Thomas Lehr - September. Fata Morgana

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September. Fata Morgana: краткое содержание, описание и аннотация

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Zwei Väter und zwei Töchter, zwei parallele Lebensgeschichten in den USA und im Irak. Ihre Schauplätze sind weit entfernt, und doch verbinden sie zwei politische Ereignisse: Sabrina stirbt am 11. September 2001 im New Yorker World Trade Center, während Muna 2004 in Bagdad bei einem Bombenattentat ums Leben kommt. "September" erzählt vom Islam, von Öl, Terror und Krieg und von zwei Frauen, die stellvertretend für die Opfer dieses Konflikts stehen.

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was ich will

die Fragen mit denen ich meine Ferien verbringen muss wie mit unangenehm großen Hunden die man mir gegen meinen Willen für einige Wochen anvertraut hat laufen davon (Hunde aus Rauch)

am MIT vergesse ich das alles wieder es wird einen Stundenplan geben die Klausuren die Vorlesungen Seminare Praktika den Takt frühestens im nächsten Semester könnte ich an die Ostküste gehen

aber von Los Angeles aus betrachtet

in einer halben Woche

wird es vielleicht ganz anders aussehen

ich stelle mir die Orte vor durch die wir fahren werden im Greyhound-Bus sagt Eric drei Tage lang Pittsburgh Columbus Dayton Indianapolis St Louis Kansas City Denver Las Vegas El Monte man glaubt niemals anzukommen wird das sind aber bestimmt die besten Reisen oder nicht

ich rede plötzlich rede

zu viel

oder das was ich reden muss es war das Praktikum in New Hampshire zu Beginn des Sommers bei dem ich mich zum ersten Mal geborgen und frei zugleich gefühlt habe und so als könnte ich in einem wirklichen (wirklich existierenden) Beruf zufrieden sein (wenn ich hin und wieder Gedichte schriebe wenn ich

nachts bei Eric schlafen dürfte)

vier Wochen lang war ich fast jeden Tag mit den Schulkindern zusammen die im Odiorne Point State Park das Seacoast Science Center besuchten und dort Kurse belegten ich half den Kleinsten sich die Hände zu waschen bevor sie in die Aquarien greifen und die Seesterne anfassen durften (lebendiger kühl-rauer Sand) ich kletterte mit den Älteren über die Küstenfelsen auf der Suche nach Schnecken und Krebsen und mit den Größten die etwas von der Geologie des Golfs von Maine lernen sollten untersuchte ich die Stein- und Schleifspuren der letzten Eiszeit wir konstruierten Fische am Computer in einem Simulationsprogramm das die Überlebenschancen unserer Geschöpfe testete (Kabeljaukopf Haifischflossen Delphinschwanz die meisten verendeten schnell) wir ließen uns in die Tiefsee hinab mit einem virtuellen U-Boot und sammelten dann wieder Krebsschalen und Schneckenhäuser draußen in den ruhigeren Buchten entdeckten wir einen schlüsselbeinartigen Knochen den niemand zuordnen konnte ich zeichnete mit den Kindern und stieg

abends allein

mit Blick nach Norden über die taubengrauen Dächer des Besucherzentrums die darum angelegten breiten Wege Rasenflächen den großzügigen sanften Schwung der Küste dahinter einen Hügel empor wie getragen vom Abendlicht es fehlte nicht viel dachte ich es könnte hier an der Grenze zwischen Maine und New Hampshire schon eine

Definition von Glück

geben das wären dann: Kinder Wissenschaft Meer und eben dann genau das noch

was Eric mir gibt mir zu geben verspricht unverhofft und vollkommen ich hörte Emilys Verse in meinem Kopf

rezitiert von einer verhaltenen leisen aber plötzlich leidenschaftlich glühenden Stimme

Wild Nights — Wild Nights!

Were I whith thee

Wild Nights should be

Our luxury!

auf dem Hügel befand sich einmal eine Geschützstellung und über den Parkplatz hinweg sieht man die Anhöhe mit den halbkreisförmig angeordneten Sockeln der 155-Millimeter-Kanonen aus dem Zweiten Weltkrieg (jeder Millimeter ist verzeichnet) an der Rückwand eines aufgelassenen Toilettenhäuschens die obszöne Skizze einer liegenden nackten Frau deren Kopf durch den zurechtgebogenen Schriftzug Your Mother gebildet wird daneben ein sorgfältig gemaltes Verkehrs-Halteschild mit der Unterschrift Stop Bush!

