ein Aufflackern vielleicht in Amandas Augen eine kurze Nachgiebigkeit gegenüber dem nostalgischen Ausflug eine knappe ironische Parade etwa so als würde sie einem alten männlichen Bekannten gelten der für einen Augenblick aus seiner Freundesrolle fällt und ihr einen zu tief gehenden Blick zuwirft
in der Vergangenheit
gibt es keine Luft für uns
ganz gleich wie verzweifelt die Zukunft dort atmen möchte sich dort noch einmal und viel besser umsehen will immerhin habe ich ein sehr klares Bild meiner geschiedenen Frau an jenem Restauranttisch mir gegenüber zur Mittagsstunde ein stehendes und doch flackerndes Kippbild der Empfindung die für einige Sekunden Amanda in eine gar nicht mehr angebrachte lebendige Nähe bringt um sie gleich darauf weit abzurücken in die wunderliche und fast schon wieder bewundernde Distanz eines fremden Blickes auf eine energische Geschäftsfrau der man an dem Kontrast zwischen professionellem Make-up und schlichter Garderobe anmerkt dass sie ihrer Tochter einen Gefallen tun will eine jener vordergründig kühlen Blondinen deren träumenden Körper man sich selbst dann nicht recht vorstellen kann wenn man ihn eine halbe Stunde zuvor nackt in den Armen hielt scheinbar so gepanzert so
unverletzlich
jetzt
im Sommer
wo ich darunter leide dass ich Sabrina nicht so klar an dem Tisch sehen kann wie ihre Mutter weil sie links neben mir saß
ja dass ich
mich auch kaum an ihre Worte erinnere an ihre Überlegungen und heftigen Einwände meine (nostalgische) Abwesenheit und mein väterlicher Stolz nahmen nur ihre Gesten wahr und die Wirkungen die ihre Argumente auf den mir schräg gegenüber sitzenden Ölmann hatten dass er immer wieder beeindruckt dass er amüsiert und erstaunt bisweilen sogar betroffen aussah das
reichte mir schon aus
und verrückter- (später vielleicht verständlicher-)weise
behielt ich genau im Gedächtnis was er (der ebenfalls am MIT studiert hatte der sich mit einer für mich doch schwer erträglichen Mischung aus Expertendünkel und angemaßtem Vaterstolz meiner Tochter zuwandte) ihrer Kritik an der ölfressenden amerikanischen Gesellschaft entgegenhielt es hämmert noch heute in meinem Kopf (als wäre er schon jene schneebedeckte Gestalt im Sturm und schrie verzweifelt in sein Mobiltelefon) was er doch ganz ruhig ironisch geduldig Sabrina vorhielt dass es niemand genau wisse dass Öl eine begrenzte Ressource wäre dass andererseits historisch erwiesen sei wie die Magie des steigenden Preises immer wieder neue Techniken neue Quellen neue nunmehr profitable Erschließungsmethoden hervorgezaubert habe und verändertes Konsumentenverhalten bewirken könne sogar in den USA
Öl ist tief in der Erde vergraben so einfach so schwierig ist das (sagte Seymour)
halte dich an die Dinge
die vor dir in der Luft vergraben sind (im Vakuum der Vergangenheit)
Amanda und Sabrina an jenem helllichten Tag von dem ich lange Zeit dachte er müsse einer meiner glücklichsten werden da
Sabrina ihr Studium begann
Auf dem Heimweg kurz vor dem alten Haus meines Urgroßvaters das mit seinen schmalen Fensterschlitzen und dicken kühlenden Mauern wie eine kleine sandfarbene Burg oder ein Teil eines Indianer-Pueblos der Hitze trotzt
stolpert Achmed gegen mich
gejagt von seiner älteren Schwester Hind der er (wie sie entrüstet versichert) die ihr zustehende Portion Baklawa stibitzen wollte und ich nehme den Kleinen mit zu Farida in die Küche wo es immer etwas Süßes für ihn gibt
beim Wiederhinausrennen rempelt er mich erneut an ohne Dank quiekend vor Freude ein lustiges Räubergesicht mit Zahnlücke im oberen Kiefer und dicken Augenbrauen seine weichen Knochen schmerzen nicht beim Aufprall der energische Kinderkörper weckt mich nur auf und bringt mich in die Wirklichkeit
zurück
in Faridas Küche zu Faridas lässigen akkuraten Bewegungen wenn sie kocht
