Thomas Lehr - September. Fata Morgana

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September. Fata Morgana: краткое содержание, описание и аннотация

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Zwei Väter und zwei Töchter, zwei parallele Lebensgeschichten in den USA und im Irak. Ihre Schauplätze sind weit entfernt, und doch verbinden sie zwei politische Ereignisse: Sabrina stirbt am 11. September 2001 im New Yorker World Trade Center, während Muna 2004 in Bagdad bei einem Bombenattentat ums Leben kommt. "September" erzählt vom Islam, von Öl, Terror und Krieg und von zwei Frauen, die stellvertretend für die Opfer dieses Konflikts stehen.

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die Auseinandersetzung der arabischen oder vielmehr islamischen Länder mit dem Abendland sagen wir im gerade verstrichenen Jahrtausend (eine leichte Übung für den Mann der sich jederzeit über 3000 Jahre Rechenschaft ablegt aber nicht für mich der ich von der Nacht in die Nacht lebe wobei ich mich frage was welche Massen an kaum zu bewältigender Lektüre ich eigentlich meinen älteren Studenten abverlange) fangen wir beim

Trauma der Kreuzzüge

an das für die andere Seite wohl oft noch so nah erscheint wie eine alltäglich (sich alltäglich wiederholende) militärische Bedrohung für uns aber schon tief abgesunken ist in die Ära der Technicolor-Hollywoodfilme in denen es auf beiden Seiten Gute und Böse gegeben hat (das demokratisch verteilte Gleichmaß zwischen Aggressoren und Verteidigern sollte uns doch stören) und in ein hier und da luftblasenähnlich aufsteigendes Bewusstsein davon dass der hundertjährige Fanatismus mit dem sich die Päpste konsolidieren und die Kaiser und Ritter ihrer Sünden entledigen wollten indem sie Massenmorde in fremden Ländern begingen nichts anderes als eine sinnlose und verbrecherische Unternehmung war

die Kreuzzüge begannen wie Kriege fast immer beginnen mit

Märchen also

mit frei erfundenen Gräuelgeschichten über die Untaten der anderen Religionsgemeinschaften und Kulturen (angebliche Schändung der christlichen Grabstätten in Jerusalem vorgeblich üble Behandlung von christlichen Wallfahrern durch die Türken sowie frei erfundene jüdische Machenschaften)

sie wurden eingefädelt von denjenigen die es fast immer einfädeln nämlich Machthabern denen gerade die Fäden zu entgleiten drohen in diesem Fall von den Päpsten Gregor VII. und Urban II. in ihrer Auseinandersetzung mit dem kaiserlichen Imperium

sie wurden ausgeführt von berechnenden Klerikern erlösungssüchtigen Adeligen wirrgeistigen Rittern und dem zum Dienst gepressten oder fanatisierten Pöbel der am meisten von Epidemien und Hungersnöten heimgesuchten Landstriche Deutschlands und Frankreichs

sie endeten mit Blutbädern mit dem Verlust der Grabstätten mit der Dschihad-Aufpeitschung der Muslime mit der ausbrechenden Animosität zwischen lateinischen und nichtrömischen Christen mit der Entzweiung von Byzanz und der Eroberung des christlichen Konstantinopels durch die christlichen Kreuzfahrer mit dem Hass der Ritter und Soldaten auf den Klerus und die Mächtigen

der Dialog der Kulturen die Auseinandersetzung mit der anderen Welt das Vermitteln der griechisch-arabischen Wissenschaft nahm andere Wege über Sizilien nämlich und über die italienischen Kaufleute in Venedig und Genua über

Andalusien

Luisa wo wir vor zwei Jahren doch erst noch all die routiniert freudigen De-la-frontera -Ortsschilder und weitere Reconquista-Markierungen aufmerksam aber leidenschaftslos besichtigten vielleicht nur weil die Grenze schon so lange nicht mehr zur Disposition steht heute denke ich manchmal ich würde die spanische Küste mit der Waffe in der Hand verteidigen und der auf das Gebiet der Alhambra gesetzte wuchtige

Dom für Karl den V. mit seinem kreisrunden doppelten Säulengang

ein blankes Stück Überwältigungsarchitektur frühes 16. Jahrhundert nie gänzlich fertiggestellt wegen des Aufstands der in Spanien nach der Reconquista verbliebenen Mauren denen man nach der Kapitulation Granadas Religionsfreiheit versprochen hatte um sie bald darauf per Zwangsbekehrung zu unterwerfen zu deportieren oder von der Inquisition verfolgen zu lassen

der Dom also der mir bei der ersten Besichtigung so deplatziert erschien und mich ärgerte strömt im Nachhinein eine wohltuende Kraft aus (aber was hilft es schon) so wie mich die aufkommende Renaissance die solche architektonischen Kolosse schuf

beruhigt

und tröstet wie der Humanismus die Aufklärung denn das sind Entwicklungen Europas aus eigener Kraft und hiervon gebe ich keinen Zentimeter her für jene besonders radikale Spielart des Islam die ihren rigorosen tyrannischen Stumpfsinn über die Erde verbreiten möchte die

