Alexandre Dumas der Ältere - Der Frauenkrieg

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Zitternd vor Freude band Biscarros eine weiße Schürze um seine Hüften, steckte die sechs Louisd’or ein, drückte Courtauvaux die Hand und eilte dem Piqueur nach, der ihn im schnellsten Laufe nach dem kleinen Hause führte.

Diesmal bebte Nanon nicht: die Versicherung von Francinette hatte sie vollkommen beruhigt; sie fühlte sogar das lebhafteste Verlangen, mit Biscarros zu sprechen. Er wurde daher, sobald er ankam, eingeführt.

Biscarros trat, seine Schürze artig in den Gürtel zurückgeschlagen und die Mütze in der Hand, ein.

»Ihr habt gestern einen jungen Edelmann bei Euch gehabt,« sagte Nanon, »den Herrn Baron von Canolles, nicht wahr!«

»Was ist aus ihm geworden?« fragte der Herzog.

Sehr in Unruhe, denn der Piqueur und die sechs Louisd’or ließen ihn ahnen, daß eine große Person unter dem Schlafrock verborgen war, antwortete Biscarros Anfangs ausweichend:

»Gnädiger Herr, er ist abgereist.«

»Abgereist,« sagte der Herzog, »wirklich abgereist.«

»Wirklich abgereist.«

»Wohin ist er gegangen?« fragte Nanon.

»Das kann ich nicht sagen, denn in Wahrheit, ich weist es nicht, Madame.«

»Ihr wißt wenigstens, welchen Weg er eingeschlagen hat?«

»Den Weg nach Paris.«

»Um wie viel Uhr hat er diesen Weg eingeschlagen?« fragte der Herzog.

»Gegen Mitternacht.«

»Und ohne etwas zu sagen?« fragte schüchtern Nanon.

»Ohne etwas zu sagen; er hat nur einen Brief zurückgelassen, mit dem Befehl, ihn an Mademoiselle Francinette zu übergeben.«

»Und warum habt Ihr den Brief nicht abgegeben, Schuft?« sagte der Herzog. »Ist das Eure Achtung vor dem Befehle eines Edelmannes?«

»Ich habe ihn übergeben gnädiger Herr.«

»Francinette!« rief der Herzog.

Francinette, welche horchte, machte nur einen Sprung von dem Vorzimmer in das Schlafzimmer.

»Warum hast Du den Brief Deiner Gebieterin nicht übergeben, den Herr von Canolles für sie zurückließ?« fragte der Herzog.

»Aber Monseigneur . . .« murmelte die Kammerfrau ganz erschrocken.

»Monseigneur,« dachte Biscarros, sich in die entfernteste Ecke des Zimmers kauernd; »Monseigneur . . . das ist ein verkleideter Prinz.«

»Ich habe ihn nicht verlangt,« sprach Nanon ganz bleich.

»Gib,« sagte der Herzog und streckte die Hand aus.

Die arme Francinette reichte ihm langsam den Brief dar während sie ihrer Gebieterin einen Blick zuwandte, mit dem sie sagen wollte:

»Ihr seht, daß es nicht mein Fehler ist; dieser Dummkopf, von einem Biscarros hat Alles verdorben.«

Ein doppelter Blitz schoß aus dem Augapfel von Nanon und erdolchte ihn gleichsam in seiner Ecke.

Der Unglückliche schwitzte große Tropfen und hätte gern die Louisd’or gegeben, die er in seiner Tasche hatte, wäre er, den Stiel einer Casserole in der Hand, vor seinem Herde gestanden.

Während dieser Zeit nahm der Herzog den Brief, öffnete ihn und las. So lange er las, stand Nanon kälter und bleicher als eine Bildsäule da und fühlte kein Leben mehr in ihrem Herzen.

»Was bedeutet dieses verwirrte Geschreibsel?« sagte der Herzog.

Nanon begriff nach diesen paar Worten, daß der Brief sie nicht gefährdete, und erwiederte:

»Lest laut und ich kann es Euch vielleicht erklären.«

»Teure Nanon,« las der Herzog.

Und nach diesen Worten wandte er sieh nach der jungen Frau um, welche, sich immer mehr beruhigend, seinen Blick mit bewunderungswürdiger Keckheit aushielt.

»Teure Nanon,« fuhr der Herzog fort, »ich benütze den Urlaub, den ich Euch zu verdanken habe, und mache zu meiner Zerstreuung einen kleinen Galopp auf der Straße nach Paris. Auf Wiedersehen; ich empfehle Euch mein Glück.«

»Oh! er ist ein Narr, dieser Canolles!«

»Ein Narr! Warum?« fragte Nanon.

»Reist man so ohne allen Grund um Mitternacht ab?«

»In der That,« sagte Nanon mit sich selbst sprechend.

