Komplikationen, ihre Zeiten und Dauer
Die Lunge ist das Organ, das am stärksten von COVID-19 betroffen ist, da das Virus über das angiotensin-konvertierende Enzym 2 (ACE2) die Wirtszellen angreift, die am häufigsten in den die Blut-Luft-Schranke mitbildenden Alveolarzellen des Typs II der Lunge vorkommt (deshalb kann es zu Atemproblemen kommen). Das Virus verwendet ein spezielles Oberflächenglykoprotein, genannt „Spike“, um sich mit ACE2 zu verbinden und in die Wirtszelle einzudringen. 124Die Dichte bzw. Anzahl von ACE2 in jedem Gewebe korreliert mit der Schwere der Krankheit in diesem Gewebe. Forscher haben deshalb vorgeschlagen, dass abnehmende ACE2-Aktivität schützend sein könnte. 125 , 126Eine andere Ansicht ist, dass die Erhöhung von ACE2 mit Angiotensin II Rezeptor-Blocker-Medikamente schützend sein könnte und dass diese Hypothesen überprüft werden müsse. 127Mit fortschreitender Alveolarkrankheit kann sich Ateminsuffizienz entwickeln und der Tod folgen. 128Das Robert-Koch-Institut berichtet über die zeitlichen Vorgänge 129: Die Zeit vom Beginn der Krankheit bis zur Lungenentzündung betrug vier Tage (2 bis 7 Tage), 130die Zeit bis zum Krankenhausaufenthalt durchschnittliche sieben Tage (4 bis 8 Tage). Eine andere Studie berichtete von 4,5 Tagen (2 bis 7 Tage) 131für leichte Krankheiten und 5 Tagen (4 bis 6,8 Tage) für schwere Verläufe. Von Krankheitsbegin bis zum akuten Lungenversagen (ARDS) waren es durchschnittliche acht Tage (6 bis 12 Tage) und in einer anderen Publikation 9 Tage (7 bis 11 Tage). 132Bis zur Behandlung auf der Intensivstation dauerte es 10 Tage (6 bis 12 Tage). Vom Krankenhausaufenthalt bis zur Aufnahme auf eine Intensivstation wird ein Tag (0‒3 Tage) 133angegeben. Die Dauer des Krankenhausaufenthalts betrug 7 bis 14 Tage. Der Bericht der „WHO-China Joint Mission on Coronavirus Disease 2019“ besagt, dass milde Fälle einen durchschnittlichen (medianen) Krankheitsverlauf von zwei Wochen und schwere Fälle von 3 bis 6 Wochen haben. 134
Das deutsche Robert-Koch-Institut stellt sinngemäß fest 135: Der Anteil der stationären Kranken vermittelt in der Regel einen Eindruck vom Anteil der Patienten, die einen Krankheitsverlauf hatten, der so schwer war, dass eine stationäre Behandlung veranlasst werden musste. Jedoch scheint der Anteil innerhalb Hubeis deutlich höher zu sein mit etwa 20 bis 25% als für ganz China (2-6%). 136 , 137 , 138Bezüglich des Anteils der auf der Intensivstation behandelten Krankenhauspatienten gibt es keine verlässlichen Informationen. In einer chinesischen Fallreihe erhielten 26 % intensive medizinische Behandlung und in einer anderen waren es 23 %. Außerhalb von Hubei hingegen wurde ein Anteil von 2 % auf der Intensivstation behandelt. 139Der Prozentsatz, der zur Schonung und Erholung der Lunge invasiv mit extrakorporaler Membranoxygenierung (Lungenersatztherapie), also über ein System, das technisch einer Herz-Lungen-Maschine nahekommt und das über Kanülen in zwei große Blutgefäße eingebracht wird (ECMO), therapiert werden musste, auch wenn es keine zuverlässigen Informationen darüber gibt, ist in einer chinesischen Fallserie mit 24 % (4 Patienten mit ECMO / 17 invasiv beatmete Patienten; vgl. Zahlen 140) angegeben. Andere berichten von 43 % (3 Patienten mit ECMO von 7 invasiv beatmeten Patienten) 141oder 6 % (2 Patienten mit ECMO von 32 invasiv beatmeten Patienten) 142.