MEINE TOCHTER ERMORDET HAT

(beruhige dich mit

wem sprichst du denn nur denke

statt

zu hassen)

die Reconquista hier

hat

ihren Saladin dort

aber dann schon ihre neuen osmanischen Herrscherdynastien und im Osten die Safawiden ein Fürstengeschlecht aus dem nordwestlichen Iran ich recherchiere möglichst genau wenn ich etwas nicht im Netz finde fahre ich in die Public Library und sei es auch nur für eine Definition oder ein Bild oder eine Skizze es ist nur die Unerbittlichkeit nein: die Zulänglichkeit

meiner eigenen Antworten

die gegen den Schmerz hilft und hin und wieder eine Nacht mit längerem Schlaf bringt

wo war ich

stehengeblieben?

3000 Jahre gibt es uns doch noch gar nicht

es gab einmal

3000 Menschen

was bleibt übrig was bleibt uns übrig (sagt Luisa) als Trauer und Scham und gezielte Verbrecherjagd und Einsicht in die eigene Schuld

was bleibt übrig ich träume ich alpträumte

der alte Goethe sei gekommen und wollte

Sabrina heiraten

Sehnsucht

Erste Flamme, um zu werden,

Brauchtest Du noch keinen Tod.

Erbet’ner Gast auf 1000 Erden,

Mit jedem Herzschlag Morgenrot.

Bei jedem Deiner Schritte Licht,

Du strahlender Besuch.

Nichts verhüllt mir Dein Gesicht,

Nur Körperstaub, ein fahles Tuch.

Schmetterling, das kalte Feuer,

Das Dich auslöscht in der Luft,

Muss mit Dir sterben, denn im Himmel,

Gibt es weder Grab noch Gruft.

Seither hält Dich still die Erde,

Als Phosphor tief in sich versteckt.

Doch wenn ich einst zur Flamme werde,

Hab’ ich Dich in mir entdeckt.

Muna

Das Nachmittagslicht (warm fast schon honigfarben)

leuchtet uns entgegen

Sami und mir so dass die

Gegenseite im Gegenlicht seltsam verklärt erscheint (als wäre das noch nötig) übergossen von vorabendlicher Milde es ist als löste sich jetzt alles im

Tee der Luft

es ist (noch) still an diesem Freitag das Wochenende beruhigt Bagdad wie ein übergeworfenes Tuch einen wilden Papagei im Käfig

gegenüber sitzen der kleine struppige Achmed seine plumpe lustige Schwester Hind und Yusuf der Älteste der schlanker geworden ist mit seinen siebzehn Jahren während

Du

noch stehst zwischen einem Feigen- und einem Ginkobäumchen in einem ganz besonderen unsichtbaren blendenden (nur mich blendenden) gegenströmenden warmen Sonnenglanz dem die Nachtigallen Schmetterlinge schmerzhaft leuchtenden schillernden Paradiesvögel metallischen Kolibris in meinem Herzen im Serail meiner Brust

zuflattern

das alte Haus meines Urgroßvaters und das der Rikabis stehen so nahe beieinander dass man mit einem leichten Sprung vom Dach des einen zum Dach des anderen kommt man kann sich von hier nach dort unterhalten als säße man an einem Tisch ganz ungestört denn zur Straße hin riegelt ein Tor den schmalen Zugang zu den selten benutzten Seitentüren ab und über diesen geschlossenen Zugang hinweg spricht man seit Jahrzehnten schon (sagt Tarik) miteinander als sei der gemeinsame Tisch gerade von der Erde verschluckt worden über einen kleinen Abgrund von drei Metern Tiefe hinweg indem man sich nah an die niedrigen Brüstungsmauern stellt oder einfach darauf setzt wie Hind und Yusuf und Achmed

wie Sami und ich auf der Gegenseite während Du immer noch zwischen den von Abu Yusuf liebevoll und fachkundig aufgestellten gepflegten Zierbäumchen und Büschen stehst als zähltest Du die Ginkoblätter (keines ist wie das andere sagt man) oder versuchtest durch die Rückseite der hohen Gebäude der Saadun-Straße bis zum Tigris hinab zu sehen den sie verbergen Du bist als Soldat angekommen im Sommer in Deiner grünen Uniform erschöpft müde und erleichtert weil Du Deinen Pflichtdienst hinter Dir hattest und jetzt hier unterkommen konntest im Haus des entfernt mit Dir verwandten Abu Yusuf der Dir preiswert ein Zimmer vermietet für

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