wir müssen

in der Wirklichkeit

einen Weg finden Eric also

Kinder Wissenschaft Meer Wilde Nächte

oder in der Unwirklichkeit so spröde scheu vergeblich großartig wie Emily könnte man auch sein es ist mir sonst fast egal aber heute nicht und vielleicht wochen- und monatelang nicht mehr

weshalb heißt es eigentlich Babylon du

weißt doch alles

fragt Eric nah an meinem Ohr es war nur eine Kneipe auf die jene Mutter des Stadtgründers von ihrem Haus aus blicken musste eine Taverne die ihr so verrucht erschien wie die Stadt in der Bibel

ich gehe den Hügel wieder hinab zur Küste

es ist früher Vormittag als

hätte ich die ganz Nacht da oben gestanden wie die Soldaten der Battery 204 aber auch als wäre ich beim Hinabgehen in

eine andere

frühere

Zeit geglitten und an einen anderen

Ort

wir sind zu zweit hinausgegangen um die Krabben zu wecken sagt Martin er stolpert benommen neben mir her seine Brille beschlägt jede Menge Hunde rasen an uns vorbei so dass ich mich immer nah an den Beinen meines Vater halte der Strand ist schmal heimisch nah er säumt eine Landzunge auf der sich alte Fischerhäuser Restaurants Hotels Souvenirshops Malerateliers reihen ich sehe nackte Füße im Schlick weiche blasse Kinderfüße die nie zu frieren scheinen (sagt Martin) der grüne Plastikeimer in meiner Hand ist schon halb mit Steinen und Muscheln gefüllt die Hunde kommen näher und beißen stoßen streifen mich doch nie weil sie nämlich Martin fürchten es gibt eine Menge Fragen und morgens vor dem Frühstück rede ich besonders viel will besonders viel wissen und erkläre mir oft laut die Dinge selbst ehe Martin einen guten Satz findet werfe ich schon neue große ungeheuerliche schöne Fragen auf wie goldene Meeresungeheuer und feuerspeiende chinesische Drachen in der graublauen Morgenluft es war vielleicht nur die Nähe die größere Hand das gemeinsame Gehen dieses Gefühl einer immer zureichenden

Antwort (aber: was hatte ich gefragt)

Amanda

schläft noch

in Rockport verbrachten wir drei Sommerferien im Haus eines Bekannten

noch

können wir ausgekühlt frisch lachend in Kleidern gerade noch ohne Schuhe und Jacken in Amandas Bett fallen und sie umarmt uns als Seehunde wie sie sagt

mit Eric wird auch das besser was war

er wirft ein neues ein ganz anderes Licht auf andere unabänderliche Teile der Vergangenheit

steig mit mir aus in Babylon schlägt er scherzhaft vor wir könnten morgen früh gemeinsam zu deiner Mutter fahren

nein danke höre ich mich sagen

denn ich war schon mal da

in Babylon ich

erinnere mich

Gedächtnis

Auf den Seiten deiner Bücher

Seerose im Widerstreit

Treiben deine Feuerbilder

In den Brand der Ewigkeit.

Tarik

Auf dem Nachhauseweg mit meiner alten Ledertasche in der linken Hand (Stethoskop Blutdruckmesser Reflexhammer Verbandszeug Spritzen Notfallmedikamente ess- oder trinkbare Gaben von Patienten manchmal ein Stück Hammelfleisch oder ein ganzes ungerupftes Huhn Dinge die vor wenigen Jahren niemand einem Arzt anzubieten gewagt hätte) mein weißes Hemd zum Feierabend leider schon beträchtlich verschwitzt aus dem Ausschnitt wuchert das Bärenfell meiner Hühnerbrust immerhin imponieren mein grauschwarzer Schnurrbart und der wollige Haarkranz um die im Abendlicht glänzende Schädelplatte

in der Dämmerung mit Abgasen und dem Rauch eines Restaurantgrills vermischt könnten aus meiner Müdigkeit und Erschöpfung Träume aufsteigen Bilder Munas fliegendes Schiff

die Arche

in der sie all diejenigen retten wollte denen hierzulande nicht mehr zu helfen ist ich wollte sie schwebte wirklich über mir so nah dass man nur eine Strickleiter über Bord werfen müsste ich könnte es jeden Tag gebrauchen das Rettungsschiff wohin auch immer es flöge jetzt denke ich mir eine still und langsam in der Abendluft segelnde Dau und das Seilende der Rettungsleiter berührte meine Schulter ich bräuchte nur ein Zeichen zu geben damit man die kritischen Patienten an Bord holte

immerhin konnte ich einigen helfen etwa der Mutter deren Mann die UN-Lebensmittelration für Arrak verkaufte (woraufhin sie ihren schreienden Säugling anstatt mit Milchpulver mit Mehlbrei vollstopfte) und auch dem Mullah mit dem Abszess am rechten Oberschenkel ( Ubi pus, ibi evacua.)

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