Thomas Lehr - September. Fata Morgana

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September. Fata Morgana: краткое содержание, описание и аннотация

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Zwei Väter und zwei Töchter, zwei parallele Lebensgeschichten in den USA und im Irak. Ihre Schauplätze sind weit entfernt, und doch verbinden sie zwei politische Ereignisse: Sabrina stirbt am 11. September 2001 im New Yorker World Trade Center, während Muna 2004 in Bagdad bei einem Bombenattentat ums Leben kommt. "September" erzählt vom Islam, von Öl, Terror und Krieg und von zwei Frauen, die stellvertretend für die Opfer dieses Konflikts stehen.

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dass WIR das unter dem korrupten Sabah-Clan leidende aber nun endlich zum Aufstand bereite Volk der Kuwaiter doch rasch (von seinen Petro-Dollar-Milliarden) befreien sollten

auf der (Erd-) Oberfläche ging es nur um

etwas Wüste und etwas Meer

um eine kleine Hinterhofangelegenheit wie Panama für die USA oder die Falklandinseln für England so dass der PRÄSIDENT von einem gewissen Verständnis ausgehen zu dürfen glaubte und dieses auch deutlich herausspürte in jenem legendären Gespräch das ER mit der US-Botschafterin Glaspie führte bei dem sie dachte ER könne doch nicht gedacht haben die Aussage dass man keine Meinung zu einem innerarabischen Konflikt habe bedeute auch man würde nichts unternehmen wenn ER ganz Kuwait erobere (statt nur die umstrittenen Ölfelder von Rumaila und ein oder zwei unbewohnte Inseln) und sich von da aus womöglich noch gegen Saudi-Arabien wende schließlich hatte sie ja hinzugefügt dass ER angesichts der von IHM an der kuwaitischen Grenze massierten Truppen doch — im Geiste der Freundschaft — seine Absichten überdenken solle aber ER

wollte nicht denken

was too stupid (wie Glaspie später vor dem US-Senat erklärte) sich vorzustellen wie die USA reagieren würden wenn

sie in Kuwait Orangen (wahlweise Datteln oder Kakteen) angebaut hätten so ließ sich ein hoher US-Beamter (no name) später vernehmen dann wäre Washington seelenruhig

in Urlaub gefahren

so aber handelte es sich um den Zugriff auf das

dickste Ölfass der Welt

und der Freund Saddam war plötzlich ein Wiedergänger Hitlers und jedes Erdulden und unnötige Entgegenkommen eine Neuauflage des Münchner Abkommens (erklärte Miss Thatcher Mr Bush) und so kam es dann dass

der Ast Kuwait zum Stamm Irak kaum auf unseren TV-Schirmen zurückgekehrt war und man kaum einige schöne Beutezüge in den Palästen und Einkaufszentren der blitzartig entflohenen Sabahs hatte unternehmen können und gerade einmal einige folkloristische irakische Folterkeller in Garagen und Kellern improvisiert worden waren

als auch schon

jener diplomatische Zirkus einsetzte

mit seinem wirklichen Horror und seiner grotesken Komik

von der Schlacht der Lügen

bis zur Mutter aller Schlachten

von den Brutkastenmorden (professionelles Märchenprodukt einer US-Werbeagentur dargeboten von der fünfzehnjährigen Tochter des kuwaitischen Botschafters in Washington als angeblicher Augenzeugin vor den fassungslosen Mitgliedern des UN-Menschenrechtsausschusses

312

Babys sterbend

auf dem kalten Fußboden)

zum Geißeltheater der menschlichen Schutzschilde (besucht den Irak! lacht in die Kameras nehmt 20, 30, 100 Landsleute als Souvenir mit nachhause Kurt Waldheim Jesse Jackson Willi Brandt Edward Heath)

der PRÄSIDENT beugt sich herab legt dem schreckensstarren siebenjährigen englischen Jungen eine Hand auf die Schulter und fragt ihn auf Arabisch ob er schon seine

MILCH

bekommen habe)

die Milch des Todes aus der Kuh des internationalen Abscheus floss

rot und schwarz

über den Irak und ich erwachte am frühen Morgen unter Verputzsplittern jemand hatte das ganze Haus an der Schulter gerüttelt (das moderne heute für mich unbezahlbare Mietshaus in dem wir damals logierten aber womöglich ist der Preis jetzt schon am Sinken) Farida trug Sami und ich die fünfjährige Muna auf die Straße (sie war nicht aufgewacht und atmete mir ruhig ins Ohr) die Sirenen heulten nach der dritten Explosion allmählich los aber wir waren doch noch weit weg von den Einschlägen

