bis wir nach Gesprächen mit Angehörigen der zu drei Vierteln ausgelöschten ehemals 22-köpfigen Firma (ich geriet oft an Angehörige von Vermissten ich hätte mich wie ein sadistischer Laufbursche des Todes gefühlt wären mir nicht all diese Menschen mit größter Offenheit und Hilfsbereitschaft entgegengekommen und hätte ich nicht lange erschütternde Telefonate mit Unbekannten in Queens Brooklyn Lower Manhattan geführt) die Kollegin fanden die wegen einer schweren Erkältung zuhause geblieben war an jenem strahlenden Spätsommertag und Amanda auf ihrer Büro-Festnetznummer um 8 Uhr 35 gesprochen hatte
zehn Minuten
reichten um mit den Expressfahrstühlen nach draußen zu gelangen oder nur zehn Stockwerke höher oder tiefer zu kommen in Ebenen von denen aus es doch so viele noch geschafft hatten
die sich aber bald meldeten die man in den umliegenden Kliniken fand jeder Tag senkte uns tiefer in die Nacht dieses Mal gehörten wir nicht zu den Glücklichen deren Freunde Verwandte
Frauen
Kinder
entkommen waren es
gab heftig aufflackernde Hoffnungen die abwegige Idee etwa Sabrina könne sich nachdem sie von Seymours und Amandas Wohnung aufgebrochen war etwas ganz anderes überlegt haben und weggelaufen sein und sich bis zum heutigen Tag verbergen oder gar die Vorstellung sie und Amanda hätten gemeinsam die Gelegenheit genutzt sich von uns (von Seymour von mir nun gut aber weshalb dann auch von Eric) und allem anderen was sie belastete zu befreien und ein neues Leben zu beginnen
aber Amanda hatte ein vollkommen alltägliches Geschäftstelefonat geführt sie war erst eine Dreiviertelstunde im Büro es gab nicht den geringsten Grund weshalb sie es plötzlich hätte verlassen wollen die Hoffnung konnte sich nur noch
auf Sabrina richten bis
Sabrinas Zimmerkollegin Julia mich anrief
Mitte Oktober
sie kam dann eigens nach New York City sie hatte ihr Mobiltelefon wiedergefunden das in den Aufregungen der ATTACKE verlorengegangen war und nach dessen Wiederauffinden sie dann nur langsam und widerwillig als müsse sie in einen eiskalten Raum gehen begriffen hatte
was der Anruf Sabrinas auf ihrer Mailbox bedeutete
2001–9-11 / 8.37 am
Sabrinas Stimme klingt müde aber auch vergnügt warmherzig freudig entschlossen
(es gibt dort Müdigkeit es gibt Grund zur Freude sie
tragen sich mit Plänen
was hätte ich anderes denken können)
an Julias mobile hing ein Schlüssel und ein kleiner Stofftiger der mir unerträglich wurde in den Minuten in denen ich drei Mal die kurze Nachricht abhörte
dass sie die erste Semesterwoche verpassen würde weil sie mit dem Jungen (Eric, du weißt schon) noch heute im Greyhound-Bus losfahre das erste Mal dass sie so weit mit einem Bus reise sie müsse nur noch kurz mit ihrer Mutter reden
vor deren Büro (vor der Glastür mit der milchtrüben Blende in Bauchhöhe die einen seltsamen Blick auf die Oberkörper und Gesichter dahinter freigab als bewegten sich lebendige Büsten dort) sie jetzt schon stünde sie telefoniere gerade und lege jetzt auf
See you, bye-bye!
