Thomas Lehr - September. Fata Morgana

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September. Fata Morgana: краткое содержание, описание и аннотация

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Zwei Väter und zwei Töchter, zwei parallele Lebensgeschichten in den USA und im Irak. Ihre Schauplätze sind weit entfernt, und doch verbinden sie zwei politische Ereignisse: Sabrina stirbt am 11. September 2001 im New Yorker World Trade Center, während Muna 2004 in Bagdad bei einem Bombenattentat ums Leben kommt. "September" erzählt vom Islam, von Öl, Terror und Krieg und von zwei Frauen, die stellvertretend für die Opfer dieses Konflikts stehen.

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sie bringt mit Kasim auch dessen uniformierte Freunde ins Haus die an der Tafel sitzen und Witze reißen über die alle Umsitzenden so vorsichtig lachen als kalkulierten sie Schachzüge bei einer Meisterschaft (ein Videoverleiher der Saddam-Reden als Pornos verkaufte und nie einen Protest erntete Bill Clinton und die Zigarre George Bush auf dem Fahrrad in Bagdad)

Jasmin hat eine Ehe geschlossen die so genau das Richtige für sie ist dass sie nie damit zufrieden sein kann

sie warf mir auf der Hochzeit keinen einzigen zweifelnden suchenden fragenden Blick zu als wollte sie mir sagen dass sie dieses Mal ohne den geringsten Schmerz verlorengehe ohne Träne ganz anders als damals

ein Jahr nach dem Krieg

ein halbes Jahr vor dem Krieg

im Sommer 1990 brachten wir sie zum Flughafen

eine Woche zuvor hatte es auch einen Witz gegeben einen falschen Witz unserer Nachbarin Amal über den

UNAUSSPRECHLICHEN

woraufhin sie für drei Tage verschwand und dann im Morgengrauen übersät mit blauen Flecken mit Verbrennungen von Zigarettenstummeln mit gebrochenen Fingern ausgeschlagenen Zähnen blutendem Schoß aus einem Auto vor die Tür ihres Hauses geworfen wurde

neue Schulen neue Kindergärten neue

Frauen für die Miliz

noch schien es Geld zu geben noch war es möglich von Bagdad aus nach Paris zu fliegen

jener Abschied

bei dem die 16-jährige Jasmin glaubte er sei für zwei oder drei Jahre während ich damals schon hoffte er dauere zehn

fuhr mir in die Glieder ich habe mich niemals (auch nicht in den Kriegen) schwerer langsamer ohnmächtiger gefühlt mir war als trüge ich eine eiserne Rüstung die mir den Atem abpresste ich wusste dass wir alle hätten gehen sollen die ganze Familie

aber ich war nicht klar und entschieden genug es gab Anteile die nach Paris wollten mit der ihre Tränen niederkämpfenden und dann noch einmal knapp und fröhlich winkenden Jasmin und es gab Anteile die

hierbleiben wollten

versinken

überleben aushalten im Aushalten gewinnen wollten ich sah (als wäre es ein Grund für das alles und auch der bestmögliche) Faridas müdes und doch so anziehendes Gesicht und hinter ihr gerahmt von Fayencen mit Nachahmungen oder Kopien sumerischer oder assyrischer Keilschrift (du wirst mir das einmal genau erklären Muna) den

SCHLÄCHTER

als blöde Nachahmung Nebukadnezars dem er folgen wollte bis zur Zerstörung Jerusalems

an der Wand erschien eine Schrift die nur ich lesen konnte

es war eine kleine Botschaft der Zukunft für mich für dich Muna nämlich dass ich es nicht noch einmal schaffen würde eine Tochter im Ausland studieren zu lassen

und wir drehten uns um an diesem warmen Abend im Mai nahmen eines der rot-weißen Taxis und stiegen vor unserer Straße aus um noch zu bummeln in dem Schock und Glück über die Abreise Jasmins und ich kaufte verzweifelt und glücklich zwei Kinderfahrräder für das Geld

das ich heute in einem Monat verdiene

elf Jahre ist es her dass wir in der Nachbarschaft des halbtoten Botschaftsviertels den englischen Club besucht haben und Cocktails tranken die Clubs sind bankrott die ehemaligen Luxusboutiquen mit Brettern vernagelt nur an der monströsen Baustelle der Rahman-Moschee herrscht Leben mit ihren anschwellenden Außentürmen die unter ihren Kuppeln in jeder ihrer acht Seitenwände wiederum (shuttleartig bepackt trächtig wie eine Betonspinne) rundkuppelige zweistöckige Embryonalbauten tragen sollten die gewaltigste Moschee im Lande des

