«Später, wenn du erwachsen bist«, mahnte ein Freund,»wirst du das anders sehen. Die Vernunftlosigkeit der Geschöpfe, denen du da zuschaust, ist überhaupt nicht lustig. «Feuer ahnte, was gemeint war: Sie wußten nicht, was sie wollten, wußten nicht, was sie sollten, wußten nicht, was sie konnten und was ihnen unmöglich war.
Feuer beobachtete einen Menschen dabei, wie der zeigte, daß er nicht denken konnte. Offenbar besaß er nichts, wozu er, wie Feuer zu sich, hätte» ich «sagen können, sondern nur Triebe, die ihn zum Beispiel dazu brachten, Dinge vom Tisch zu nehmen, der vor ihm stand, und daran zu riechen.
Es gab nichts, was in ihm sagte:»Hm, was ist das?«Nur einen Appetit, der an dem Geruch lutschen wollte, und ein Abwarten im Blick, ob wohl die Zunge daran lecken würde, und eine Hoffnung, daß er, wenn die Zunge wirklich dran lecken sollte, vielleicht darauf herumkauen konnte. Er nahm also etwas an sich, das nicht eßbar war, und dann kaute er darauf herum, und dann spuckte er es aus. Danach beugte er sich darüber und ließ die Nase noch einmal überprüfen, ob das ein Ding war, das sich vielleicht lohnte. Es roch gut. Der Mund schnappte es sich wieder, kaute und ließ es fallen. Der Mensch konnte das vier- oder fünfmal machen, ohne zu einem Schluß zu kommen. Andere Menschen auf den lichtbelebten Oberflächen taten ähnliches; ganz heillos. Schnüffeln, kauen, spucken.
Feuer lachte.
Der älteste unter den Freunden mit Fell knurrte; er fand die Heiterkeit des Prinzen einen schlechten Platzhalter für Furcht, Schrecken und Mitleid.
Da saß ein Mensch mit verklebtem Haar, hängenden Brüsten und ging schaurig um mit etwas, das auf dem Tisch lag —»Präg es dir ein, das Dokument der Narrheit, Nacktheit, Gewalt, des Leidens der Menschen, die nach ihrer Wiedergeburt auf Befehl der schlimmen Hebamme Katahomenleandraleal keine Sprache mehr hatten und keine Welt. «Der Mensch, der da ein nicht fertig geborenes Menschenjunges, das gestorben war, beschnüffelt hatte und bekaut, besaß weniger Verstand als die Läuse, die sich einmal, während eines langen Herbstes, in Feuers Haar und Rückenpelz festgesetzt hatten und von den Freunden mit Fell nur unter großen Mühen daraus entfernt worden waren.
Feuer zog die Brauen kraus: Wenn das nicht lustig war, was war es dann?
5. Von Myxamobae zu Myxamobae
«Gibt es noch Menschen? Wo sind sie? Woher werden sie kommen, wenn sie mich töten wollen?«wollte Feuer wissen.
«Auf der alten Welt, von der alles kommt, was du kennst. Ich vermute, sie sind dort wieder viele, nachdem sie einmal fast ganz ausgerottet gewesen waren«, sagte eine junge Freundin mit Fell.
«Warum waren sie fast ganz ausgetrottet?«fragte Feuer.
Die Freundin führte Feuer zur kleinsten lichtbelebten Oberfläche in Feuers Zuhause. Die war zwar längst nicht so hochauflösend wie jene in den alten Schiffen, man konnte damit indes einiges zeigen.
Zunächst aber blieb sie blind. Die Freundin erklärte:»Die allerersten Mutmaßungen, als es… geschehen war und die Menschen fast… vertilgt waren, gingen dahin, daß die Menschen vielleicht keine Liebe gehabt hätten. Keinen Zug zum Schönen, keine… Aber die Forschung ergab, daß das Schöne, und der Mangel am Schönen, bei den Menschen ganz dieselben Empfindungen und… Bewegtheiten wie bei uns ausgelöst hat, wie überhaupt bei allen, die Sprache haben: den Drang zur Schöpfung, das Bemühen um den Erhalt, die Wertschätzung, das Verlangen, die Lust am Erwerb, sogar die Lust an der Zerstörung, denn die Werte selbst haben ja ein Magnetfeld um sich, das auch die Zerstörung anzieht.«
«Wenn es aber der Mangel an Liebe nicht gewesen ist, was die Menschen hat scheitern lassen, wie haben…«
Die Freundin zeigte mit der Tatze auf die lichtbelebte Oberfläche und sagte:»Hier, sieh. Das dort, dieses Blasige, ist ein Schimmelpilz.«
«Sieht aus wie Schleim«, sagte Feuer. Die Freundin leckte sich mit der langen Zunge über die Nase, setzte sich auf einem Holzschemel zurecht und sagte:»Ist es auch. Eine sehr besondre Sorte. Der alte Name lautet dictyostelium discoideum . Hochinteressanter Lebenszyklus, paß nur auf. Siehst du?«
Die Farben auf der Oberfläche waren fahl; was da so seltsam lebte, wirkte wie zerkocht.
