Wilhelm Hauff - Lichtenstein

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Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte.
Dieser erste bedeutende historische Roman der deutschen Literatur erschien 1826, in der Biedermeierzeit, und handelt vor allem von der Herrschaft des Herzogs Ulrich von Württemberg, die Hauff nicht ohne romantische Verklärung beschreibt. Der historische Roman ist schon als Gattung, von Walter Scott herkommend, konservativ ausgerichtet; darin trifft er sich mit der Restaurationszeit.

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»Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?« rief Georg, indem er freier atmete und seinen Mantel zurecht richtete, um den Ritter nach Würde zu empfangen.

»Bleibt, bleibt«, sagte jener und drückte ihn sanft auf sein Lager nieder; »ich setze mich zu Euch auf das Bett und wir plaudern noch ein Halbstündchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr und in Ulm schläft noch niemand als dieser Sprudelkopf, dem man zur Abkühlung heute nacht recht hart gebettet hat.« Er faßte Georgs Hand und setzte sich zu seinen Füßen auf das Bett.

»Oh, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen«, sprach Georg, »stehe ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen zurückstößt, und was Ihr gütig für ihn angesponnen, mit rauher Hand zerreißt?«

»Nein, mein junger Freund!« antwortete der freundliche Mann, »du stehst vor meinen Augen als der echte Sohn deines Vaters; geradeso schnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluß und Rede war er; daß er ein Ehrenmann dabei war, weiß ich wohl; aber ich weiß auch, wie unglücklich ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er für Festigkeit ausgab, machten.«

»Aber saget selbst, edler Herr!« entgegnete Georg, »konnte ich heute anders handeln? Hatte mich nicht der Truchseß aufs Äußerste gebracht?«

»Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art dieses Mannes beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab. Auch hättest du denken können, daß Leute genug da waren, die dir kein Unrecht geschehen ließen. Du aber schüttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg.«

»Das Alter soll kälter machen«, erwiderte der junge Mann »aber in der Jugend hat man heißes Blut; ich kann alles ertragen, Härte und Strenge, wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott, Hohn über das Unglück meines Hauses kann mich zum wütenden Wolf machen. Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so zu quälen?«

»Auf diese Art äußert sich immer sein Zorn«, belehrte ihn Frondsberg; »je kälter und schärfer er aber von außen ist, desto heißer kocht in ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken kam, dich nach Tübingen zu senden, teils weil er sonst keinen wußte, teils auch um dir das Unrecht, das er dir angetan, wiedergutzumachen. Denn in seinem Sinne war diese Sendung höchst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch deine Weigerung gekränkt und vor dem Kriegsrat beschämt.«

»Wie?« rief Georg; »der Truchseß hat mich vorgeschlagen? So kam also jene Sendung nicht von Euch?«

»Nein«, gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lächeln zur Antwort; »nein! ich habe ihm sogar mit aller Mühe abgeraten, dich zu senden, aber es half nichts, denn die wahren Gründe konnte ich ihm doch nicht sagen. Ich wußte, ehe du eintratst, daß du dich weigern würdest, dies Amt anzunehmen. – Nun reiße doch die Augen nicht so auf, als wolltest du mir durch das lederne Koller ins Herz hineinschauen. Ich weiß allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!«

Georg schlug verwirrt die Augen nieder. »So kamen Euch die Gründe nicht genügend vor, die ich angab?« sagte er; »was wolle Ihr denn so Geheimnisvolles von mir wissen?«

»Geheimnisvoll? nun so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn merke für die Zukunft: wenn man nicht verraten sein will, so muß man weder bei Abendtänzen sich gebärden wie einer, der von Sankt Veits Tanz befallen ist, noch nachmittags um drei Uhr zu schönen Mädchen gehen. Ja, mein Sohn! ich weiß allerlei«, setzte er hinzu, indem er lächelnd mit dem Finger drohte, »ich weiß auch, daß dieses ungestüme Herz gut württembergisch ist.«

