ihr hättet euch in London begegnen können oder in Paris
bei McDonald’s oder Starbucks ich denke wir würden uns streiten über die Palästinenser die wir verteidigen und die Israelis die ihr verteidigt über das Embargo die hinter uns liegenden Kriege und den der uns anscheinend bevorsteht wenn ich den Leuten glauben kann
wäre ich dann in London (wo ich nicht mehr sein will
Geliebter!)
dann sähe ich am Bildschirm in Wohnzimmern Studentenheimen Cafés
das Feuer über dem brennenden Leib des Irak und Bagdad in Schutt und Asche wie in einem Hollywood-Streifen und ich würde es nicht glauben können so wie man es im Schlaf oder Halbschlaf auch nicht glauben kann dass eine Bombe auf die Stadt fällt zumindest wenn es nicht in unmittelbarer Nähe passiert und die Mauern der Häuser nicht beben ich frage mich bisweilen was man denn glauben kann sogar Schwerstverletzte und Sterbende (sagt Tarik) glauben es nicht wir
sitzen hier in der frühen Abendsonne Ungläubige in der Religion des Todes
ich will nicht nach London gehen wenn ihr alle hierbleibt es
ist nur eine Möglichkeit sagte mein Vater er müsse noch mit seinem Bruder Ibrahim ausführlich reden der seit zehn Jahren an der Themse lebt er werde es auch nicht alleine entscheiden ich solle nachdenken aber ich weiß nichts ich möchte nur hier sitzen und zusehen wie sich alle Zweifel und Bedenken einfach auflösen es fühlen vielmehr
wer einen Menschen tötet
tötet alle Menschen
zitierst Du den beiden aufgeregten Jungs aus dem Koran und sie sind (für eine kurze Weile wenigstens) beeindruckt weil Du im Gegensatz zu ihnen beim Militär warst es ist so ein Glück dass es diesen Platz hier zwischen den alten Häusern gibt diese Bänke in der Luft auf denen man sich ungestört unterhalten kann als säße man sich auf einem Doppeldeckerbus ohne Dach gegenüber seit Generationen unterhalten sich hier die Rikabis und die al-Khayyats schon zweimal sprachen wir hier oben allein bei mir gibt es keinen misstrauischen Vater oder herrschsüchtigen Bruder ich bin keinem Cousin versprochen sondern habe das Vertrauen meiner Eltern das mich umgibt
also sprich
Geliebter
Du kannst den Muezzin noch abwarten um dann in der feiertäglichen Ruhe (nachdem die Kinder verschwunden sind und Yusuf zu uns herüber aufs Dach sprang um mit Sami im Computer- und Fernsehzimmer zu verschwinden) mit mir zu reden auf Deine bedächtige und genaue Art in diesem Jahr noch
will ich von Dir geküsst werden
auch wenn Du fünf Wochen gebraucht hast um zu verstehen dass Du nicht immer fluchtartig euer Dach verlassen musst wenn sich die Möglichkeit ergibt allein mit mir hier oben zu sein (ich bin ein modernes Mädchen mein Vater ist Arzt und sein Kollege Achmed macht Jungfernhäutchen in der Garage würdest Du auf den Rücken fallen wenn ich das zu Dir sagte) ich solle unbedingt im Ausland studieren sagte meine Schwester Jasmin zu mir um
erwachsen werden zu können
bevor ich heirate
was ich denn in London lernen könne wenn doch alle Ruinen hier im Irak seien mit Ausnahme der von europäischen Archäologen geraubten und verschleppten Schätze hatte Yusuf mich einmal gefragt und Du schobst die Brille auf deinem Nasenrücken etwas höher und sagtest
die Wahrheit und die wissenschaftliche Methode
also was steckt dahinter wenn Du nur erneut von mir wissen möchtest was mich so an Ur und Uruk und Babylon fessele weshalb ich Archäologie und die alte Geschichte studieren will die Zeiten vor Mohammed und Ali als noch kein einziges Wort Gottes klar ausgesprochen worden war ich
wollte sagen dass ich auf Babylon ja noch warte auf die fröhliche weltliche glamouröse freie hundertsprachige orientalische Stadt der Zukunft frei von Furcht und Angst so wie ich sie vom Balkon meiner Schwester aus in die Nacht hineinträumte dort könnten wir einen der da-Vinci-Flugapparate nehmen und
in ein Bett (über den Wolken)
