Größere Schätze sind die, auf denen steht, weißt du noch.
Die schönsten Schätze aber sind die, auf denen stehen wird, da war ich.
Da war ich klang aus seinem Mund wie Towarischtsch. Da war ich schon vier Tage nicht rasiert. Im Spiegel des Verandafensters fuhr die schwarzbehaarte Hand von Oswald Enyeter mit dem Messer durch weißen Schaum. Und hinterm Messer lief mir ein Hautstreifen wie ein Gummiband vom Mund zum Ohr. Oder war es damals schon das lange Schlitzmaul, das wir vom Hunger hatten. Der Vater konnte so ahnungslos von den Schätzen reden wie Tur Prikulitsch, weil sie beide noch nie ein Hungermaul hatten. Und die Fliege auf dem Brotmesser kannte die Veranda so gut wie ich die Rasierstube. Sie flog vom Brotmesser auf den Schrank, vom Schrank auf meine Brotscheibe, dann auf den Tellerrand und von dort zurück aufs Brotmesser. Jedesmal hob sie steil ab, kreiste mit Gesang und landete stumm. Auf den feingelochten Messingdeckel des Salzstreuers setzte sie sich nie. Jetzt wusste ich auf einmal, wieso ich den Salzstreuer seit meiner Heimkehr noch nie benutzt habe. In seinem Deckel blitzten die Messingaugen von Tur Prikulitsch. Ich schlürfte die Suppe, und die Mutter horchte, als würde ich den Brief aus Wien noch einmal lesen. Auf dem Brotmesser glänzte der Bauch der Fliege mal wie ein Tautropfen, mal wie ein Teertropfen, wenn sie sich drehte.
Tau und Teer und wie sich die Sekunden ziehen, wenn die Stirn über der Schnauze schräg gespalten ist. Hasoweh, aber wie geht eine ganze Krawatte in Turs kurzes Maul.
Nach der Arbeit ging ich den umgekehrten Heimweg vom anderen Ende der Wohnstraßen über den Großen Ring. Ich wollte in der Dreifaltigkeitskirche nachsehen, ob es die weiße Nische und den Heiligen mit dem Schaf als Mantelkragen noch gibt.
Auf dem Großen Ring stand ein dicker Junge in weißen Kniestrümpfen, kurzer Pepitahose und weißem Rüschenhemd, als wäre er von einem Fest weggelaufen. Er zerrupfte einen weißen Dahlienstrauß und fütterte die Tauben. Acht Tauben glaubten, auf dem Pflaster liegt Brot, pickten an den weißen Dahlien und ließen sie liegen. In Sekunden vergaßen sie alles, ruckelten mit den Köpfen und fingen wieder zu picken an, wieder an denselben Blüten. Wie lange glaubte ihr Hunger, aus Dahlien wird Brot. Und was glaubte der Junge. War er gerissen oder so dumm wie der Hunger der Tauben. An die Täuschung des Hungers wollte ich nicht denken. Wenn der Junge Brot gestreut hätte statt zerrupfter Dahlien, wäre ich gar nicht stehengeblieben. Auf der Kirchenuhr war es zehn vor sechs. Ich ging schnell über den Platz, falls die Kirche um sechs geschlossen wird.
Da kam mir die Trudi Pelikan entgegen, zum ersten Mal seit dem Lager. Wir sahen uns zu spät. Sie ging am Stock. Weil sie mir nicht mehr ausweichen konnte, legte sie den Gehstock aufs Pflaster und bückte sich zu ihrem Schuh. Der war aber gar nicht offen.
Beide waren wir jetzt seit mehr als einem halben Jahr in derselben Stadt wieder daheim. Uns zuliebe wollten wir uns nicht mehr kennen. Daran gibt es nichts zu verstehen.
Ich drehte schnell den Kopf weg. Aber wie gerne hätte ich sie in den Arm genommen und gesagt, dass ich einverstanden bin mit ihr. Wie gerne hätte ich gesagt: Es tut mir leid, dass du dich bücken musst, ich brauche keinen Gehstock, das nächste Mal kann ich das für uns beide tun, wenn du mich lässt. Ihr Gehstock war poliert und hatte unten eine rostige Kralle und eine weiße Kugel oben am Griff.
Statt in die Kirche ging ich scharf links in die schmale Straße, aus der ich gekommen war. Die Sonne stach mir im Rücken, die Hitze lief mir unterm Haar auseinander, als wäre mein Kopf kahles Blech. Der Wind zog einen Teppich aus Staub, in den Baumkronen war ein Gesang. Dann stellte sich ein Staubtrichter auf den Gehsteig und taumelte durch mich hindurch, bis er zerrissen war. Als er sich fallenließ, wurde das Pflaster schwarz getupft. Der Wind brummte und warf die ersten Tropfen. Das Gewitter war da. Es rauschten Glasfransen und auf einmal peitschten Wasserstricke. Ich floh in ein Papiergeschäft.
