Als der rumänische Polizist uns die Passierscheine für die Heimfahrt aushändigte, hielt ich den Abschied vom Lager in der Hand und schluchzte. Bis nach Hause, mit zweimal umsteigen in Baia Mare und Klausenburg, waren es höchstens zehn Stunden. Unsere Sängerin Loni Mich schmiegte sich an den Advokaten Paul Gast, richtete ihre Augen auf mich und meinte zu flüstern. Doch ich verstand jedes Wort, sie sagte:
Schau, wie der heult, dem läuft was über.
Diesen Satz habe ich mir oft überlegt. Dann habe ich ihn auf eine leere Seite geschrieben. Am nächsten Tag durchgestrichen. Am übernächsten wieder daruntergeschrieben. Wieder durchgestrichen, wieder hingeschrieben. Als das Blatt voll war, habe ich es herausgerissen. Das ist Erinnerung.
Statt den Satz der Großmutter, Ich weiß, du kommst wieder, das weiße Taschentuch aus Batist und die gesunde Milch zu erwähnen, habe ich seitenlang, wie einen Triumph, das Eigenbrot und das Wangenbrot beschrieben. Dann meine Ausdauer im Rettungstausch mit der Horizontlinie und den Staubstraßen. Beim Hungerengel kam ich ins Schwärmen, als hätte er mich nur gerettet, nicht gequält. Darum habe ich VORWORT durchgestrichen und NACHWORT darübergeschrieben. Es war das große innere Fiasko, dass ich jetzt auf freiem Fuß unabänderlich allein und für mich selbst ein falscher Zeuge bin.
Meine drei Diktandohefte habe ich in meinem neuen Holzkoffer versteckt. Er lag unter meinem Bett und war mein Wäscheschrank, seit ich zu Hause war.
Ich bin noch immer das Klavier
Ein ganzes Jahr blieb ich Kistennagler. Ich konnte zwölf Nägelchen auf einmal zwischen die Lippen pressen und gleichzeitig zwölf durch die Finger schnippen. Ich konnte so schnell nageln wie atmen. Der Meister sagte: Du bist begabt, weil du so flache Hände hast.
Es waren aber nicht meine Hände, sondern der flache Atem der russischen Norm. 1 Schaufelhub = 1 Gramm Brot verwandelte sich in 1 Nagelkopf = 1 Gramm Brot. Ich hatte die taube Mitzi, den Peter Schiel, die Irma Pfeifer, die Heidrun Gast, die Corina Marcu im Kopf, die nackt in der Erde lagen. Für den Meister waren es Butterkisten und Auberginenkisten. Für mich kleine Särge aus frischem Fichtenholz. Mir mussten die Nägel durch die Finger fliegen, damit es gelingt. Ich brachte es auf 800 Nägel in der Stunde, das konnte mir keiner nachmachen. Jedes Nägelchen hatte seinen harten Kopf, und bei jedem Nageln war die Aufsicht des Hungerengels dabei.
Im zweiten Jahr schrieb ich mich im Abendlyzeum zu einem Betonierkurs ein. Tagsüber war ich Betonfachmann auf einer Baustelle an der Utscha. Dort habe ich meinen ersten Plan für ein rundes Haus auf Fließpapier gezeichnet. Sogar die Fenster waren rund, alles Eckige glich einem Viehwaggon. Bei jedem Strich habe ich an Titi, den Sohn des Bauleiters, gedacht.
Im Spätsommer kam Titi einmal mit mir in den Erlenpark. Am Parkeingang stand eine alte Bäuerin mit einem Korb Walderdbeeren, feurigrot und klein wie Zungenspitzen. Und jede hatte an ihrem grünen Kragen einen Stiel wie feinster Draht. Hie und da hing auch noch ein dreifingrig gezacktes Blättchen dran. Sie gab mir eine zum Kosten. Ich kaufte für Titi und mich zwei große Stanitzel. Wir spazierten um den geschnitzten Pavillon. Dann lockte ich ihn am Wasserlauf entlang immer weiter durchs Gesträuch bis hinter den Kurzgrashügel. Als wir die Erdbeeren gegessen hatten, zerknüllte Titi sein Stanitzel und wollte es wegwerfen. Ich sagte: Gib es mir. Er streckte mir die Hand hin, ich fasste sie an und ließ sie nicht mehr los. Mit einem kalten Blick sagte er: He. Das war mit Lachen und Reden nicht mehr wegzuwischen.
Der Herbst war kurz und färbte schnell sein Laub. Ich mied den Erlenpark.
