Ein Trost allerdings entschädigte ihn für die Enttäuschung. Das fahrende Volk, mit dem er seiner Pläne wegen in Fühlung getreten war, blieb ihm treu und verbrachte einen guten Teil des Tages und auch der Nacht in seinem Kaffeehause. In einem den bürgerlichen Gästen abgekehrten Hinterzimmer versammelten sich von nun an die jungen Künstler der Stadt, deutsche und tschechische Literaten mit dem gemischten Gefolge, das dazugehörte. Herr Bumberlik brachte allen eine an Liebe grenzende Sympathie entgegen. Er sorgte dafür, daß sein Geschäftsführer alle die Literaturblättchen abonnierte, wo die Essays und Gedichte seiner Gäste gedruckt wurden, er subskribierte alle Zeitschriften, die auf Büttenpapier mit gerissenen Rändern erschienen. Für die Genießlinge und Ästheten hatte er eine umfangreiche erotische Bibliothek in Gewahrsam, niedliche Obszönitäten, die er außer den Stammgästen nur jenen in diskreter Weise präsentierte, die mit Betonung »Kunstsachen« verlangten. Aber auch materielle Bedürfnisse fanden an ihm einen Helfer und Freund. Er gewährte Kredit, war nachsichtig gegen Schuldner. Oft machte er sich einzig und allein mit der Freude darüber bezahlt, daß man in Prag das Café Portugal ein Künstlerkaffeehaus nannte.
* * *
Fräulein Muck aus Bischofteinitz war heute die erste in der Ecke, in der sich von sechs Uhr abends an die jungen Genies zu treffen pflegten. Sie hielt die Stielbrille vor die kurzsichtigen Augen und las im »Brenner«. Die Lektüre strengte sie an und ihr beständig fieberisch gerötetes Gesicht wurde noch um einen Schatten dunkler. Sie las mit einem gewissermaßen devoten Pflichtgefühl. Hatte nicht Karl Kraus den »Brenner« die einzige unabhängige Zeitschrift in Deutschland und Österreich genannt?
Der borstige Bart Sturmfensters tauchte im Türrahmen auf und seine schlotternde Gestalt kam unentschlossen näher. Er saß viel lieber draußen in dem großen Salon und sah sich durch die Glasscheiben die Leute auf der Straße an. Aber es war wieder einmal kein Plätzchen mehr zu haben.
Guten Tag! – grüßte er und zog einen Sessel zum Tisch.
Fräulein Muck nickte zerstreut. Dieser Prolet mit den ungepflegten Nägeln war ihr zuwider. Es war ihr unbegreiflich, wieso die anderen seinen Verkehr suchen konnten. Ein plumpes, kulturloses Tier, ohne geistige Prägung.
Ein hysterischer Frosch, – räsonierte Sturmfenster – der die Literatur für seine Gebärmutterkrisen verantwortlich macht. – –
Klirrend stieß er das winzige Geschirr beiseite, aus dem Fräulein Muck den auf türkische Art bereiteten Mokka getrunken hatte und warf einen haßgrünen Blick auf die vor ihr aufgetürmten schöngeistigen Journale.
Ein Krügel Pilsner und die »Fliegenden Blätter« – bestellte er schallend und schneuzte geräuschvoll.
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