Gustav Freytag - Die Ahnen

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»Hörtest du nicht, was viele wissen?« antwortete Gertrud, »das Grafengericht hat über ihn gesessen. Wenn sie ein Urteil gegen ihn gefunden haben, so mögen dir‘s andere künden, nicht ich.«

»Wo ist Wolfram?« rief Walburg. »Täglich habe ich nach ihm ausgesehen, aber verlassen liegt der Rabenhof.«

»Es geht dort still her,« antwortete Gertrud, »die Knechte und Mägde haben sich verzogen.«

»Wer füttert sein Vieh?« fragte Walburg schnell.

»Vielleicht, daß Wolfram noch dort verstohlen haust. Ist es dir Ernst, den Mann des Verschwundenen zu sehen,« fuhr sie leiser fort, »so will ich dir dazu helfen.«

»Schaffe ihn her«, bat Walburg angstvoll.

»In den Hof wagt er sich schwerlich, weil die Reisigen des Grafen um das Tor lauern. Da du jetzt in das Freie gehen darfst, so komm mit vor das Tor, doch verrate mich nicht, wenn ich dir helfe; denn was verstehen die Priester davon, wenn zwei einander liebhaben, sie werden klug tun, sich gar nicht darum zu kümmern«, und sie schwenkte ihren großen Sahnlöffel ohne Ehrfurcht gegen die Schule, in welcher Gottfried lehrte.

Als die Mädchen vor das Tor traten, sahen sie einen Haufen Volkes, wie er sich jedesmal sammelte, wenn der Bischof von einer Reise zurückerwartet wurde. Neben den Reisigen standen Arme und Kranke, welche sich Almosen und Heilung begehrten, Christen aus der Umgegend, die Segen oder guten Rat ersehnten. Seitwärts aber hielten Krieger in fremder Slawentracht; mit Abscheu erkannte Walburg die Mützen und den Pferdeschmuck der Sorben, unter ihnen den Weißbart aus dem Gefolge des Ratiz, stattlich angetan in langem Tuchrock mit glänzendem Schwertgürtel. Der Alte nahte den Frauen mit tiefen Verbeugungen und begann, die Pelzmütze in der Hand drehend: »Ganz gut gelang, wie ich merke, den Frauen die Fahrt über den Sorbenbach.« Walburg bezwang ihren Widerwillen, als sie antwortete: »Auch eure Reise zum großen Frankenherrn glückte in Frieden, soweit ich sehe.«

»Das Geleit deines Herrn des Bischofs war kräftig, wir sind wohlbehalten bis hierher zurückgekehrt. Aber mir ist damals vieles verbrannt, als ihr von uns wichet, und dem Alten tut eine Hilfe not.«

»Wir sahen auf der Fahrt die Röte, wenn wir uns rückwärts wandten.«

»Stroh brennt so leicht als Schindeln«, versetzte der Alte freundlich und blickte über die Holzdächer des Hofes. »Aber meine Landsleute bauen schnell, kommst du das nächste Mal zu uns, so findest du neue Strohdächer.«

»Nimmermehr begehre ich euer Dorf zu schauen«, rief Walburg in ehrlichem Abscheu.

»Möge dir alles werden wie du es begehrst,« antwortete der Weißbart demütig, »auch mir wäre lieb, wenn die Jungfrau dem Väterchen zu seinem Recht verhelfen wollte. Held Ingram, welcher unseren Banden entfloh, hatte, da er noch frei war, aus guter Meinung mir ein Stück rotes Tuch gelobt, damit ich ihm bewillige, dich zu sprechen. Ich habe es bewilligt; nach dem Tuche sehne ich mich noch. Dem Mann ist es seither auch hier übel gelungen, ich aber möchte nicht, daß sein Gelöbnis gegen mich unerfüllt bliebe. Vermag die Jungfrau mir zu meinem Rechte zu helfen, so wäre mir‘s lieb.«

»Ist Ingram um meinetwillen dir etwas schuldig, so will ich sorgen, wenn er es nicht vermag, daß du deine Gebühr erhältst«, antwortete Walburg und entwich dem beredten Danke des Sorben.

Die Mädchen gingen bis zu dem Vorsprung des Waldes, der sich nahe an die Wegscheide erstreckte, dort gebot Gertrud ihrer Gefährtin niederzusitzen, sie selbst breitete ein weißes Tuch am Saum des Gehölzes und wandelte als wenn sie Kräuter suchte am Holz entlang, bis sie langsam zu ihrer Gefährtin zurückkehrte. »Ist er im Hofe, so kommt er; harre, ob er das Zeichen sieht.«

Nicht lange saßen die Mädchen, vor den Blicken aus ihrem Hofe gedeckt, da schritt Wolfram aus dem Rabenhof in das Holz und wand sich hinter dem Baumland zu ihnen. Walburg eilte ihm entgegen. »Wo ist Ingram?«