worüber sollen wir uns beschweren

vielleicht über das Ausmaß der Zerstörungen und die Präzisionsmängel der Präzisionswaffen wir könnten die Frage stellen weshalb so viele Schulen und Krankenhäuser getroffen wurden und weshalb Zehntausende von Zivilisten starben weshalb man es für nötig befand schon in den ersten beiden Wochen des Luftkriegs mehr Bomben abzuwerfen als die Alliierten im gesamten Zweiten Weltkrieg vielleicht könnte man von einem unendlich selbstgerechten Hass des von vornherein ausgemachten Siegers sprechen der wohl auf Aussagen gewartet hat wie die unendlich grausame lauthals verkündete Hoffnung unseres PRÄSIDENTEN auf einen so blutigen Bodenkrieg dass ihn die zimperlichen westlichen Regierungen nicht ertragen würden im Gegensatz zum

ausblutungswilligen ausblutungsstarken

irakischen Volk

wenn in einer Kriegswoche 150 000 irakische Soldaten fallen und 376 Alliierte (die Letzteren hauptsächlich durch Unfälle) dann taucht die Frage der Grausamkeit vielleicht noch einmal auf die durch vernebelte gemaßregelte kontrollierte arretierte Journalisten der

FREIEN WELT

erst lauter gestellt wurde als auf dem

Highway des Todes jener schnurgeraden Straße nach Kuwait

auf der auch die beiden Söhne meines alten Englischlehrers/Gewürzhändlers in der gleichen Sekunde zu Asche wurden

von laufenden internationalen TV-Kameras (versehentlich) ein

Luftschlachthaus

bei der Arbeit bestaunt werden konnte weswegen dann der Abbruch der Operation Zerstörung der irakischen Armee auf der Flucht allmählich geboten schien aber für uns die seit zehn Jahren in unserem Fleisch brennende und weitermordende Frage offenblieb weshalb man nach so vielen Opfern uns nicht auch von unserem PRÄSIDENTEN befreit hatte (plötzlich aufgekommene Stabilitätserwägungen Berücksichtigung der öffentlichen Meinung jäher Gedanke an die Möglichkeit einer Machtstärkung der iranischen Mullahs …) was doch ein Leichtes gewesen wäre glaubt man den Aussagen etlicher US-Generäle

nach 42 Tagen Krieg

auf dem Leichenberg von 200 000 oder 250 000 Irakern

hatte unser PRÄSIDENT nun

schon wieder

GEWONNEN

wirsehenunserenSiegalshistorisches

DuellnichtalsKampfzwischeneiner

Armeeundverschiedenenanderen

undihrseidsiegreichweilihrEin-

schüchterungundUnterdrückung

zurückgewiesenhabt

der alte Englischlehrer sitzt immer noch auf seinem Stuhl vor meinem Praxis-Schreibtisch und erzählt von seinen Söhnen während sein Enkel dem ich etwas heiße Watte getränkt mit ätherischem Öl ins Ohr gestopft habe enerviert auf meinen durch Regungslosigkeit stromsparenden Deckenventilator starrt

ich bin immer in Bagdad geblieben (denke ich plötzlich) weil hier die Menschen miteinander reden so könnte man es im Nachhinein begründen aber damals stellte ich einfach an einem gewissen Punkt fest dass ich es wieder einmal versäumt hatte zu fliehen mich dem großen

brain drain

anzuschließen der Tausende von Ärzten Lehrern Wissenschaftlern aus dem Land gespült hatte ich war wohl zu langsam gewesen ich weiß es nicht einmal mehr so genau weshalb wir geblieben sind ich erinnere mich nur dass ich damals hin- und hergerissen zwischen Angst und Wut auf jedermann wie ein verwirrtes Kamel auf dem schwarz verbrannten Wüstenboden zwischen den Riesenfackeln brennender Ölbohrlöcher durchs Leben taumelte ausgelaugt von Tages- und Nachtschichten zu denen ich dienstverpflichtet worden war und schon

hatte ich wieder einen Krieg mit-gewonnen und meldete meine beiden jüngeren Kinder auf den ramponierten Schulen von Embargoland an mit irgendeiner Art von Trauer und Stolz

wenn die SCHURKEN so litten wie wir litten

dann musste ich bleiben

wenigstens

als Arzt

Perspektive

Für Fadhil al-Azzawi

Einem Storch fiel ich aus dem Schnabel,

hoch über Bagdad.

Mit meinem Vater ging ich nach Babylon.

Meine Mutter brachte mich nach Nadschaf.

Ich floh den Turm und die Moschee,

den Rachen des Löwen und das Feuer des Islam.

Brennend wurde ich gefressen,

von einem alten geflügelten Ungeheuer.

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