Gustav Freytag - Die Ahnen
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»Als ein kluger Mann, der für sein Wohl sorgt, hat Herr Asulf gesprochen«, rief Albold. »Und wir alle wissen, daß er von edlem Geschlecht ist. Aber ich meine doch nicht, daß er ein Vorrecht haben darf über allen Landgenossen, und daß er allein vor anderen eine Kirche hegen darf und einen geschorenen Mann, der für ihn fleht. Auch ich biete einen Acker hier ganz in deiner Nähe, denn nicht geringer ist mein Besitz als der seine, und ich hoffe, daß dem Heiligen im Himmel auch die Gabe, welche wir anderen zutragen, ehrenwert erscheinen wird.«
»Ich will dasselbe«, riefen zwei oder drei Stimmen, und die Angebote von Kirchenland folgten rasch aufeinander.
»Was ihr dem Herrn darbringt,« sprach Winfried auf den Stufen des Altars, »gleich Königskindern, welche um die Gnade des königlichen Vaters werben, das empfange ich im Namen des Himmelsherrn, damit es euch und eurem Geschlecht zur Ehre und zum Heile sei; tretet heran und bestätigt eure Gabe kniend vor seinem Angesicht zu meiner Hand in Gegenwart des Grafen und der Gemeinde, damit alles fest werde durch euer Gelöbnis.«
Die Männer knieten vor dem Altar und gelobten.
Bis dahin hatten die Heiden abseits gestanden und höhnisch über die bereitwilligen Spender von Ackerland gelacht. Als aber noch ein dritter Brief aus Rom verlesen wurde an das ganze Volk der Thüringe, der auch sie anging, da fühlten sie doch als eine Ehre, daß der große Bischof in Rom so zutraulich zu ihnen sprach wie zu guten Bekannten, und die wohlmeinende Anrede bändigte den Ausbruch ihres Grolles.
Von dem Grafenbanner schritten die Christen, durch Winfried und die Priester geführt, in langem Zuge zu dem Altar, der unter Baumesschatten erhoben war. Der Gottesdienst begann. Die Heiden wichen zurück und hörten aus der Ferne Gebet und feierlichen Gesang der Priester. Dann trat Winfried auf die Stufen des Altars und sprach zu der Gemeinde von der Botschaft des Heils: daß der große Himmelskönig seinen Sohn gesandt habe auf die Männererde, um alle zu erlösen von Übel und Sünde, und durch die heilige Taufe und ihr Gelöbnis zu binden in eine große Gefolgeschaft, damit sie hier Glück und Heil fänden und nach dem Leben im Christenhimmel wohnen könnten als selige Bankgenossen des Himmelsherrn. Und er kündete die hohen Gebote, denen jeder Christ nachleben soll, damit der Herr ihn als seinen treuen Mann beachte. Die Stimme des Predigers klang mächtig und drang tief in die Seelen, auch die Heiden lauschten mit zugeneigtem Ohr. Nie hatten die Männer so sinnvolle Rede über Himmel und Erde vernommen, welche aus einer bewegten Menschenbrust tönte, und herzerschütternd deuchte ihnen die Kraft der Worte. Als er geendet hatte und die Christen alle niederknieten, damit er sie segne, war es still unter den Heiden, und kein Hohnwort und Gelächter tönte widerwärtig in die feierliche Handlung. Auch der Wildeste scheute die Gegenwart der Edlen und vielleicht noch mehr die Reisigen des Grafen, welche zu Roß mit ihren Speeren in weitem Ringe um den Baum hielten.
Nach dem Gottesdienst drängten sich die christlichen Häuptlinge und das Volk ehrfürchtig nahe an Winfried, sie suchten ein freundliches Wort von ihm zu gewinnen, seine Hand zu fassen oder doch einen Zipfel seines Gewandes zu berühren, er aber sprach zu den einzelnen wie ein Fürst zu seinen Getreuen, hörte ihre Bitten und wußte jedem durch Rede und tröstlichen Spruch wohlzutun. Herr Gerold wünschte ihm Glück: »Alles ist dir heut wohl gelungen. Ich selbst hoffe Gutes von deiner Ankunft, denn williger werden sie mir jetzt den Zins zahlen, wenn du mahnst, und ich vertraue, sobald du ihnen die Waffen segnest, mögen sie auch den Slawen stärkere Hiebe geben als ehedem.« Dann sahen die Leute mit Erstaunen, daß sogar die stolze Frau Berswind sich zu der Hand des Bischofs herabneigte, als sie leise zu ihm sprach: »Ehrwürdiger Vater, wenn ich recht berichtet bin, steht in den heiligen Büchern geschrieben, daß die verlobten Männer alle Wendenfrauen, welche sie mit ihrem Speer gewinnen oder auch kaufen, von ihrem Lager fernhalten sollen. Das aber tun viele in diesem Lande und anderswo gar nicht, denn sie liebkosen auch gefangene Weiber und schenken ihnen wohl gar silberne Nadeln und Ringe. Dies ist das größte Leidwesen und Ärgernis, und ich flehe, daß du auch den Gerold deshalb eindringlich mahnst.« Das versprach ihr Winfried ernsthaft.
