Das Blau
am Morgen es
ist fast ein Jahr her es ist wieder
September
das Ende eines Sommers das wolkenlose Blau schneidet durch die Vorhänge nein dringt durch einen senkrechten Spalt dazwischen es ist natürlich nicht das Blau sondern nur die Helligkeit das weiße Licht das meine geschlossenen Lider trifft die unerträgliche Energie und Brillanz des späten Sommertages immer wieder kommt es mir so vor als erwachte ich
taub (betäubt)
als wäre es möglich dass mich das Licht die Helligkeit das gnadenlos unempfindliche Blau vor allen profanen Geräuschen einholt und mir eine örtliche Betäubung (Betäubung des Ortes) verpasst es scheint mir als erwachte ich
auf einer ungeheuren Fläche dem
Blue Screen mitten im
HEITEREN HIMMEL
ich kann das deutsche Wort nur noch als Drohung denken als blankes zerstörerisches Potenzial aus einem solchen Himmel kann man nur
fallen
wenn man Glück hat in einen Traum das ist das Beste was mir geschehen kann ich höre dann immer noch nichts und schließlich nur ganz leise Wellen und Seevögel und ich erwache am Strand am Morgen in jenem
Traum vom Fragen und Antworten
der wie die Mondsichel geschwungene Sandstreifen bei Rockport der graue Strand die Hunde und Möwen der frische Wind Schlaf in meinen in ihren Augen die immer noch kleinkindhafte weiche Hand in meiner Hand sie ist sechs oder sieben ich kann es nicht mehr unterscheiden kurz nach oder vor Schulbeginn Amanda liegt noch im Bett und wir gehen über den glatten fast unberührten vom Wasser wie mit glänzendem Lack überzogenen Strand die Hand löst sich kurz aus meiner Hand für das Aufheben einer Muschel eines Schneckenhauses eines Steins und kehrt feucht und kühl und sandig wieder zurück putze eine triefende kalte Kindernase es ist
die Zeit der Fragen
in der Stille der kühlen Luft
ich will nur noch
zurück ich will nur noch an diesem Strand sein
das PARADIES
(sagt es den Mördern überschreibt die so genannten Heiligen Bücher schreit es in die Welt)
ist nichts
als eine einzige Szene in der Vergangenheit
die man immer wieder betreten kann
ohne zu wissen dass man hier schon tausendmal war und ohne zu wissen was kommt
sie sieht auf und fragt (es ist wie ein Rausch ein Kinderrausch der Sauerstoff sie kann gar nicht aufhören zu fragen)
Wie ist das Wasser auf die Erde gekommen? — Früher war Eis, dann schmolz es. — Glaubst du an Gott oder an die Urmenschen? — Du meinst die Evolution, dass alles sich aus ganz kleinen Tierchen entwickelt hat in Jahrmillionen Jahren. — Ja, bis die Affen kamen und daraus die Menschen wurden. Glaubst du das? — Ich denke schon. — Aber wird jetzt noch ein Affe ein Mensch, zum Beispiel in einem Zoo? — Nicht so schnell, es dauert sehr lange. — Aber die Menschen waren irgendwann da und wurden aus dem Paradies vertrieben. — So steht es in der Bibel. — Warum wurden auch die Affen und die anderen Tiere vertrieben, die dann auf die Arche kamen? Und die Schlange kam auch auf die Arche, nicht wahr? Weshalb glaubt man dann, sie wäre der Teufel?