Georg errötete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht auszuhalten. »Württembergisch?« entgegnete er, indem er sich mit Mühe gefaßt hatte, »da tut Ihr mir unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen zu wollen, heißt noch nicht sich an den Feind anschließen; gewiß ich schwöre Euch –«

»Schwöre nicht«, fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort, »ein Eid ist ein leichtes Wort, aber es ist doch eine drückend schwere Kette, die man bricht oder von der man zerbrochen wird. Was du tun wirst, das wird so sein, daß es sich mit deiner Ehre verträgt. Nur eines mußt du dem Bunde an Eidesstatt geloben, und dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in den nächsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kämpfen.«

»So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?« sprach Georg bewegt; »das hätte ich nicht gedacht! und wie unnötig ist dieser Schwur! Für wen, und mit wem sollte ich denn auf jener Seite kämpfen? Die Schweizer sind abgezogen, das Landvolk hat sich zerstreut, die Ritterschaft liegt in den Festungen und wird sich hüten, den nächsten besten, der vom Bundesheer herüberläuft, in ihre Mauern aufzunehmen, der Herzog selbst ist enflohen –«

»Entflohen?« rief Frondsberg aus, »entflohen? das weiß man noch nicht so gewiß; warum hätte der Truchseß dann die Reiter ausgeschickt?« setzte er hinzu; »und überhaupt, wo hast du diese Nachrichten alle her? Hast du den Kriegsrat belauscht? oder sollte es wahr sein, was einige behaupten wollen, daß du verdächtige Verbindungen nach Württemberg hinüber unterhältst?«

»Wer wagt dies zu behaupten?« rief Georg erblassend.

Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den Zügen des jungen Mannes. »Höre, du bist mir zu jung und ehrlich zu einem Bubenstücke«, sagte er, »und wenn du etwas solches im Schilde führtest, hättest du dich wohl nicht vom Bunde losgesagt, sondern auch ferner Württembergs Spion gemacht.«

»Wie? spricht man so von mir?« unterbrach ihn Georg; »wenn Ihr nur ein Fünkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der so von mir spricht!«

»Nur nicht gleich wieder so aufbrausend«, entgegnete Frondsberg und drückte die Hand des jungen Mannes; »du kannst denken, daß, wenn ein solches Wort öffentlich gesprochen würde, oder ich an diese Einflüsterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu dir käme. Aber etwas muß denn doch an der Sache sein. Zu dem alten Lichtenstein kam öfters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns geheime Winke, daß dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer Botschafter aus Württemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der Bauer und sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit dir gesprochen haben, auch wurde er in deinem Haus gesehen. Wie verhält sich nun diese Sache?«

Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. »So wahr ein Gott über mir ist«, sagte er, als Frondsberg geendet hatte, »ich bin unschuldig. Heute frühe kam ein Bauer zu mir und –«

»Nun, warum verstummst du auf einmal«, fragte Frondsberg, »du glühst ja über und über, was ist es denn mit diesem Boten?«

»Ach! ich schäme mich, es auszusprechen, und dennoch habt Ihr ja schon alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von – meinem Liebchen!« Der junge Mann öffnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen Streifen von Pergament hervor, den er dort verborgen hatte. »Seht, dies ist alles, was er brachte«, sagte er, indem er es Frondsberg bot.

»Das ist also alles?« lachte dieser, nachdem er gelesen hatte; »armer Junge! und du kennst also diesen Mann nicht näher? Du weißt nicht, wer er ist?«

»Nein, er ist auch weiter nichts, als unser Liebesbote, dafür wollte ich stehen!«

»Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften soll; weißt du denn nicht, daß es der gefährlichste Mann ist? es ist der Pfeifer von Hardt.«

»Der Pfeifer von Hardt?« fragte Georg, »zum erstenmal höre ich diesen Namen; und was ist es dann, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?«

»Das weiß niemand recht, er war im Aufstand vom Armen Konrad einer der schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er begnadigt; seit der Zeit führt er ein unstetes Leben, und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs von Württemberg.«

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