fliegen aber was sage ich Dir jetzt wo Du mich so aufmerksam und staunend und (ich glaube auch) verlegen betrachtest sage ich einfach das was ich mir dachte bevor ich Dich kennenlernte nämlich dass ich ja nicht in Uruk oder Assur oder Ninive oder Babylon sein wollte zu ihrer erloschenen Blütezeit sondern mehr über diese Städte herausfinden sie studieren und verstehen möchte
als Wissenschaftlerin
sagst Du zustimmend und ohne Ironie so dass es mir auf einmal leichtfällt mich in der Rolle einer energisch und konzentriert wirkenden Museumsleiterin zu sehen zwischen Restauratoren Modellarbeitern Glasvitrinen die Besucher herumführend mit Wissenschaftskollegen sprechend in einem italienischen Kostüm oder manchmal auch in Jeans Bluse und offenem weißen Kittel es ist
Schiruk
Hudas Mutter
von der ich Dir auf einmal erzähle von dem Eindruck den sie schon in meinen Kindertagen auf mich gemacht hat es erschreckt Dich nicht in
Neu-Babylon
wird es keine Baath-Partei mehr geben und Könige Herrscher Tyrannen Krieger nur noch als martialische Reliefe auf Tonkacheln während die Löwen und die Ungeheuer in schönen Freigehegen laufen und fliegen
aber jetzt zu Dir (Geliebter) ich spüre schon wie Du nervös wirst und immer versucht bist über die Schulter zu sehen obgleich hier niemand etwas dabei finden wird wenn wir uns in der Abendsonne unterhalten auf den weißen Mauern sitzend über der kleinen Tiefe zum Ausgang zwischen den Häusern weder mein Vater noch Abu Yusuf (der ruhige und selten anwesende Gärtner) wird uns ausschimpfen von meiner Mutter weiß ich viel über Dich sie ist sehr vertraut mit Umm Yusuf der schüchternen hübschen Frau Rikabi gewiss auch weil Farida aus einer schiitischen Familie stammt und alle Rikabis Schiiten sind ich weiß nicht nur dass Dein Onkel Dein Studium bezahlt sondern auch dass Saddam Deinen Vater und Deinen älteren Bruder ermorden ließ vor elf Jahren nach dem Krieg als der ältere George Bush die Schiiten im Süden zum Aufstand aufforderte und sie dann im Stich ließ als die Armee angriff
im Bücherregal meiner Mutter
gibt es ein postkartengroßes Ölgemälde von Ali dem strahlenden jungen vollbärtigen großäugigen Helden Farida ist auf eine mir nicht ganz durchschaubare Art religiös das kleine Gemälde erklärte sie mir sei eine Erinnerung an ihre Kindheit in ihrer gläubigen Familie dreimal besuchten wir meinen Großvater in Basra bevor er starb und ich war sehr beeindruckt von den Ölbildern der zwölf Imame die er im Wohnzimmer seines alten Hauses am Kanal hatte elf fast gleich aussehende wie geklont wirkende strahlende junge vollbärtige Männer in grünen Gewändern mit leuchtenden großen Augen von der Lichtkraft erfüllt die aus der direkten Nachkommenschaft von dem Ersten unter ihnen stammte der zwölfte
Mohammed al-Mahdi
der im Keller seines Hauses gerettet und in die große Verborgenheit entrückt wurde (erklärte mir mein Großvater während Tarik lieber aus dem Haus ging) hatte anstelle eines Kopfes nur einen strahlenden Lichtschein zwischen den Schultern eine kleine explodierende Sonne bis er
wiederkehrt
erklärte mein Großvater
erkennen wir keine Regierung an merke dir das auch nicht die verrückten Ayatollahs der Perser die in die Sünde der Macht gefallen sind was glaubst Du
was glaubst du
wer zuerst fragt muss auch zuerst eine Antwort bekommen
sag mir doch was du hören willst
alles
dann will ich auch alles hören sagst Du lachend und die Arme ausbreitend (flieg mit mir über die Dächer Geliebter)
also gut ich bete nicht viel und ich bin ein SuSchi sage ich
ein japanischer Fisch-Happen?
lach nur aber was soll denn herauskommen bei einem sunnitischen atheistischen Vater und einer schiitischen Mutter die dreimal im Jahr in die Moschee geht um die Teppiche zu bewundern wie sie behauptet
dass Du jetzt so schön erschrocken und wohl auch ein wenig bewundernd lachst gibt mir plötzlich etwas von der Falkenkraft meiner Schwester Jasmin ein Gefühl von Mut Stärke Originalität
Читать дальше