Fast alle Wespen waren unterdessen Richtung Landers fortgezogen.
Die Libelle Philomena hörte, während sie sich Izquierdas Film ansah, die Arbeiterinnen und Arbeiter, Molche und Erdmäuse bei der Arbeit lachen, auch singen, Witze reißen. Das hatte es früher nicht gegeben, in der ersten Zeit nach der Befreiung. Jetzt arbeitete man heiter; das war gut.
Es wurde überhaupt alles immer besser, bald sollte man vom Sonnenlicht allein leben können.
«Die Menschen«, fuhr die beste Freundin der Libelle fort,»haben das, was du hier siehst, erst spät entdeckt, gegen Ende ihrer Herrschaft. Verstanden haben sie es nie. Jetzt — schau hin, die Vergrößerung: Das ist die vegetative Phase des Lebenszyklus. Einzelne Zellen. Ein zufälliges Kollektiv unverbundener Monaden.«
«Sieht aus wie, ich weiß nicht… wimmelnde Amöben?«
«So in etwa, ja. Die Menschen nannten es Myxamobae. Sie verputzen Bakterien. Solange es welche gibt, solange für diese Art Nahrung gesorgt ist, wachsen die Zellen und vermehren sich. Aber jetzt, schau — wir nehmen ihnen die Wimmelchen weg.«
«Hmmja. Oh… he! Was ist denn das? Die… diese Einzeller schuscheln und zittern aufeinander zu. Schieben sich… sie verklumpen. Matschen aneinander.«
«Ja. Eigenartig, nicht? Sie bilden eine andre Masse. Gewebegleich. Die Menschen nannten das Pseudoplasmodium.«
«Es bewegt sich von allein! Ich kann… ist das ein neues, eigenständiges Lebewesen?«
«Schwer zu sagen, Liebste. Einzeller, die sich organisieren… wie nenne ich das Ergebnis? Ich kann's beobachten, dann erkenne ich schnell: Es sucht ganz offensichtlich selbständig nach Futter. Eine winzig kleine Schnecke. Sie wird vom Licht angezogen. Sie achtet auf Temperaturunterschiede, auf Feuchtigkeit…«
«Besorgt sich was zum Fressen. Wie wir.«
«Ganz recht. Hier, und jetzt beschleunigen wir den Prozeß. Da, eine neue Nahrungsquelle. Sie frißt. Und dann…«
«Noch 'ne Veränderung! Was wird's jetzt, eine Pflanze? Stiel, Stengel, oben eine Frucht…«
«Eine Sporenkapsel. Und wenn die Sporen ausgeschüttet werden, beginnt der Zyklus von neuem. Wir sehen, weit ausgestreut…«
«Wieder Myxamobae. Frische Einzeller.«
«Richtig. Verstehst du?«

Die Libelle dachte einen stillen Augenblick lang nach. Die Facetten ihrer Augen leuchteten kribblig dabei, als wären sie winzige Sender von Lichtnachrichten. Dann sagte sie:»Weil sie so was nicht konnten. Die Menschen. Deshalb ist ihnen passiert, was ihnen passiert ist. Deshalb haben wir sie überwunden. Weil sie nicht konnten, was die Myxamobae…«
Izquierda stellte die Ohren auf und schüttelte den Kopf:»Unsinn. Was sie besiegt hat, war nicht, daß sie keine Schnecke bilden konnten. Sondern daß sie's, ohne dazu gerüstet zu sein, dauernd versucht haben. Eine Verwechslung: Personen sind keine Myxamobae, egal, ob sich's bei den Personen um Menschen oder um Gente handelt.«
Der Film erlosch.
Die Libelle lachte leise; sie hatte verstanden.
Eine schlimme Erlösung war auf den Weg gebracht.
3. Kurz vor Esprit
Der Wind hatte sich hinter gekalkten Kühlwänden im Rücken riesiger Archivkathedralen zur Ruhe gelegt. Es war kein Akt des Protests; bloß das angemessene Verhalten für den inzwischen auf Jahrhunderte ausgedehnten Nachmittag des kostspieligen Friedens zwischen Natur und Vernunft.
So lange nach der Befreiung wollten alle nur noch ihre Ruhe — Gente, überlebende Menschen, alle, die Sprache hatten. Jedenfalls dachten sie das. Denken ist aber nicht Handeln; ein Wind weiß das.
In den Blechdosen rund um die Mündungen rostiger Regenrohre kicherten Knüttelfeuerchen. Die schmalen Wölfe küßten Schwäne, streichelten ihre Federn mit feuchten schwarzen Schnauzen und schliefen bei ihnen, wenn der Mond unverschämt pink über den Dachfirsten von Kapseits stand.