Julia (füllig rothaarig mit regenfarbenen verweinten Augen) saß erschöpft vor mir an einem Starbucks-Cafétisch sie wollte mir die letzte Aufzeichnung von Sabrinas Stimme (nicht einmal zwanzig Sekunden) schenken irgendwie übereignen vielmehr aber sie steckte ja nicht in dem fliederfarbenen mobile mit dem Stofftiger und ich konnte ja auch nicht ständig auf ihre Mailbox zugreifen
wenn ich … die letzten Worte … stammelte Julia
nach einer stummen beklemmenden Minute verfielen wir auf die Idee Sabrinas Nachricht mit der Tonaufzeichnung meines Mobiltelefons zu kopieren aber es hatte gar keine solche Funktion also kaufte ich ein kleines Diktiergerät und wir setzten uns auf eine Bank im Central Park und hielten die Geräte gegeneinander
man hört dennoch das ferne Singen einer Amsel (es gibt Gärten dort aber nicht für die Mörder) ich wollte die Aufnahme nicht wiederholen es fiel Seymour aber gar nicht auf als er das kleine silberne Gerät ans Ohr hielt anstatt es lauter zu stellen
acht Minuten
wir brauchten nicht mehr zu recherchieren es war zu unwahrscheinlich die nördlich gelegenen Büros im 94. Stockwerk waren augenblicklich zerstört worden es dauerte nur eine halbe Sekunde bis das Flugzeug nach dem Durchschlagen der Fassade den Kern des Gebäudes mit den Fahrstuhlschächten erreicht hatte eigentlich in das Gebäude hineinschmolz alles in seiner Umgebung und sich selbst zerfetzend verdampfend in höchstens noch faustgroße glühende Stücke riss im Feuerball von 34 000 Litern brennendem Kerosin
es ist der Tod
in einem Atemzug der die Lungen mit Feuer ausfüllt sie hätte ausfüllen können sie aber mitsamt dem restlichen Körper schon zerstört hat bevor du es noch spürst
das Blau jenes klare scheinbar seidige Blau
erscheint an der Kernzone von Flammen der ganze Himmel jenes Tages (in dem ich immer wieder erwache und erwache) wäre so vielleicht besser erklärt als Ausschnitt eines Brands einer Flamme über einem so großen Teil der Welt wo findest du
im September in der Stadt
noch einen Schmetterling
Man gibt mir ein Glas Sekt schließlich
bin ich schon über achtzehn auch ein zweites Glas wird mir nicht schaden so versichert mir mein aufgekratzter strahlender in seinem hellblauen Hemd schwitzender Schwager Kasim das 40 Jahre alte Geburtstagskind das mich und Sami seinen Gästen vorstellt mit der Bemerkung ich würde bald Abitur machen und zwar mit 120 von 100 möglichen Punkten ich trinke
vorsichtig
ich spreche wenig und wenn
dann ebenfalls vorsichtig sag nichts über London das ist das Einzige worum ich dich bitte
mein Vater
bevor er Sami und mich in das rot-weiße Taxi setzte nie würde er zu einem Empfang seiner älteren Tochter gehen und auch Farida ließ sich entschuldigen aber sie war dafür dass ich das leichte hellgrün glänzende Kleid anzog dass sie vor zwei Monaten mit mir kaufte für die Schulabschluss-Feier und für andere großartige Gelegenheiten
wie die Siegesfeierlichkeiten wenn wir Amerika erledigt haben meinte Tarik trocken
wer weiß wann du es wieder anziehen kannst sagte meine Mutter mit Tränen in den Augen und Nadeln zwischen den Zähnen nur noch diese Naht sie hat im Keller schon viele Regale mit Konserven Flaschen und Kanistern gefüllt sie glaubt fest an den Krieg sie wünscht ihn sich fast denke ich sie beschwört ihn herauf
es ist so wohltuend dem alten Haus in Betawiyn für einen Abend entronnen zu sein
obgleich ich auch dort (neuerdings)
dieses schwebende überwirkliche verrückt leichtsinnige Gefühl habe dass mich hier zwischen den festlich angezogenen Menschen überkommt es hat schon damit begonnen dass ich allein mit Sami im Taxi durch die Dunkelheit fuhr vorbei an den Lichtern der Abu Nuwas im Gedränge von hupenden Autos besetzt mit singenden lachenden Menschen drei Hochzeitsgesellschaften dicht hintereinander so ausgelassen als würden sie über den Tigris gleich in ein anderes Land oder Leben fahren erst am Damaskusplatz wurde es ruhiger und im vornehmen Mansur wo wir rasch vorankamen um dann in Andalus vor diesem vierstöckigen modernen Apartmenthaus zu halten ich bin es nicht gewohnt
mit einem Glas Sekt in der Hand in einem kurzärmeligen knielangen Kleid unter Gästen zu stehen
meine Schwester
der schöne Falke mit dem amethystfarbenen Gefieder sticht mich natürlich aus und auch die meisten anderen Frauen in kurzen Kleidern und Kostümen darunter einige mit blond oder rot gefärbten Haaren ich bin plumper kräftiger ungelenker als Jasmin und
schwebe doch
es ist als könnte ich einfach nicht den Boden berühren einmal träumte ich man hätte mich mit Helium gefüllt gewaltsam aber jetzt ist es nur der Sonnen-Auftrieb
Читать дальше