Gustav Freytag - Die Ahnen

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In solcher Weise zogen die Wanderer drei Tage langsam durch den Bergwald, der Regen rann auf sie nieder, und der Wind trocknete ihnen die durchnäßten Kleider. Zuweilen hielten sie in den Tälern an Höfen ihrer Landsleute, dort trafen sie entweder wilde Gesellen, die durch den Kampf mit dem Walde gehärtet waren, oder ärmliche Siedler, welche über den rauhen Ackerboden klagten und auch den Reisenden das Herz schwer machten. Am vierten Morgen zogen sie bei dem hölzernen Turmgerüst vorüber, welches an der Landesmark der Thüringe gezimmert war; erstaunt sah der Wächter, der im Hofe daneben wohnte und sonst wenig um reisende Haufen zu sorgen hatte, auf die Fahrenden; diese aber riefen ihm laute Grüße zu, denn er war, obgleich nur ein einsamer Waldmann, der letzte ihres Volkes. Von da durchfuhren sie eine Stunde die Grenzwildnis; unfruchtbare Kieshöhen mit knorrigen Kiefern, wo niemals ein Siedler einen Hof gebaut hatte und selten der Schlag einer Axt erklungen war, denn unheimlich lag der Strich, und schädliche Geister fuhren, wie man sagte, die Grenze entlang, weil sie ausgeschlossen waren von dem Boden, den gute Volksgötter für die seßhaften Männer behüteten. Aber jenseit des Kieferwaldes sahen die Siedler von der Höhe freudig in ein weites Tal, das mit ansehnlichen Hügeln und dichtem Laubwald eingefaßt war. Dort zog sich in gewundenem Lauf der Idisbach durch die Wiesen, und am Fuß der Anhöhen lagen Höfe und geteiltes Ackerland. Lustig schien die Sonne über das helle Grün und das sprossende Laub, die Rosse schnoben, als sie die frische Talluft witterten, und die Rinder brüllten der Weide entgegen, die Wanderer aber hoben die Arme flehend zu der Göttin auf, welche über dem Tal waltete und die Leben der Männer wohl zu behüten vermochte, wenn sie ihr lieb wurden.

Ein reisiger Mann sprengte den Wanderern entgegen und wirbelte schon von weitem grüßend seinen Speer in der Luft, ihm jauchzten die Ansiedler zu, da sie ihren Landgenossen Wolf erkannten; auch die Frauen drängten sich an sein Roß, und die Kinder streckten die kleinen Hände aus den Wagen. »Heil sei euch, liebe Landsleute,« rief Wolf, »vollbracht ist die Fahrt. Lagert an den Höfen, denn auf jenem Hügel harren die Weisen des Gaues am Opferstein, den Bund festzumachen, damit ihr rechtlich werdet im Volke und eure Landlose gewinnet.« Da rührten sich alle mit neuem Eifer und zogen auf trockenem Rasenweg zu Tale.

Und Baldhard begann vertraulich zu Wolf, der neben ihm ritt: »Von der Königsburg der Thüringe fuhrt ihr bei Nacht und Nebel an unserem Hofe vorüber wie unmenschliche Gestalten der Finsternis. Damals war kaum Zeit, dir die Hand zu drücken und die Tage unserer Reise zu bereden. Seitdem haben wir nichts von euch gehört und gesehen, ich hatte große Sorge um euer Geschick und mußte doch vor den anderen meine Zweifel verbergen.«

Wolf lachte. »Die Vandalen verstehen die Kunst, sich unsichtbar zu machen, und ich meine, vor allen anderen stammt Berthar, der Held, von dem Geschlecht der Waldelbe, denn er tummelt sich unter dem wilden Farnkraut so heimisch wie wir im Dorfe, auch wenn er als ein Fremder durchreitet. Sogar ihre Rosse legen sich im Waldversteck nieder wie lauernde Hündlein. Wir sind ganz ungesehen über die Grenze gestoben und in dies Land gedrungen. Hier fanden wir guten Empfang, dein Vater hatte vorsorglich alles bereitet. Mein Herr Ingo waltet jetzt hier als Häuptling, und die Bauern der Marvinge werden, wie ich merke, seiner froh. Die Leute hier aber wirst du als altväterisch und ehrbar erkennen. Sie trinken ihr Bier noch aus dicken Näpfen von Eichenholz, welche wahrhaftig schwer zu heben sind, doch der Trank ist rühmlich. Wir aber haben seither wenig Muße gehabt, ein Teil von uns schanzt mit Hammer und Axt auf den Bergen, und andere sind dem Herrn nach Süden über den Main gefolgt zu den Burgunden. Heut kommt ihr zu guter Stunde, denn der Häuptling, dem ihr euch geloben wollt, ist gerade jetzt zurückgekehrt. Fürst Ingo erwartet euch beim Volksopfer.«

»Siehst du den Helden Berthar,« versetzte Baldhard, »so gib ihm dies von Frida, meiner Schwester, sie befahl mir‘s ernstlich, es sei für ihn im Herrenhofe gewunden.« Und er legte einen Knäuel in die Hand des anderen.