»Sprecht, erklärt mir diese Abreise!«

»Ei mein Gott! Monseigneur,« erwiederte Nanon mit einem reizenden Lächeln, »nichts ist leichter.«

»Sie nennt ihn auch Monseigneur!« murmelte Biscarros. »Offenbar ein Prinz.«

»Sprecht, sprecht!«

»Wie, Ihr wißt nicht, um was es sich handelt?«

»Nicht entfernt.«

»Wohl, Canolles ist siebenundzwanzig Jahre alt; er ist jung, schön, sorglos. Welcher Thorheit glaubt Ihr, daß er den Vorzug gönnt? der Liebe. Er wird an dem Gasthause des Meister Biscarros eine hübsche Reisende haben vorüberkommen sehen, und ist ihr dann wahrscheinlich gefolgt.«

»Verliebt! Ihr glaubt?« rief der Herzog, lächelnd bei dem ganz natürlichen Gedanken, daß Canolles, wenn er in irgend eine Reisende verliebt wäre, nicht in Nanon verliebt sein könnte.

»Ganz gewiß verliebt. Nicht wahr, Meister Biscarros?« sagte Nanon, entzückt, als sie sah, daß der Herzog ihren Gedanken annahm. »Antwortet offenherzig: habe ich nicht richtig errathen?«

Biscarros dachte, der Augenblick wäre gekommen, die Gunst der jungen Frau wieder zu gewinnen, und antwortet, während er auf seinen Lippen ein Lächeln von vier Zoll in der Weite hinstreifen ließ:

»In der That, die gnädige Frau könnte Recht haben.«

Nanon machte einen Schritt gegen den Wirth und sprach unwillkürlich zitternd:

»Nicht wahr?«

»Ich denke wohl,« antwortete Biscarros mit schlauer Miene.

»Ihr denkt?«

»Ja, wartet nur; in der Thai, Ihr öffnet mir die Augen.«

»Ah! Erzählt uns das, Meister Biscarros,« versetzte Nanon, welche sich dem ersten Verdachte der Eifersucht hinzugeben anfing; »sagt, wer sind die reisenden Frauen, welche in dieser Nacht in Eurem Gasthause angehalten haben?«

»Ja, sprecht,« sagte der Herzog, seine Seine ausstreckend und sich mit den Ellbogen auf die Lehnen seines Stuhles stützend.

»Es sind keine reisende Frauen angekommen,« antwortete Biscarros,

Nanon athmete.

»Sondern nur,« fuhr der Wirth fort, ohne zu vermuthen, daß jedes von seinen Worten das Herz von Nanon hüpfen machte, »sondern nur ein blonder, zierlicher, kleiner Edelmann, der nicht aß, nicht trank und Furcht hatte, sich bei Nacht auf den Weg zu begeben. Ein Edelmann, welcher Furcht hatte,« fügte Biscarros mit einer kleinen Kopfbewegung voll Schlauheit bei: »Ihr begreift, nicht wahr?«

»Ah! Ah! Ah!« rief voll Heiterkeit der Herzog, geradezu in die Angel beißend.

Nanon erwiederte sein Lachen mit einer Art den Zähneknirschen.

»Fahrt fort,« sagte sie, »das ist reizend. Ohne Zweifel erwartete der junge Edelmann Herrn von Canolles?«

»Nein, nein, er erwartete zum Abendbrod einen großen Herrn mit einem Schnurrbart und hat sogar Herrn von Canolles etwas angefahren, als er mit ihm zu Nacht speisen wollte; aber der wackere Edelmann ließ sich durch eine solche Kleinigkeit nicht aus der Fassung bringen. Das ist ein unternehmender Kamerad, wie es scheint, und nach der Abreise den Grafen, der rechts abgegangen war, eilte er dem Kleinen nach, welcher sich nach Links gewendet hatte.

Als Biscarros nach dein Schlusse seiner Rede das frohe Gesicht des Herzogs wahrnahm, glaubte er in eine Tonleiter, so furchtbaren Lachens ausbrechen zu dürfen, daß die Fensterscheiben zitterten.

Völlig beruhigt, hätte der Herzog Biscarros umarmt, wäre er auch nur im Geringsten Edelmann gewesen. Nanon hörte bleich, ein krampfhaftes, eisiges Lächeln auf den Lippen, jeden Wort, das von dem Mund des Wirthes fiel, mit dem verzehrenden Glauben, welcher die Eifersüchtigen antreibt, in langen Zügen und bis auf die Hefe den Trank zu trinken, der sie tödtet.

»Aber was bringt Euch auf den Glauben,« sprach sie, »dieser kleine Edelmann sei eine Frau, Herr von Canolles sei verliebt in diese, und er laufe nicht aus Langweile und Laune auf der Landstraße umher.«

»Was mich auf diesen Glauben bringt?« antwortete Biscarros, dem daran lag, die Ueberzeugung im Innern seiner Zuhörer festzustellen; »ich will es Euch sagen.«

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