hölzerne Palast in den mich der Dschinn verschleppt hat damit ich zwei Jahre lang Gedichte in den Dünensand schreiben konnte und jeden Tag tausend weiße Gedankenstriche auf die salzige blaue Folie des Atlantik
weine rede flüstere
in der Küche bei Mrs Donally das Schachbrettmuster des Fußbodens die Wärme das von Halogenlämpchen erzeugte stets gleichmäßig strahlende Atelier- oder Filmstudiolicht des Erdgeschossraums in dem ich morgens allein mit der Haushälterin frühstückte und lange Nachmittage und Abende saß
getröstet immer
ruhiger werdend von Monat zu Monat
weil ich mich aussprechen oder auch schweigen konnte endlich kochen lernte und Iris (Mrs Donally) so viel zu erzählen wusste
sie ist wirklich interessant nicht wahr sagte Seymour der
auch damit
meinen Widerstand gegen ihn (den zweiten Mann meiner Mutter) stark herabsetzte er mochte Iris wie ich sie mochte als ich begann sie zu begreifen eine robuste und ganz und gar nicht schöne Frau deren Tochter seit langem in Brooklyn lebte und Kriminalromane schrieb während sie selbst ihr ganzes Berufsleben lang alle drei Jahre den Arbeitgeber und die Stadt manchmal auch das Land wechselte
einfach aus Prinzip weil mir sonst langweilig wird
(sagte sie) eine kleine Wohnung in Queens in der sie ihre Schätze verwahrte und drei Koffer mit denen sie reiste reichten aus
man muss nicht schön sein
man benötigt keinen Uni-Abschluss
man braucht keinen großartigen Beruf
keinen Ehemann keinen Verein kein Auto keine Religion nur
den Mut ins Leben zu steigen wie in die Brandung an einer Felsküste es ist kalt frisch und nicht ungefährlich aber
du lernst schwimmen
manchmal möchte ich
so weit kommen so gelöst sein wie Iris so ohne das Bedürfnis nach einem Rahmen einer Organisation einer Wissenschaft oder nah lebenden Familie (in Kalifornien weiterstudieren?)
in der Mitte des Wohnzimmers
stehe ich in Jeans und hellbraunem T-Shirt in meinen schwarzen Schuhen in denen ich sowohl lange auf Straßenpflaster gehen als auch auf Parkett tanzen kann könnte es ist noch heller und sonniger geworden so dass sich Meer und Himmel aufzulösen scheinen wie auf einem überbelichteten Foto ich stand noch nie in Straßenschuhen Tanzschuhen ganz allein an dieser Stelle vor einer Woche hatte Seymour wichtige Leute aus seiner Branche eingeladen
Ölmänner
die mit ihren Weingläsern klirrten nachdem sie die ruinierte Garage auf der anderen Straßenseite bestaunt hatten (verbrannte Erde das übliche Nebenprodukt ihres Geschäfts hier aber nur) das
Leichtsinnswerk meiner Mutter
vor einem Jahr
fuhr ich mit meinem Vater nach Boston und schämte mich plötzlich für seinen alten Ford den wir mit meinen Habseligkeiten vollgestopft hatten für die ich mich plötzlich auch schämte ich verstand mit einem Mal dass ich gar nichts oder kaum etwas besaß so wenig
Dinge
dass ich so leicht
zu beseitigen war dachte ich dass ich nur mich hatte und dieses wie
unzerstörbare
Jungsein
das ich in Eric wiederfinde einen Spiegel der mich umarmt in einer neu zu gründenden Welt die jähe
Abstoßung
der Abschied Aufbruch
vor einem Jahr erschien mir Martin seltsam fremd als er den alten PC in mein Studentenwohnheimzimmer schleppte und Bücher- und Kleiderstapel der Herr Professor in Jeans und UMass-Sweatshirt wie ein Möbelpacker der einmal etwas Besseres gewesen war oder hatte sein wollen
er ist absolut interessant
flüsterte Julia mir zu (als wäre er Mrs Donally) aber sie meinte es in erotischer Hinsicht er hatte ja auch tatsächlich ein neues Liebesleben bella Luisa seit drei Jahren Schwester am Anfang waren sie so verklemmt es ist albern und peinlich wenn dein Vater glaubt du verstündest nichts er wäre so dezent so rücksichtvoll und geschickt dass er dir vormachen könnte noch nach sechs Jahren der Trennung wie ein Mönch zu leben und nur der armen Luisa ein wenig helfen würde die großen runden Ohrringe zu schleppen wir sind aber die