Von der Lagerstatt schritten die Thüringe einem Berge zu, der sein rundes Haupt über die anderen Höhen erhob. Vor dem letzten Anstieg hielt Ingo mit seinem Gefolge zu Roß, die Vandalen sprangen ab, als die Siedler nahten, und riefen ihnen frohen Gruß zu. Auch die Thüringe wurden mutig, da sie den Helden vor sich sahen, dem sie einst in ihrer Heimat Gastrecht gegeben hatten und der ihnen jetzt ein guter Führer in der Gefahr und ein gerechter Richter sein konnte. Ingo führte die Scharen den Berg hinauf zum Opferstein, wo die Männer des Tales dichtgedrängt standen, vor ihnen Marvalk, der Greis, ihr Opfermann. In drei Haufen sonderten sich die Opferer am Stein, dreimal drei Stiere wurden den guten Göttern an den Stein geführt, drei für jedes Volk. Über den Opferkessel banden sich die Männer zu einem Bunde und gelobten, den Helden Ingo als Häuptling zu ehren. Darauf wurde im Baumschatten das Opfermahl gerüstet, und allen erschien als ein gutes Angebinde, als der Häuptling sich erhob und seinem Volk verkündete, daß der alte Streit um die Landesmark mit den Burgunden verglichen sei.

Von dem Opfermahl ritt Ingo mit Berthar talab einer anderen Höhe zu, auf welcher die Vandalen ihr Heimwesen schanzten. Auf dem Wege sprach er fröhlich: »So haben wir uns mit zwei Königen vertragen und mögen hier wohl gedeihen, wenn die Götter uns gnädig bleiben. Deinem Kriegszug mit den Burgunden danke ich, daß es mir bei König Gundomar gelang; er grollt jetzt dem Übermut der Römer und wird, wie ich hoffe, in der nächsten Zeit Frieden halten.«

»Unterdes bauen wir uns hier fest zwischen den Steinen,« lachte Berthar, »und nach wenig Jahren soll es auch einem großen Volkskönig schwer werden, uns die neuen Sitze zu brechen. Sieh dort, mein König, die Stätte deines eigenen Hofes.«

Von einer waldbewachsenen Bergleite ragte ein steiler Felsenhügel wie eine Bergnase über das Tal des Idisbaches, von der Höhe dahinter durch eine Einbuchtung geschieden. Der Berg hob sich stolz aus dem grünen Tal, auf seinem Gipfel trug er alte Eichbäume als den einzigen Laubschmuck. Denn an den Seiten des Berges waren die Stämme gefällt und über der halben Höhe mit Felsgestein und Erde zu dichtem Verhau geschichtet, davor ein Graben gezogen, der so weit von dem Gipfel entfernt war, daß keine Wurfwaffe zur Höhe hinaufreichte. Klug hatte der Alte die Rinnsale des Wassers und kleine Schluchten benutzt, um gesicherte Wege von dem Gipfel zum Ringwall zu führen, damit am Tage des Kampfes die Belagerten auf und ab eilen konnten, ohne daß der Feind aus der Tiefe sie traf; den verschanzten Abhang aber hatte er so geböscht, daß von dem beherrschenden Gipfel Steine und Wurfspeere freie Bahn niederwärts fanden. Da, wo der Burghügel sich an die Bergleite schloß, war der Graben tiefer, der Wall höher. Auf dieser Seite sprang ein starker Quell unter einem Felshaupt hervor, innerhalb des äußeren Walls, nicht sehr weit vom Gipfel des Berges. Dort hatten die zimmernden Männer den Baumschatten bewahrt, damit der Zugang zum Quell schattig und sicher sei. Aber auch der Gipfel des Hügels war geebnet und längs seinem Rande ein zweiter Wall aus Steinen und Stammholz geschichtet. Er umschloß die Eichen und einen Raum, der groß genug war, um in der Not Herdenvieh, Weiber und Kinder der Siedler einzufassen. Da, wo der steile Reitweg vom Tale durch den Ringwall zur Burg führte, sperrte ein Tor und ein Holzturm für den Wächter den Zugang. Auf der höchsten Stelle des Gipfels inmitten zwischen den Bäumen zimmerten die Mannen Ingos aus großen Balken die Halle des Königs; daneben bezeichneten Stäbe im Boden die Stellen, wo die Wohnung der Mannen, der Stall für Rosse und Rinder und die Vorratsräume erbaut werden sollten. Damit aber dem König in der Bauzeit das Gemach nicht fehle, war ihm in dem Wipfel der höchsten Eiche ein Baumhaus errichtet. Zwischen die starken Äste hatten die Knaben wagerechte Balken gefügt, darüber Dielen genagelt, die inneren Eichenzweige abgehauen oder nach außen gezogen, den freien Raum im Laube mit Bohlen so umschlagen, daß zwei Stockwerke übereinander im Wipfel standen. Am Stamm lief die schmale Treppe hinauf, jedes der beiden Gemächer war nach unten durch eine Falltür geschlossen.

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