Im zweiten Winter blieb der Schnee schon im November liegen. Die kleine Stadt war eingepackt im Watteanzug. Alle Männer hatten Frauen. Alle Frauen hatten Kinder. Alle Kinder hatten Schlitten. Alle waren dick und heimatsatt. In engen, dunklen Mänteln liefen sie durchs Weiße. Mein Mantel war hell und angeschmutzt und viel zu groß. Auch heimatsatt, es war immer noch der abgetragene Mantel von meinem Onkel Edwin. Den Passanten schaukelten die Atemfetzen aus dem Mund und verrieten: Alle Heimatsatten machen hier ihr Leben, aber jedem fliegt es davon. Alle schauen ihm nach, allen schillern die Augen wie Broschen aus Achat, Smaragd oder Bernstein. Auch auf sie wartet eines Tages früh oder bald oder spät Eintropfenzuvielglück.
Ich hatte Heimweh nach den mageren Wintern. Mit mir lief der Hungerengel herum, und er denkt nicht. Er führte mich in die gebogene Straße. Vom anderen Ende kam ein Mann. Er hatte keinen Mantel, sondern eine karierte Decke mit Fransen umgehängt. Er hatte keine Frau, sondern ein Handwägelchen. In dem Handwägelchen saß kein Kind, sondern ein schwarzer Hund mit weißem Kopf. Der Hundekopf nickte locker im Takt. Als die karierte Decke näher kam, sah ich auf der rechten Brust des Mannes den Umriss einer Herzschaufel. Als das Handwägelchen an mir vorbeifuhr, war die Herzschaufel ein versengter Fleck von einem Bügeleisen und der Hund ein Blechkanister mit einem emaillierten Trichter im Hals. Als ich dem Mann nachschaute, war der Kanister mit dem Trichter wieder ein Hund. Und ich war beim Neptunbad angekommen.
Der Schwan auf dem Emblem oben hatte drei Glasfüße aus Eiszapfen. Der Wind wiegte den Schwan, ein Glasfuß brach ab. Auf dem Boden zersplittert war der Eiszapfen grobkörniges Salz, das man im Lager noch klopfen musste. Ich zerstampfte es mit dem Absatz. Als es fein genug zum Streuen war, ging ich durch das offene Eisentor und stand vor der Eingangstür. Ohne zu überlegen, ging ich durch die Tür in die Halle. Der dunkle Steinboden spiegelte wie ruhiges Wasser. Ich sah meinen hellen Mantel unter mir zur Kassenloge schwimmen. Ich verlangte eine Karte.
Die Kassenfrau fragte: Eine oder zwei.
Hoffentlich sprach aus ihrem Mund nur die optische Täuschung, nicht ein Verdacht. Hoffentlich sah sie nur den doppelten Mantel und nicht, dass ich unterwegs war in mein altes Leben. Die Kassenfrau war neu. Aber die Halle erkannte mich, der blanke Boden, die Mittelsäule, die Bleiverglasung am Schalter, die Kachelwände mit dem Seerosenmuster. Der kalte Schmuck hatte sein eigenes Gedächtnis, die Ornamente hatten nicht vergessen, wer ich bin. Meine Brieftasche steckte in der Jacke. Darum griff ich in meine Manteltasche und sagte:
Ich habe die Brieftasche zu Haus gelassen, ich hab kein Geld.
Die Kassenfrau sagte: Macht nichts. Nun ist die Karte abgerissen, zahlst sie nächstes Mal. Ich schreib dich auf.
Ich sagte: Nein, auf keinen Fall.
Sie streckte den Arm aus der Kassenloge und wollte mich am Mantel packen. Ich wich zurück, blies die Backen auf, zog den Kopf ein und schlurfte mit den Fersen voraus an der Mittelsäule knapp vorbei in Richtung Tür.
Sie rief mir nach: Ich hab Vertrauen, ich schreib dich auf.
Erst jetzt sah ich den grünen Bleistift hinter ihrem Ohr. Ich stieß mit dem Rücken an die Türklinke und riss die Tür auf. Ich musste ziehen, die Metallfeder war sperrig. Ich schlüpfte durch den Spalt, die Tür quietschte mir hinterher. Ich hetzte durch das Eisentor auf die Straße.
Es war schon dunkel. Der Schwan auf dem Emblem schlief weiß, und die Luft schlief schwarz. Unter der Laterne an der Straßenecke schneite es graue Federn. Obwohl ich mich nicht von der Stelle rührte, hörte ich meine Schritte im Kopf. Dann fing ich an zu gehen und hörte sie nicht mehr. Mein Mund roch nach Chlor und Lavendelöl. Ich dachte an die Etuba und sprach von einer Laterne zur anderen bis nach Hause mit dem schwindlig fliegenden Schnee. Es war nicht der, in dem ich ging, sondern ein ausgehungerter von weit her, der mich kannte vom Hausieren.
Auch an diesem Abend kam die Großmutter einen Schritt auf mich zu und legte die Hände auf die Stirn, fragte aber:
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