GEWALTIGSTEN

erbaut im verrotteten verwaisten einstigen Nobelviertel zur Bebauchpinselung der Ulama ich sehe

durch die Scheibe eines Restaurants in der Jordan-Straße

von links nach rechts zuckende Schrift wild gestikulierende TV-Reporter

die Feuer- und Trümmerwolke die aus den Wolkenkratzern hervorquillt wie blühendes Mark aus dem Stängel einer Blume hinter dem Glas eines Bildschirms auf der Theke eines Restaurants am Nisur-Platz ein Wolkenkratzer ein zweiter brennender Turm ich sehe durch das Fenster wie

in den geöffneten Schädel eines Irren

es ist das World Trade Center beide Türme brennen und ich wende mich ab für eine Sekunde als könnte ich es ausblenden

ich stehe aber schon im Restaurant inmitten der Männer dicht vor der Mattscheibe ich habe nicht bemerkt wie ich hineingekommen bin und werde später oft denken ich hätte die Füße auch gar nicht bewegt aber niemals vergesse ich die zwei Gedanken die sich mühlsteinartig in meinem Kopf gegeneinander drehten zwischen den Restaurantgästen von denen einige wie gelähmt schienen andere mehr als beobachteten sie ein Fußballspiel und manche stumm beglückt oder schon lachend wie im Angesicht eines viel zu großen Geschenks

dass es Krieg geben würde

und dass es in dem Turm so sein musste wie es in der Schrift an der nicht zu zweifeln ist geschrieben steht wie

in einem Höllenfeuer

dessen Brennstoff Steine sind und Menschen

Martin

Etwas muss sich in dir

auftrennen

es ist nicht möglich zu überleben wenn du aus einem Stück gemacht sein willst wie eine gläserne Kugel die auf einen Steinboden geschleudert wird es ist nicht möglich

auch wenn ich zunächst so unfassbar ahnungslos blieb und keinen Riss in mir spürte ich hätte den Einschlag in den Südturm schier ohne Verzögerung mitverfolgen können (auf der geschlossenen unzerbrochenen gläsernen Schicht) in Echtzeit ich bin eine Viertelstunde vor neun zurück ins Haus gekommen (in eben der Minute den Sekunden womöglich) ich lasse tagsüber nie den Fernseher laufen ich schalte kein Radio ein ich bin so

befestigt so gleichgültig vertrauensselig

so einverstanden mit der

Welt ohne mich

dass ich vormittags sogar das Telefon stummschalte und so blieb ich während ich Wasser trank eine Dusche nahm an meinem Schreibtisch vorbei ans Fenster trat unerträglich ruhig gelassen unbeeindruckt von dem rasenden Anhämmern der Sehnsucht der verzweifelten Wut einer

zukünftigen

Erinnerung und trinke Kaffee und sehe in den Garten hinaus die ersten Ahornblätter auf dem fahl werdenden Rasen gelbe Drachenhände im September vor 186 Jahren erfand der Geheimrat (im Spätherbst seines Lebens) sich eine

Suleika

und eine kleine dreißigjährige Frau kam ihm entgegen das Zirkuskind das sich aufschwang in die Kuppel der poetischen Manege

nimm einen anderen Namen an um zu lieben um zu leben um dich zu retten um

nicht in Stücke zu springen ich

bin Hatem geworden ein kalter eitler souveräner innig alle Welt umfassender unzerstörbarer Titan

des Überblicks oder einfach nur ein Nichts im letzten Winkel unter der Zimmerdecke in den es mich geschleudert hat als ich von meinem Schreibtisch aufstand erst gegen 16 Uhr um endlich das Telefon einzuschalten und den Anrufbeantworter mit den verzweifelten Sätzen des Ölmannes

aus

der Finsternis

DER FERNSEHAPPARAT

ich bin da es ist

da

ich

(werde es niemals

berühren können ich)

stehe

auf dem gläsernen fliegenden Teppich zweihundert Meter hoch in der Luft über Downtown Manhattan vor dem Oberkörper eines CNN-Reporters der nur auf den Zehenspitzen vielleicht noch mit dem Rücken zum Abgrund (über der South Street oder der Water Street ungeheuerliche Fallschluchten wenn du erst einmal in der Luft bist) auf der äußersten Kante des Teppichs steht sich aber nur um mich sorgt sich unendlich bekümmert mir zuwendet und leicht nach vorn beugt mit schmerzlicher Miene vor den

Türmen im Hintergrund

die verschwinden wieder auftauchen wieder

verschwinden

wir sind plötzlich noch viel höher in den Himmel geraten und sehen die Battery den Financial District die gesamte Lower East Side wie ein düsteres riesiges Schiff das unter Rauchwolken erstickt vielleicht bombardiert von Raketen beschossen von unterirdischen Sprengladungen zerstört die man tonnenweise im Verlauf der vergangenen Monate dort versteckt hat ich

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