Seherinnen
die Spinnerinnen der Geschichten in der Zeit aus der Zeit heraus ich sehe nur nicht
das Jetzt das mich unmittelbar umgibt meine
gläserne federleichte fließende Gegenwart
stattdessen spüre ich dieses Weggefallensein der Wände der Räume in denen ich etwas war das ich zu kennen glaubte und alles erscheint mir gleich weit entfernt (das Zimmer in Amherst die seltsame Schiffskabine auf dem Ozean der Wissenschaft in Boston die ich mir mit Julia teile das Eckzimmer im Sommerhaus der Garten der Charles River der Atlantik)
es klingelt und als Eric den Flur betritt bin ich
fremd und hemmungslos für zehn Minuten so dass wir durch den Flur purzeln und im Wohnzimmer auf dem Sofa uns glücklich verrenken bis zu einem Punkt an dem Eric spürt dass mir einfällt
wo ich bin
jetzt sehen wir aus als hätten Räuber versucht uns die Kleider vom Leib zu reißen (wobei es allerdings unverständlich ist weshalb ihnen meine Brustwarzen und Erics kleinerer bläulicher Kopf über dem Bund seiner Unterhose immer noch entgegenkommen wollen) und es scheint auch gleich als müssten wir fliehen (angetrieben von der langen Mittagspause im Fahrplan der Long Island Rail Road) so rasch ordnen wir uns und greifen nach meinem Rucksack verlassen das Haus
Eric
ist ein einfaches vollkommen müheloses leichtes
Verstehen
es ist nicht nötig zu sagen was ich erst allmählich begreife nämlich dass ich wohl
die Schwebe
aufrecht — waagerecht — die Möwe auf einer unsichtbaren nervösen kippeligen Schaukel über den Dächern der Holzhäuser
halten will das
Versprechen unseres Aufbruchs das Gefühl dass alles dass das Bestmögliche zwischen uns geschehen wird morgen nein wohl frühestens in drei Tagen wenn wir mit dem Greyhound-Bus Los Angeles erreicht haben werden auf dem Weg zum Bahnhof trägt Eric meinen Rucksack ich sehe mich so klar und deutlich noch einmal im Wohnzimmer des Sommerhauses ganz genau an der Stelle an der ich vor Erics Läuten stand als wäre ich noch dort
in einer anderen Zeit aus der ich nicht mehr
fliehen kann
Leave your shadows
heißt es im Refrain des ersten Songtextes den ich für Eric geschrieben habe er ist nicht sonderlich gut geworden aber wenn Eric das Lied singt wird er so stimmig und scheinbar unabänderlich dass ich heulen könnte aber das ist nicht nötig an diesem sonnigen Nachmittag in East Hampton an dem wir Hand in Hand zur Bahnstation gehen ich bin noch immer erregt und gespannt und zufrieden zugleich
Erics dunkelblonde Haare wehen ihm in die Augen die Handbewegung mit der er sie aus dem Gesicht streicht wirkt unbeholfen wegen des Rucksacks beinahe wie die Bewegung eines Tiefseetauchers oder Astronauten
in der hellen Sommerluft durch die wir schwimmen
oder schweben und es ist auch so dass ich jetzt konkret zurück möchte auf die Couch im Wohnzimmer und das vollkommen Wirkliche möchte bis zu diesem unterirdischen Schlagen Zucken einer fremden wilden Ader in mir
woher
nimmt er nehme ich das alles wir sind doch nur Fahrrad gefahren haben uns einen Frisbee zugeworfen schwammen faulenzten am Strand lasen uns vor sangen zu seiner Gitarre er hat einen Platz für Jazz- und Sologitarre an einem Konservatorium in L.A. er will in einer Band spielen er will sich ablösen von East Hampton von seiner überherzlichen ondulierten Mutter und seinem Vater dem hohen Polizeibeamten und seinem älteren Bruder der in der Army dient und stolz darauf ist den allerneuesten High-Tech-Panzer (STRIKER) zu fahren
wir sind nicht
irgendwo
sondern in Amerika also
glauben wir an uns Eric so hat man uns aufgezogen mit der Hand auf der Brust die Flagge der Freiheit besingend wir müssen uns selbst definieren und irgendetwas in Erics lässiger und doch bestimmter Art sagt mir dass er nicht nur ein Traumtänzer ist sondern immer Mittel und Wege finden wird wenigstens einen Teil der Träume zur Erde zu holen
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