um sich das Böse zu erklären glaube ich sage ich einfach so
die Leute suchen
einfache Bilder an die sie sich halten können mit einem Mal
kommen dann die Geräusche im Licht ich öffne die Augen die Hupen das unablässige Brummen dazwischen jaulende Sirenen ein Dröhnen aber nicht jenes ferne Grollen eines Gewitters in einer anderen Stadt eines Steinschlags in einem benachbarten Gebirgszug das Niedergehen der Türme in wenigen Sekunden und die Brandungswelle die es hervorrief bis zur ersten totenstillen Nacht danach in der scheinbar niemand mehr hinausging außerhalb der rauchenden zerwühlten mit gleißenden OP-Lichtern traktierten grau-schwarzen Wunde ich
trete jeden Morgen ans Fenster und starre vom 7. Stock hinab in das
verwickelte alltägliche blinkende Gewirr der Amsterdam Avenue
das einfache Bild
war einmal:
Hasserfüllter Terror erklärt der ZIVILISIERTEN MENSCHHEIT den Krieg
eine Ikone für
Staatsmänner Hand aufs Herz Aufstellung vor Ground Zero Nationalhymne Flagge Heilige Feuerwehr Patriot Act War
against Terrorism
die einfachen die schnellsten die brennenden Bilder vor einem Jahr waren präziser und klarer
TERRORISTSCRASHHIJACKED
AIRLINERSINTOWORLDTRADE-
CENTERPENTAGONSOURCES
«GOOD INDICATIONS «OSAMA
BINLADENINVOLVEDINATTACKS
die unfassbare Wirklichkeit verschmilzt in der Vergangenheit die immer unfassbare Wirklichkeit ist in ihrem monströsen Rahmen ein Trost ich stürzte
aus dem Haus in Amherst es war schon
zersplitterter Nachmittag
schon längst rauchte die Südspitze Manhattans schwarz wie ein von Brandbomben getroffener gigantischer Tanker ich fuhr telefonierte stieg aus um zu telefonieren weil ich nicht mehr weiterkam keinen Empfang hatte zu erregt war um weiter gleichzeitig zu fahren und zu telefonieren immer wieder Bildschirme Radiostimmen Flugzeuge leicht wie Schatten in Hochhaustürme wie in dünne Aluminiumsäulen stoßend erbrochene riesige Feuerbälle Staus Sperren Unfälle ahnungslose Leute dazwischen Telefonzellen an Restaurants Tankstellen Malls um vielleicht weiter zu kommen als mit meinem mobile ich habe nur dieses wahnsinnig machende
SIE SIND DA DRIN
und wusste doch schon dass es jenes DA nicht mehr gab (sein letztes Zeichen und Denkmal jene von Millionen von Papierfetzen und leichten Trümmern nachgezeichneten Kuben die zerrissenen Seelen der Türme weiß nachflimmernd) ich konnte Seymour zunächst nicht mehr erreichen die Mobilfunknetze im Financial District waren zusammengebrochen ich kannte Eric nicht ich traf Mrs Donally nicht an ich hatte zwei Nummern von Amandas Kolleginnen die ebenso wenig antworteten wie sie ich stieß nur auf Besetztzeichen anspringende Anrufbeantworter Mailboxen synthetische Stimmen die mich in Warteschleifen stellten unmittelbar vor dem tiefsten Abgrund
SIE SIND DA DRIN
wochenlang hatte ich Seymours fürchterlichen Satz im Kopf und er endet nicht verlässt mich nicht dieser Satz
ausgesprochen um 10:06 Uhr auf dem Broadway mit Blick auf die getroffenen Zwillingstürme eine Minute vor dem Einsturz des Südturms Seymour hatte aufgelegt bevor er loslief um gleich darauf zu erstarren
zehn Sekunden lang
das Niedergehen einer Lawine völlig irrsinnig ein Ereignis aus einem völlig anderen (geologischen, alpinen) Zusammenhang
eine turmhohe Wolke raste auf ihn zu an den Rändern wie fehlerhaft oder blödsinnig tricktechnisch begrenzt von den harten vertikalen Linien der Hochhäuserblocks dann aber schon
Goyas Titan
genau über dir der dich
zertritt
nein seltsamerweise nur versetzt in
eine ohrenbetäubend rauschende graue und weiße Welt aus der Figuren aus Rauch und Asche stolpern sich erbrechen zu Boden stürzen wie in einen Schaum aus Trümmern so leicht als könnten dich diese zerfetzten scharfkantigen Objekte nicht schneiden als müssten alle die du suchst dir im nächsten Augenblick entgegentaumeln wie diese hustend speiend schreiend aus der Wolke geborenen Banker Hausfrauen Polizisten jemand zerrte ihn in einen Laden schloss die Glastür gerade noch rechtzeitig bevor die nächste Wolkenfront (schwärzer höher eine mit Trümmerteilen gespickte Gewitterladung) heranraste und er wurde schlagartig in die Nacht versetzt zusammen mit fünfzehn Menschen in einem engen Drugstore von Neonröhren angestrahlt wie Fische in einem Aquarium und
so sind sie immer noch da drin in uns wie in einem leuchtenden inneren Aquarium eingeschlossen Amanda Sabrina dem sie nicht entrinnen können das wir mit unserem Fleisch unserer Haut schützen mit unserem letzten
Leben Seymour
ich schaffte es nicht bis nach Manhattan in dieser Nacht ich stand in New Jersey neben meinem Wagen sank nach Stunden in der Dunkelheit auf einem Promenadenweg zu Boden saß an den Vorderreifen gelehnt und starrte über den Hudson weit rechts hätten die Türme stehen müssen ein Konglomerat nur aus Rauch flach züngelndem Licht brodelnder Nacht aufsteigender Wolkentinte das an die glühenden Fensterzeilen der Häusermassive anschloss unter dem flugleeren fahlen Himmel über ganz Amerika dieses komplett ausgeräumte obere Stockwerk ein Himmel wie zu
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