schlaf fallen wie in ein großes weiches dunkles Tuch ich dachte dass ich vielleicht bald ihr helfen müsste auch wenn ich überhaupt nicht wüsste wie
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