Zwiebeln Petersilie Minze Knoblauch hackend mit Blick auf das schattige Geviert des Innenhofs in dem sie ihre Zierpflanzen und Kräuter zieht
auf einer Kante des Tischs liegt ein Buch das sie gerade übersetzt sie steht oft ganz abrupt von ihrer Schreibtischarbeit auf und beginnt zu kochen das Kochen
bringt dich immer wieder zurück auf die Erde
eben dahin will ich wenigstens für einige Stunden auf die
Erde der Erde
denn schließlich ist der Major wirklich seine kräftige Hand am Hals meiner Schwester (und wenn sie das braucht sagt Huda
kichernd
in meinem Kopf) und meine ganze
rechthaberische Fantasie
erdrückt mich beschwert mich klagt mich an als hätte ich durch sie erzwungen erzwingen können was wirklich geschieht ich wollte es wäre
nichts
Faridas Küche
schneide Kürbisse knete Teig zupfe Blätter hacke Kräuter zerteile Fleisch wasche Reis und Bulgur koche Tee
so oft finde ich neben Farida wieder zurück
in die Familie
in der Küche treffen wir uns wie an einem wirklicheren Ort selbst Tarik fällt ganz automatisch in den Rhythmus der Frauen schneidet Gurken Tomaten Auberginen Kohlblätter mit seinem Lieblingsmesser das er abwechselnd Die Machete oder Das Skalpell nennt und selbst Sami tut in der Küche was man ihm aufträgt ohne zu murren wenn auch ungeschickt und sehr schläfrig im Vergleich zu dem was seine Finger auf einer Computertastatur bewerkstelligen können rühre die Harisse dabei kannst du programmieren sagt Farida lachend
Yiom was kochen wir Yiom
das Kochen ist immer eine Rettung ein Anker für das irre fantastische Schiff
Kardamom Pfeffer Koriander Cumin
es gibt immer weniger Fleisch und Fisch aber Farida kennt auch so genügend Rezepte heute etwa ist es ein Auberginenauflauf mach einen Orangensalat dazu wie du es von Tante Nawal kennst und während ich drei Orangen schäle und in dünne Scheiben schneide rote Zwiebeln häute und in feine Ringe zerlege schwarze Oliven darübergebe Minzeblätter zupfe und Öl in das ich einen Teelöffel Cumin gerührt habe (kam Salz dazu?) kann ich mich wieder einmal fragen welche Mutter ich lieber hätte eine die erfolgreich mit den Wölfen spielt oder diese ruhige weiche blasse Frau in dem grünen von einer Goldlitze gesäumten Hauskleid die einmal Lehrerin war bis alle Lehrer in der Partei sein mussten die einmal für einen großen Verlag Romane übersetzte bis fast nichts mehr übersetzt werden durfte die sich ganz auf die Familie die Verwandten die Küche und die Bücher zurückgezogen hat
und doch
das ist was bleibt denke ich immer und es scheint mir oft dass Farida das ähnlich sieht und dass sie daher ihre Kraft nimmt und den Stolz sie hat nichts Eingeschüchtertes an sich obwohl sie doch geschlagen ist und begrenzt auf das alte Haus in Betawiyn und die Häuser der Nachbarschaft nur selten besuchen Tarik und sie noch alte Freunde (sofern diese noch in Bagdad wohnen und nicht in Amman Beirut London Berlin Köln)
einmal kämpfte mein Vater mit Jasmin
in Paris
ich habe es bemerkt aber nicht verstanden ich war erst elf
was soll ich dieses Krankenpflegebuch noch weiter übersetzen fragt Farida wenn es die Hälfte der Medikamente und Pflegemittel überhaupt nicht mehr gibt God bless America
was macht Huda fragt Tarik die lustige Haddawi mit ihrer Super-Mutter dem achtsprachigen Weib mit vier Zungen und sechs Armen wusstest du dass sie vergangenen Monat in Uruk das Skelett eines königlichen Menschenaffen gefunden haben der bei der Rekonstruktion mit Knetmasse genauso aussah wie Saddam
er spürt
den Schatten
der auf mir liegt weil ich von meiner Schwester geträumt habe aber was
weiß ich schon
ich spüle Geschirr mit Farida während Sami in seinem Zimmer genau über uns mit Microsoft dahinfliegt wie
ein Fliege im Glas (die falschen Flugzeuge die verzweifelt von innen gegen die Glasscheibe des Monitors anstürmen)
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