sie bringt mit Kasim auch dessen uniformierte Freunde ins Haus die an der Tafel sitzen und Witze reißen über die alle Umsitzenden so vorsichtig lachen als kalkulierten sie Schachzüge bei einer Meisterschaft (ein Videoverleiher der Saddam-Reden als Pornos verkaufte und nie einen Protest erntete Bill Clinton und die Zigarre George Bush auf dem Fahrrad in Bagdad)
Jasmin hat eine Ehe geschlossen die so genau das Richtige für sie ist dass sie nie damit zufrieden sein kann
sie warf mir auf der Hochzeit keinen einzigen zweifelnden suchenden fragenden Blick zu als wollte sie mir sagen dass sie dieses Mal ohne den geringsten Schmerz verlorengehe ohne Träne ganz anders als damals
ein Jahr nach dem Krieg
ein halbes Jahr vor dem Krieg
im Sommer 1990 brachten wir sie zum Flughafen
eine Woche zuvor hatte es auch einen Witz gegeben einen falschen Witz unserer Nachbarin Amal über den
UNAUSSPRECHLICHEN
woraufhin sie für drei Tage verschwand und dann im Morgengrauen übersät mit blauen Flecken mit Verbrennungen von Zigarettenstummeln mit gebrochenen Fingern ausgeschlagenen Zähnen blutendem Schoß aus einem Auto vor die Tür ihres Hauses geworfen wurde
neue Schulen neue Kindergärten neue
Frauen für die Miliz
noch schien es Geld zu geben noch war es möglich von Bagdad aus nach Paris zu fliegen
jener Abschied
bei dem die 16-jährige Jasmin glaubte er sei für zwei oder drei Jahre während ich damals schon hoffte er dauere zehn
fuhr mir in die Glieder ich habe mich niemals (auch nicht in den Kriegen) schwerer langsamer ohnmächtiger gefühlt mir war als trüge ich eine eiserne Rüstung die mir den Atem abpresste ich wusste dass wir alle hätten gehen sollen die ganze Familie
aber ich war nicht klar und entschieden genug es gab Anteile die nach Paris wollten mit der ihre Tränen niederkämpfenden und dann noch einmal knapp und fröhlich winkenden Jasmin und es gab Anteile die
hierbleiben wollten
versinken
überleben aushalten im Aushalten gewinnen wollten ich sah (als wäre es ein Grund für das alles und auch der bestmögliche) Faridas müdes und doch so anziehendes Gesicht und hinter ihr gerahmt von Fayencen mit Nachahmungen oder Kopien sumerischer oder assyrischer Keilschrift (du wirst mir das einmal genau erklären Muna) den
SCHLÄCHTER
als blöde Nachahmung Nebukadnezars dem er folgen wollte bis zur Zerstörung Jerusalems
an der Wand erschien eine Schrift die nur ich lesen konnte
es war eine kleine Botschaft der Zukunft für mich für dich Muna nämlich dass ich es nicht noch einmal schaffen würde eine Tochter im Ausland studieren zu lassen
und wir drehten uns um an diesem warmen Abend im Mai nahmen eines der rot-weißen Taxis und stiegen vor unserer Straße aus um noch zu bummeln in dem Schock und Glück über die Abreise Jasmins und ich kaufte verzweifelt und glücklich zwei Kinderfahrräder für das Geld
das ich heute in einem Monat verdiene
elf Jahre ist es her dass wir in der Nachbarschaft des halbtoten Botschaftsviertels den englischen Club besucht haben und Cocktails tranken die Clubs sind bankrott die ehemaligen Luxusboutiquen mit Brettern vernagelt nur an der monströsen Baustelle der Rahman-Moschee herrscht Leben mit ihren anschwellenden Außentürmen die unter ihren Kuppeln in jeder ihrer acht Seitenwände wiederum (shuttleartig bepackt trächtig wie eine Betonspinne) rundkuppelige zweistöckige Embryonalbauten tragen sollten die gewaltigste Moschee im Lande des
GEWALTIGSTEN
erbaut im verrotteten verwaisten einstigen Nobelviertel zur Bebauchpinselung der Ulama ich sehe
durch die Scheibe eines Restaurants in der Jordan-Straße
von links nach rechts zuckende Schrift wild gestikulierende TV-Reporter
die Feuer- und Trümmerwolke die aus den Wolkenkratzern hervorquillt wie blühendes Mark aus dem Stängel einer Blume hinter dem Glas eines Bildschirms auf der Theke eines Restaurants am Nisur-Platz ein Wolkenkratzer ein zweiter brennender Turm ich sehe durch das Fenster wie