Beim Eintreten wischte ich mir mit dem Ärmel das Wasser aus dem Gesicht. Die Verkäuferin trat aus einem Türchen mit Vorhang. Sie trug heruntergetretene Filzschuhe mit Quasten, als wachse ihr an jedem Fuß ein Pinsel aus dem Rist. Sie stellte sich hinters Pult. Ich blieb neben der Vitrine stehen und schaute eine zeitlang mit einem Auge zu ihr, mit dem andern hinaus. Jetzt war ihre rechte Backe dick geschwollen. Ihre Hände lagen auf dem Pult, ihr Siegelring, für diese Knochenhände war er viel zu schwer, ein Herrenring. Ihre rechte Backe wurde flach, sogar hohl, und die linke wurde dick. Ich hörte, wie ihr etwas an die Zähne klackte, sie lutschte einen Bonbon. Kurz hintereinander schloss sie die Augen, und ihre Augendeckel waren aus Papier. Sie sagte: Mein Teewasser kocht. Sie war im Türchen verschwunden, und im selben Augenblick schlüpfte eine Katze unterm Vorhang heraus. Sie lief auf mich zu und schmiegte sich an meine Hose, als würde sie mich kennen. Ich nahm sie auf den Arm. Sie hatte kein Gewicht. Es ist gar keine Katze, sagte ich mir, nur die Verpelzung der graugestreiften Langeweile, die Geduld der Angst in einer schmalen Straße. Sie roch an meinem nassen Rock. Ihre Nase war ledrig und gewölbt wie eine Ferse. Als sie die Vorderpfoten auf meine Schulter stellte und mir ins Ohr schaute, atmete sie gar nicht. Ich drückte ihren Kopf weg, und sie sprang auf den Boden. Beim Springen gab es kein Geräusch, sie kam auf den Boden wie ein Tuch. Sie war innen leer. Auch die Verkäuferin kam mit leeren Händen aus dem Türchen. Wo war der Tee, so schnell konnte sie ihn nicht getrunken haben. Außerdem war jetzt wieder ihre rechte Wange dick. Ihr Siegelring kratzte auf dem Pult.
Ich verlangte ein Heft.
Rechen- oder Diktandoheft, fragte sie.
Ich sagte: Diktando.
Haben Sie kein Kleingeld, ich kann nicht wechseln, sagte sie und schlürfte dabei. Und beide Wangen wurden hohl. Der Bonbon glitt ihr aufs Pult. Er war durchsichtig gemustert, sie stopfte ihn rasch in den Mund. Es war gar kein Bonbon, sie lutschte einen geschliffenen Glastropfen von einem Kronleuchter.
Am nächsten Tag war Sonntag. Ich fing an, in das Diktandoheft zu schreiben. Das erste Kapitel hieß: VORWORT. Es begann mit dem Satz: Wirst du mich verstehen, Fragezeichen.
Mit dem Du meinte ich das Heft. Und es ging auf sieben Seiten um einen Mann mit dem Namen T. P. Und um einen mit dem Namen A. G. Und um einen K. H. und einen O. E. Um eine Frau mit dem Namen B. Z. Der Trudi Pelikan gab ich den Decknamen SCHWAN. Den Namen des Werks Koksochim Zavod und den Kohlebahnhof Jasinowataja habe ich ausgeschrieben. Auch die Namen Kobelian und Planton-Kati. Auch ihren kleinen Bruder Latzi habe ich erwähnt und ihren hellen Moment. Das Kapitel endete mit einem langen Satz:
In der Früh nach dem Waschen löste sich ein Tropfen aus meinen Haaren und lief mir wie ein Tropfen Zeit die Nase entlang in den Mund, am besten lasse ich mir einen trapezförmigen Bart wachsen, dass mich niemand mehr in der Stadt erkennt.
In den nächsten Wochen habe ich das VORWORT verlängert, drei Hefte lang.
Dass die Trudi Pelikan und ich schon auf dem Heimtransport ohne Absprache in verschiedene Viehwaggons gestiegen sind, habe ich unterschlagen. Meinen alten Grammophonkoffer habe ich weggelassen. Meinen neuen Holzkoffer, meine neuen Kleider habe ich genau beschrieben: die Ballettki, die Schimmimütze, das Hemd, die Krawatte und den Anzug. Meinen Weinkrampf bei der Heimkehr, bei der Ankunft im Auffanglager in Sighetul Marmat¸iei, dem ersten rumänischen Bahnhof, habe ich verschwiegen. Auch die einwöchige Quarantäne am Gleisende des Bahnhofs in einem Güterdepot. Ich brach innerlich zusammen aus Angst vor der Verschickung in die Freiheit und ihrem allernächsten Abgrund, der den Weg nach Hause immer kürzer machte. Ich saß in meinem neuen Fleisch und den neuen Kleidern mit leicht geschwollenen Händen zwischen dem Grammophonkoffer und dem neuen Holzkoffer wie in einem Nest. Der Viehwaggon war nicht plombiert. Jetzt wurde die Tür weit aufgestoßen, der Zug rollte in den Bahnhof von Sighetul Marmat¸iei ein. Auf dem Bahnsteig lag dünner Schnee, ich ging über Zucker und Salz. Die Pfützen waren grau zugefroren, das Eis zerkratzt wie das Gesicht von meinem angenähten Bruder.
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