Niemand hatte vor Zähnen und Krallen noch Angst; Rudimenten von Unhöflichkeiten, die während der Langeweile vielleicht ihren kriegerischen Sinn gehabt haben mochten, jetzt aber zu nichts mehr taugten. Aus Rüstung wurde schließlich Schmuck, aus Schmuck bloße Schrulle.
Dachsbataillone versahen den Wachdienst an Grenzen, die allmählich keine mehr waren.
Sie patrouillierten gemächlich in den wenigen noch unzureichend befriedeten Außenbezirken, tatzten hier hin, rügten dort. Selektion hielt den Primat auf allen Schauplätzen. Gezinkte Riechzeichen, in Pherinfonen verschlüsselt, von Interferonen und Interleukinen getragen, sprachen den neuen Staat bis ins kleinste Gesetz aus, als großen Text aller lebenden Leiber. Es entstand so eine Ordnung, die zufrieden damit war, müde vor sich hin zu glänzen.
Gelassenes Schnuppern der Gente: Was wußten eigentlich Salbei, Flieder, schwarzer Holunder, Haschisch, Urin vom Menschenerbe, was wußten Bärlauch, brennender Reifengummi, metallischer Blutgeruch? In vielen tausend Liederblüten wartete böser Spätsommer, daß seine Stunde käme.
Was dachten hier die letzten Menschen?
Die dachten, weil sie kaputte Köpfe hatten: Kann nicht sprechen. Kann nicht reden. Kann nicht tun, was Gente wollen. Kann mich nicht verstecken. Kann nicht des Löwen Meinung ändern. Muß leben mit meiner Seele, die ist innen festgenäht. Kann nicht sprechen. Kann nicht reden. Kann nicht innehalten für meine Sache, die sich dreht, die schlingert und fällt, oder für Liebe. Ich hab ihnen alles darüber gesagt, was ich zu sagen hatte. Kann nicht reden, denn ich bin bereits verloren. Kann nicht denken. Kann nicht weinen. Warte stets auf meinen Selbstmord. Es ist so schwer. Ich kann es nicht vergessen. Ich werde mich auflösen, denn ich bin bereits tot. Kann nicht denken. Kann nicht träumen. Ist mir egal, ob ich lebe oder sterbe. Sprich nicht zu mir. Kann es nicht glauben. Ich werde mich auflösen, weil ich bereits tot bin. Kann nicht denken. Kann nicht träumen. Glaub nichts von dem, was ich sehe. Ich will's nicht haben. Ich muß hier weg, oder ich werde es bereuen. Kann nicht sprechen. Kann nicht lügen. Kann nirgendwo hingehen. Kann nicht denken. Kann nicht weinen. Denke stets an einen Selbstmord. Zitat Ende, Knochenschädel, Vater Danzig, Hafen in Flammen, Nummer Vier Schwarz. Gute Nacht. Gute Nacht. Gute Nacht. Shantih Shantih Shantih.
Die öffentliche Vorbereitung auf Esprit, den höchsten Feiertag der Hunde, zog als unfertige Freude in Spruchbändern, Umzügen, kleinen Krawallen um die Häuser.
Kleinste Welpen wollten mittun, ihre bunten Augen wurden feucht. Die schlappen Ohren der Älteren zitterten in einer aufziehenden bewegten Hitze, die aus unsicherer Zukunft herüberwehte.»Apokalypse«, sagten die Pherinfone, war der Name der Stunde, aber nicht die Nachricht vom Ende der Welt, sondern die von ihrem Anfang. Noch hatte die Schöpfung gar nicht begonnen; der Löwe würde alle unterrichten, wenn es soweit wäre.
Die Welpen spielten und sangen:»Wo steckt der Fuchs? Wo ist Ryuneke Nirgendwo, Ryuneke Überall? Wo steckt der Fuchs?«
Die Eltern, die das hörten, fürchteten sich heimlich vor den Kleinen.
Viele Gente, nicht nur die Hunde, erinnerten sich lebhaft ans Lösegeld, ans Tauschverfahren, an die ganze Kriegsökonomie der ersten Befreiungszeit, ans Wirtschaften im Medium stehender Wellen zeitoffener Prozesse. Die Rechnungen waren geschrieben, der Fuchs würde früher oder später kassieren, was ihm gehörte.

Die florifaunische Zivilisation machte sich derzeit einen Widerspruch zur Hauptgrundlage ihres politischen Lebens:»Wißt ihr«, fragten die Lehrerinnen schlau,»daß gerade und krumm unter Umständen dasselbe sein können?«
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