in den geöffneten Schädel eines Irren
es ist das World Trade Center beide Türme brennen und ich wende mich ab für eine Sekunde als könnte ich es ausblenden
ich stehe aber schon im Restaurant inmitten der Männer dicht vor der Mattscheibe ich habe nicht bemerkt wie ich hineingekommen bin und werde später oft denken ich hätte die Füße auch gar nicht bewegt aber niemals vergesse ich die zwei Gedanken die sich mühlsteinartig in meinem Kopf gegeneinander drehten zwischen den Restaurantgästen von denen einige wie gelähmt schienen andere mehr als beobachteten sie ein Fußballspiel und manche stumm beglückt oder schon lachend wie im Angesicht eines viel zu großen Geschenks
dass es Krieg geben würde
und dass es in dem Turm so sein musste wie es in der Schrift an der nicht zu zweifeln ist geschrieben steht wie
in einem Höllenfeuer
dessen Brennstoff Steine sind und Menschen
Etwas muss sich in dir
auftrennen
es ist nicht möglich zu überleben wenn du aus einem Stück gemacht sein willst wie eine gläserne Kugel die auf einen Steinboden geschleudert wird es ist nicht möglich
auch wenn ich zunächst so unfassbar ahnungslos blieb und keinen Riss in mir spürte ich hätte den Einschlag in den Südturm schier ohne Verzögerung mitverfolgen können (auf der geschlossenen unzerbrochenen gläsernen Schicht) in Echtzeit ich bin eine Viertelstunde vor neun zurück ins Haus gekommen (in eben der Minute den Sekunden womöglich) ich lasse tagsüber nie den Fernseher laufen ich schalte kein Radio ein ich bin so
befestigt so gleichgültig vertrauensselig
so einverstanden mit der
Welt ohne mich
dass ich vormittags sogar das Telefon stummschalte und so blieb ich während ich Wasser trank eine Dusche nahm an meinem Schreibtisch vorbei ans Fenster trat unerträglich ruhig gelassen unbeeindruckt von dem rasenden Anhämmern der Sehnsucht der verzweifelten Wut einer
zukünftigen
Erinnerung und trinke Kaffee und sehe in den Garten hinaus die ersten Ahornblätter auf dem fahl werdenden Rasen gelbe Drachenhände im September vor 186 Jahren erfand der Geheimrat (im Spätherbst seines Lebens) sich eine
Suleika
und eine kleine dreißigjährige Frau kam ihm entgegen das Zirkuskind das sich aufschwang in die Kuppel der poetischen Manege
nimm einen anderen Namen an um zu lieben um zu leben um dich zu retten um
nicht in Stücke zu springen ich
bin Hatem geworden ein kalter eitler souveräner innig alle Welt umfassender unzerstörbarer Titan
des Überblicks oder einfach nur ein Nichts im letzten Winkel unter der Zimmerdecke in den es mich geschleudert hat als ich von meinem Schreibtisch aufstand erst gegen 16 Uhr um endlich das Telefon einzuschalten und den Anrufbeantworter mit den verzweifelten Sätzen des Ölmannes
aus
der Finsternis
DER FERNSEHAPPARAT
ich bin da es ist
da
ich
(werde es niemals
berühren können ich)
stehe
auf dem gläsernen fliegenden Teppich zweihundert Meter hoch in der Luft über Downtown Manhattan vor dem Oberkörper eines CNN-Reporters der nur auf den Zehenspitzen vielleicht noch mit dem Rücken zum Abgrund (über der South Street oder der Water Street ungeheuerliche Fallschluchten wenn du erst einmal in der Luft bist) auf der äußersten Kante des Teppichs steht sich aber nur um mich sorgt sich unendlich bekümmert mir zuwendet und leicht nach vorn beugt mit schmerzlicher Miene vor den
Türmen im Hintergrund
die verschwinden wieder auftauchen wieder
verschwinden
wir sind plötzlich noch viel höher in den Himmel geraten und sehen die Battery den Financial District die gesamte Lower East Side wie ein düsteres riesiges Schiff das unter Rauchwolken erstickt vielleicht bombardiert von Raketen beschossen von unterirdischen Sprengladungen zerstört die man tonnenweise im Verlauf der vergangenen Monate dort versteckt hat ich
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