(Adonis, Ein Grab für New York, 1971)
Du ziehst eine Linie mein Freund die
stärkste Linie
die Grenzhaut die letzte und undurchdringliche
Mattscheibe zwischen dem tatsächlichen Geschehen und dir (der allerhöchsten Tatsache) ich komme immer wieder an diese Grenze in manchen Wochen jeden Tag sie verläuft
mitten durch mein Geschäft
in der Saadun-Straße gehört mir eines der Arztpraxenschilder die in vier Reihen übereinander dicht gestapelt und eng beschriftet wie die Frontseite einer Ladung wieder einmal nicht eingetroffener Medikamentenkartons den Betrachter mit der Hoffnung verwirren ihm könne auf jeden Fall geholfen werden und kartonähnlich ist auch meine Behandlungsschachtel in einem Siebziger-Jahre-Betonbau in dessen Treppenhaus die Leute Schlange stehen sofern sie nicht erschöpft am Boden kauern oder liegen
die Linie die Grenze ist hauchdünn nur eine
Membran hinter der sich
die nackten Heere der Toten drängen (der jüngst Verstorbenen nehme ich an während die anderen sich schon abgewendet haben da sie die Aussichtslosigkeit ihres Rückkehrwunsches einsehen mussten und sich auf den Weg in die ferneren Abgründe machten)
aber sie ist doch auch die
stärkste Trennung die wichtigste jene die das Leben der Toten zum Spiel macht zum Spielfilm den wir gnadenlos und immer verworrener und blasser wiederholen ohne sie je
zu erwecken
du bleibst hier: vor einer Mutter die dir ein gelbgesichtiges vierjähriges Mädchen auf die Pritsche setzt dessen dunkler Blick panisch an allem abgleitet als rutschte sänke glitte es immer tiefer hinab ganz gleich wo es sich befindet und dessen aufgequollener Bauch dir Leber- und Milzschwellungen verrät die es in drei oder vier Monaten auf die andere Seite der Grenze befördern werden ich kann sie nur ins staatliche Saddam-Hospital schicken wo man aber mit höchster Wahrscheinlichkeit nur tun kann was ich jetzt schon machen könnte nämlich der Mutter einen Zettel reichen auf dem in arabischer und lateinischer Schrift PENTOSTAM steht auf dass sie sich wie so viele andere mit ähnlichen Schildern und Zetteln auf den Straßen vor den Hotels bei den heruntergekommenen Kliniken oder Ambulanzen postiert in der Hoffnung auf einen Schmuggler eine korrupte Krankenschwester einen gnädigen oder kriminellen Arzt mit stiller Reserve einen Engel oder einen zufällig vorbeikommenden Mitarbeiter irgendeiner Hilfsorganisation der womöglich von einer entsprechenden Medikamentenlieferung weiß
in solchen Fällen bin ich kein Arzt mehr sondern ein Lotteriescheinverkäufer des Todes der auf seine alten Tage noch Krankheiten wie Kala Azar kennenlernen musste eine Infektionsspezialität die man zuvor allenfalls mückenverseuchten Elendsgebieten in Afrika und Indien zuwies Orte der
Dritten Welt
in die sich
der Irak an so vielen Punkten zurückverwandelt oder überhaupt hinverwandelt hat mit seinen zerbombten Elektrizitätswerken zerschossenen Kanalisationssystemen gesprengten Düngemittelfabriken zerfallenden Schulgebäuden überlasteten überfüllten maroden Krankenhäusern ich gehe auf die Straße und sehe
Kalkutta in Bagdad
offene Schafsbäuche aus denen die Gedärme hervorquellen madige Hackfleischklumpen in der Sonnenhitze Wasserverkäufer mit uralten Zinnkrügen oder aquariumsähnlichen Glasgefäßen in denen schmutziges Eis schwimmt Kinder und wieder Kinder im schulpflichtigen Alter die sich zerlumpt durchs Leben stehlen und betteln dies alles mein Freund hat natürlich seine höchsten und allerhöchsten
Gründe
bis hinauf
zum Weltsicherheitsrat dessen Mitgliedsstaaten drei Viertel des Waffenbestandes des gesamten Nahen Ostens geliefert haben und wohl deshalb so genau wissen was uns
SCHURKEN
zusteht
nämlich Hunderttausende unnötig an Infektionskrankheiten Unterernährung und Sepsis gestorbene Kinder die selbstverständlich allesamt nur dem zynischen Spiel unseres PRÄSIDENTEN zum Opfer fielen der seit zehn Jahren mit den Waffeninspektoren Katz und Maus spielt und seine verbliebenen Milliarden in die Geldsäcke seines Clans leitet in die Mäuler seiner Geheimdienste in die Türme und Keller seiner absurden Paläste in denen er sich versteckt während die Doppelgänger-Marionetten in die Kameras winken (es gibt keine Kopien sagt mein Freund Ali denn ER ist so eitel dass er auch die Doppelgänger spielt)