«Die Menschen«, fuhr die Freundin mit wollig warmer Stimme fort,»haben das hier erst sehr spät entdeckt, gegen Ende ihrer Herrschaft über die belebte Welt. Verstanden haben sie es nie. Jetzt, schau hin, die Vergrößerung: Das ist die vegetative Phase des Lebenszyklus bei diesem Schimmel. Einzelne Zellen. Ein zufälliges Kollektiv unverbundener Monaden.«
«Sieht aus wie, ich weiß nicht… Amöben?«Er dachte an die Lektionen des Vaschen.
«So in etwa, ja. Die Menschen nannten es Myxamobae. Sie fressen Bakterien. Solange es welche gibt, wachsen die Zellen und vermehren sich. Aber jetzt, schau — wir nehmen ihnen die Nahrung weg. Gib acht.«
«Hmmja. Oh… he! Was ist denn das? Die… diese Einzeller schuscheln aufeinander zu. Schieben sich… sie verklumpen. Matschen aneinander.«
«Ja. Eigenartig, nicht? Sie bilden eine andre Masse. Gewebegleich. Die Menschen nannten das Pseudoplasmodium.«
«Das… das bewegt sich von allein! Es… ist das ein neues, eigenständiges Lebewesen?«
«Schwer zu sagen. Einzeller, die sich organisieren… wie nenne ich das Ergebnis am besten? Ich kann es beobachten, dann erkenne ich schnell: Es sucht ganz offensichtlich wirklich selbständig nach Nahrung. Eine winzig kleine Schnecke. Sie wird vom Licht angezogen, sie achtet auf Temperaturunterschiede, auf Feuchtigkeit…«
«Besorgt… besorgt sich was zum Fressen. Wie wir.«
«Ganz recht. Hier, und jetzt… jetzt beschleunigen wir das. Da, eine neue Nahrungsquelle. Sie frißt. Und dann…«
«Noch 'ne Veränderung! Das… was wird's jetzt, eine Pflanze? Stiel, Stengel, und oben eine Art Frucht…«
«Eine Sporenkapsel. Und wenn die Sporen ausgeschüttet werden, beginnt der Zyklus neu. Wir sehen, ausgestreut…«
«Wieder Myxamobae. Frische Einzeller.«
«Richtig. Verstehst du?«Feuer grübelte einen stillen Augenblick lang.
Dann sagte er:»Weil sie so was nicht konnten. Die Menschen. Deshalb ist ihnen passiert, was ihnen passiert ist.«
Die Freundin schüttelte den Kopf:»Nein, Unsinn. Nicht, weil sie keine Schnecke bilden konnten. Sondern weil sie's, ohne dazu gerüstet zu sein, dauernd versucht haben. Eine Verwechslung: Personen sind keine Myxamobae, egal, ob sich's um Menschen, um Gente, um dich oder mich handelt.«
Die Oberfläche erblindete. Die» große Wabbelwahrheit«, von der Wempes abfällig gesprochen hatte, dachte Feuer: Die Menschen haben sie auch verpaßt.
Die Freundin sagte:»Es kommt nicht darauf an, herauszufinden, was das Leben eigentlich ist. Es kommt nur darauf an, was man damit anfängt.«
Feuer nahm sich's zu Herzen, das heißt, er bat den Vasch fortan, ihn nur noch praktische, Feuers eigenen Körper betreffende Dinge zu lehren, von denen Wempes wußte, weil er sich mit Feuers Physiologie auskannte wie niemand sonst.
Feuer erfuhr also, wie er seinen Urin mit seiner chemisch sehr ungewöhnlichen Spucke an der Sonne zu etwas reagieren lassen konnte, das sich wieder trinken ließ, so daß er auf langen Märschen im Heißen trotz Schweiß und Verdunstung weniger Flüssigkeit verlor. Feuer lernte, wie er mit offenen Augen schlafen konnte und erst erwachen mußte, wenn diese Augen etwas sahen, das sein Hirn beachten wollte. Feuer verstand, wie er seine Gliedmaßen, Arme und Beine, für eine begrenzte Zeit strecken oder stauchen konnte.
«Ich bin seltsam«, sagte Feuer, als er das alles verstanden hatte.
Der Vasch widersprach nicht.
6. Große und kleine Maschinen
«Und die Maschinen?«
«Du kennst genügend Maschinen. Du könntest nicht atmen, nicht trinken und essen, wenn es keine gäbe — auch wenn du selten welche aus der Nähe siehst.«
Читать дальше