»Er heißt nicht mehr Ingram, Wolfsgenoß nennen ihn jetzt die Leute, friedlos haben sie ihn gemacht wie ein Wildtier des Waldes.« Walburg rang die Hände. »Es freut mich, daß du seiner gedenkst,« fuhr Wolfram fort, »denn in dem Hofe, aus welchem du kommst, sinnen sie ihm nichts Gutes. Seinetwegen saßen die Alten unter den drei Linden um den Grafenstuhl. Ich stand an ihrem Gehege und es war ein bitterer Tag. Der Hauptmann des Grafen trat in den Ring und erhob die Klage, laut riefen sie den Namen meines Herrn gegen Hof, Acker und Weide. Aber er selbst antwortete nicht, sondern Bruno als sein nächster Freund trat für ihn in den Ring. Dreimal gab er Antwort auf die Klage und dreimal berieten die Landgenossen. Nach dem dritten Rat fiel der Spruch: Da mein Herr den Frieden des Frankenherrn und des Volkes durch die Schwerthand gebrochen habe, so solle er fortan Frieden haben wie der Wolf, wo ihn kein Auge sieht und kein Ohr hört. Und bei den Wölfen haust jetzt der Friedlose.«

Walburg schrie auf, Wolfram aber fuhr kummervoll fort: »Sie sagen, daß der Spruch ganz mild war, den Hof haben sie ihm nicht verbrannt, Bruno hat unterdes die Hand darübergelegt; und ehrlos haben sie ihn auch nicht gemacht, wohl möglich, daß ihn die wilden Tiere zu ihrem König wählen.«

»Wo weilt er selbst?« rief Walburg.

Wolfram sah sie bedeutsam an: »Vielleicht im wilden Wald, vielleicht unter hartem Stein, aus dem Licht der Sonne ist er geschwunden.«

Walburg winkte heftig ihrer Begleiterin zurückzuweichen und sprach leise: »Ich hoffe, er reitet namenlos im Frankenheere.«

»Ich hoffe nicht«, versetzte Wolfram.

»Du birgst ihn in seinem Hofe.«

»Sein Dach schützt ihn nicht mehr vor fremden Spähern.«

»Dann bekenne mir, wo er ist, Wolfram, bei deiner Seele und Seligkeit beschwöre ich dich«, rief sie feierlich.

»Für meine Seele und Seligkeit wünsche ich Günstiges,« versetzte Wolfram, »aber ich weiß nicht, ob sie gedeihen werden, wenn ich meinen Herrn verrate. Dennoch erkenne ich, daß ich allein ihm nicht zu helfen vermag. Willst du mir versprechen, daß du geheim bewahrst, was ich dir künde, so sollst du erfahren, was ich selbst weiß.« Walburg machte ein Kreuz und reichte ihm die Hand. »Unter den Urstämmen im wilden Wald wissen mein Herr und ich einen hohlen Baum, in dem wir Weidgerät und was man sonst für Waldfahrt bedarf zu bergen pflegen, wie Brauch der Jäger ist. Dorthin trug ich ihm am Morgen, nachdem er entwichen war, sein Jagdzeug, Waffen und Kleider und sang in der Nähe so laut ich vermochte den Jagdruf, welchen er von mir kennt. Als ich am zweiten Tag wiederkam, war der Baum geleert. Seitdem schrie ich dort öfter mein Lied, und als sein Urteil verkündet war, weilte ich in der Nähe, bis er selbst kam. Aber freudenlos wurde das Wiedersehen, seine Wangen waren fahl und wortkarg die Rede. Und als ich mich erbot, ihn zu begleiten, wies er das kurz ab und sprach: ›In der Halle der Götter hause ich, für einen, der im Sonnenlicht wandelt, ist dort kein Raum. Kehre nicht wieder, Wolfram, denn friedlos wird jeder, der sich dem Ausgestoßenen zuwendet.‹«

»Nannte er meinen Namen?« unterbrach ihn Walburg.

»Er fragte nicht einmal nach seinen Rossen«, versetzte Wolfram. Die Jungfrau senkte traurig ihr Haupt. »Nur von den Sorben sagte er mir etwas, woraus ich erkannte, daß er ganz verstört ist. Rotes Tuch forderte er für den Weißbart und daß ich darum eins unserer Rosse auf den Markt führen sollte, es sei gelobte Schuld.«

»Hast du nach seinem Gebot getan?« fragte Walburg.

»Das Tuch habe ich eingetauscht, aber die Gabe dem alten Diebe zu gewähren scheint mir ganz töricht und unsinnig, denn seine Speergesellen haben an meinem Herrn treulos gehandelt, und er lebt mit ihnen in tödlicher Fehde.«

»Tue dennoch nach dem Gebot, auch um meinetwillen«, bat Walburg.

»Die Hunde lagern jetzt im Dorfe wie Häuptlinge,« versetzte Wolfram, »ich sah den Alten; als ein Späher schleicht er einher, und nichts Gutes bedeutet seine Ankunft. Möge dies der letzte Gewinn sein, den er im Sacke heimträgt. – Seit jenem Tage erblickte ich meinen Herrn nicht mehr, doch was ich noch in dem Baume barg, wurde fast immer abgeholt. Gestern aber fand ich ein Stück Rinde in der Höhlung und auf der inneren Seite das Bild eines Rosses geritzt. Morgen denke ich ihm sein bestes Pferd hinzuführen und dazu noch eins für einen anderen, damit er nicht allein reitet.«

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