immerhin
mein Freund haben die Iraker schon oft versucht IHN zu erledigen da schlagen wir doch Hitler-Deutschland ganz leicht mit der Fülle unserer guten tödlichen Absichten
der Krieg
wird kommen sagt Farida und somit auch die Abrechnung ich frage mich aber ob auch mit denen abgerechnet wird die es unterließen den Würgegriff zu lockern als sie sahen was sie damit anrichteten Jahr für Jahr
die Geschichte mein Freund stellt meiner Meinung nach eine einzige praktische religiöse Frage nämlich
wer richtet die Sieger
mein HERRSCHERFOTO
aus den frühen achtziger Jahren hängt über grauen Metallkästen wunderbar fehlfarben und verblasst mittlerweile ganz wie seine Artgenossen an so vielen Orten an denen wir wissen dass wir IHM nichts anderes antun können als
Zeit
in den Metallkästen stapelt sich mein Material mit Beiträgen zur nächsten verheerenden UNICEF-Statistik die Beamten im Gesundheitsministerium sehen dies gerne klagt man damit doch immer nur den
FEIND
an und nicht die Schmugglerkönige und Schwarzmarktschieber die in den wenigen verbliebenen Luxusrestaurants schmausen und protzen und auch nicht die korrupten Funktionäre die sich nach dem Prinzip Öl für Kaviar prächtig im Sanktionsfett eingegraben haben
noch habe ich genügend Paracetamol um eine alte Frau mit einem Bandscheibenvorfall zu versorgen eine Operation brächte wahrscheinlich sowieso keine Besserung ich beruhige widerwillig einen baumlangen Kerl in der Uniform der Revolutionären Garden dass er nur an Diarrhö leidet und nicht wie befürchtet an Typhus für die Mittelohrentzündung eines vierzehnjährigen Jungen kann ich noch einmal etwas Paracetamol entbehren nicht aber Antibiotika obgleich er vor Schmerzen heult sein Großvater dem ich die üblichen Hausmittel empfehle war einmal Englischlehrer und erzählt mir dass er seit Jahren als Händler mit Haushaltswaren und Gewürzen drei Familien ernähren muss weil seine beiden Söhne bei der Armee waren und beim Rückzug aus Kuwait fielen
womit wir (mein Freund) zum Anfang (oder zu einem der Anfänge) der Geschichte kommen müssten die man hier auf unseren morschen alten Gräten zu Ende bringt im Gegensatz zu den kleinen Fröschen der Generation die unter dem Sanktionsregime aufwuchsen sofern sie nicht daran verstarben und so wenig Kontakt mit der Außenwelt hatten dass sie keine Chance erhielten zu begreifen wie all das Elend über uns gekommen ist
erinnern wir alte Karpfen uns ja noch gut an den
glorreichen Moment
des Sieges über die Perser (die gespaltene Kuppel der Märtyrer die abgeschnittenen säbelhaltenden Riesenunterarme über der Prachtstraße die Helme der gefallenen Feinde wie Schildkrötenpanzer in einer Betonfläche fixiert) der
PRÄSIDENT
hatte gewonnen und er hatte die
arabische Welt die Interessen des Westens die Grenze der Sowjetunion (mit deren aller großzügiger Unterstützung und:) mit Strömen
SEINES
irakischen Bluts vor den
Horden Khomeinis
verteidigt
noch immer stand eine Million Mann seiner siegreichen Armee unter Waffen und machte Anstalten IHM die Haare vom Kopf zu fressen während ER doch wehrlos im Sumpf der Auslandsschulden steckte und die leeren Hände (sein drittes Paar) den
arabischen Brüdern
entgegenhielt die sich jedoch plötzlich darauf besannen dass sie die eigenen Finger doch lieber in die eigenen Goldkisten steckten und den PRÄSIDENTEN nun zu mächtig fanden so dass sie (die Saudis und Kuwaitis) jede weitere Kreditierung verweigerten zudem die Kriegsschulden des Irak einforderten und darüber hinaus noch die Ölverkäufe weit über die vereinbarten OPEC-Höchstgrenzen steigerten so dass der Preis verfiel und der PRÄSIDENT sich schließlich gezwungen sah sich daran zu erinnern
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