Und wieder ein Häuptling begann: »Gern wüßten wir deine Meinung, Herr, über die Opfermahle der Heiden, damit wir uns halten wie Christen gebührt; denn lustig ist der Opferschmaus auf grünem Rasen, und ungern würde ihn mancher missen. Ich aber esse nie von dem Roßfleisch, wenn ich nicht vorher ein Kreuz über den Teller geschlagen habe, damit die Heidenspeise dem Christengott nicht widerwärtig sei, ich hoffe, das gefällt auch dir.« Und der Häuptling Wilari, welcher in dem römischen Briefe genannt war, rührte den Bischof an und sprach vertraulich: »Ich bin nicht der Mann, der einem anderen seine Ehre beneidet, zumal, wenn er sie selbst auch genießt; aber was den Helden Gundhari betrifft, so war uns allen wunderlich, daß er in dem Brief des römischen Papa genannt war. Denn sonst hat er oft am Opferstein gestanden und ist mit den anderen im Osterreigen gesprungen. Aber damals, wo er widerstand, war er unwirsch wegen des starken Metes, den er geschöpft hatte, und als ihn die Nachbarn anfaßten um ihn fortzuziehen, wurde er ärgerlich, zog sein Schwert und verschwor sich, daß er jedem feind sein werde, der ihn von seinem Sitze treibe. Ob er das aus Treue gegen den Christenglauben tat, das magst du selbst ermessen, denn er fing gleich darauf an ärgerlich zu singen, schlug gewaltsam auf den Tisch und schlief ein.«
»Widerstand er einst im Rausche, in Zukunft tut er es auch wohl nüchtern«, tröstete Winfried und wandte sich zu dem Grafen. »In der Ferne erkannte ich den Thüring Ingram zum Rabenhofe, vor Tagen entsandte ich ihn zu dem Sorben Ratiz, geraubte Weiber und Kinder durch das Gut meines Herrn zu lösen. Mir wird schreckhaft, daß er zurückgekehrt ist und sich fernhält, gefällt dir‘s, so laß ihn rufen, daß er Bericht gebe.«
»Der Mann hat guten Leumund, wie ich vernehme«, antwortete der Graf. »Kommt er von den Sorben, so wird auch anderen als euch Christen wertvoll, seine Botschaft zu hören.« Und er gebot dem Rufer: »Lade die Häuptlinge und Alten zum Ringe in den Hof der Frau Hildegard und fordere den Ingram, daß er vor dem Bischof erscheine.«
Im Zuge geleiteten die Herren den Bischof nach dem Meierhofe. Kurz darauf wurde Ingram in den gedrängten Kreis geführt, welcher sich am Herd versammelt hatte. Seine Wange war bleich und düster seine Miene, als er unter die Ersten seines Volkes trat, stumm grüßte er die Versammlung und mied das Auge des Bischofs, aber der Graf wies schweigend mit der Hand auf Winfried. »Wo ist Gottfried, wo sind die Kinder, Ingram?« rief dieser in einer Bewegung, die er nicht zu beherrschen vermochte.
»Ich weiß es nicht«, versetzte Ingram kurz.
»Und du stehst doch unversehrt vor mir«, rief ihm der Bischof entgegen.
»Dein Bote hat die Frauen und Kinder durch dein Silber erledigt, alles ist ihm bei Ratiz gelungen. Vor fünf Tagen zogen sie in der Frühe aus dem Lager des Ratiz, Wolfram, mein Mann, begleitete sie bis in die Nähe des Sorbenbaches; ihre Spur fand ich den Tag darauf diesseits des schwarzen Wassers, sie selbst habe ich nicht gefunden.«
Winfried wandte sich ab und rang heftig, seinen Zorn und Schmerz in demütiger Ergebung zu bändigen. Aber hart war sein Antlitz, als er sich wieder zu Ingram wandte. »Oft habe ich gehört, daß es einem Krieger wohl anstehe, seinem Reisegesellen in Gefahr an der Seite zu bleiben.«
»Nicht ich habe deinen Boten als Gesellen gesucht, du selbst trugst mir ihn an. Ihn führte sein Gott, mich das Geschick, das mir die Götter meines Volkes fügten.«
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