Asymptomatische oder präsymptomatische Ausscheidung und Übertragung
Autoren wiesen auf das Risiko des Virus durch nicht-beschwerdefreie Patienten in frühen Stadien der Infektion hin. 143Messungen in Sekreten der Nasenhöhle führen zu einer ähnlich hohen Viruslast zwischen schmerzfreien und symptomatischen Infizierten. 144Basierend auf Untersuchungen bei Patienten mit sehr milden Verläufen kamen die Forscher der Virologie der Berliner Charité und des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr zum Schluss, dass auch dort eine hohe Fähigkeit zur Infektion gegeben ist. 145Das Robert-Koch-Institut berichtet in diesem Zusammenhang über Einzelfälle, in denen Betroffene sich bei infizierten Personen ansteckt haben dürften, die noch keine oder keine spezifischen Symptome gezeigt hatten, wies sogenannten asymptomatischen Ausscheidung jedoch eine schwache Beweislage zu: Es wurde eine asymptomatische Ausscheidung bei einer Person beschrieben, deren Ausscheidung ähnlich hoch war wie bei 17 symptomatischen Patienten. 146
Eine asymptomatische Person aus Wuhan infizierte möglicherweise fünf weitere Familienmitglieder (asymptomatische Übertragung). 147Denkbar wäre im beschriebenen Zusammenhang aber auch eine Übertragung durch eine unbekannte andere Person auf alle Familienmitglieder. 148
Es ist nicht bekannt, ob eine durchgemachte Infektion eine effektive und langfristige Immunität bei Menschen ermöglicht. 149Eine Immunität ist durchaus wahrscheinlich mit Blick auf die Erfahrung mit anderen Coronaviren. 150Es wird aber von Fällen berichtet, die nach Erholung von COVID-19 positive Tests, also den Nachweis von Coronaviren, zu einem späteren Zeitpunkt zeigten. 151 , 152Es ist unklar, ob diese Fälle das Ergebnis eines Neuinfektionsgeschens, Rückfalls oder Testfehlers sind.
Es wurden Bedenken hinsichtlich der langfristigen Folgen der Krankheit geäußert. Die Hong Kong Hospital Authority stellte bei einigen Menschen, die sich von der Krankheit erholten, einen Rückgang der Lungenkapazität um 20 bis 30 % fest, und Lungenscans deuteten auf Organschäden hin. 153
Die Zahl der durch Überwachungssysteme erfassten Erkrankten ist aufgrund der verwendeten Falldefinitionen immer dem Risiko einer mehr oder weniger starken Verzerrung ausgesetzt. In jedem Erhebungssystem besteht die Notwendigkeit, Personen auf der Grundlage bestimmter Merkmale (symptomatisch; Labortests) zu behandeln. Somit wird jeweils nur eine Teilmenge aufgezeichnet. Die tatsächliche Zahl der Erkrankten muss daher häufig geschätzt werden. 154
Zum Anteil der Infizierten, die tatsächlich erkranken, gibt es keine zuverlässigen Daten, weil die tatsächliche Anzahl der Infizierten und die tatsächliche Anzahl der Fälle unbekannt sind. Serologische Untersuchungen wären notwendig, um die tatsächliche Zahl der Infizierten zu ermitteln. Eine erste kleine Studie aus Japan ergibt einen Wert von 58 %. 155 ,145
Bei aller Vorsicht und Ungewissheit könnten drei Studien zur Schätzung der Unterberichterstattung herangezogen werden: Eine Studie, die noch auf Daten vom Januar 2020 beruhte, schätzte den Anteil der infizierten Menschen in Chinas Überwachungssystem auf 5 % 156, eine zweite Studie schätzt die Anteil bei 9,2 %. 157Somit wäre die Zahl der Infizierten um den Faktor 20 oder 11 größer. 145Eine dritte Studie baut auf der Tatsache auf, dass 1.916 Menschen am 2. Februar 2020 genesen waren, jedoch 17 Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. 158Das entspricht einem Anteil von rund einem Prozent. Daraus schlussfolgerten die Autoren, dass etwa 110.000 (95 %; 40.000 bis 310.000) Menschen in Wuhan infiziert sein dürften. Zum Vergleich: Die WHO gab am 2. Februar insgesamt 14.411 Fälle in China an. 159Wenn der oben genannte Faktor 20 160oder 11 161und ein Manifestationsindex von 58 % richtig sein sollten, wäre eine geschätzte Zahl von etwa 168.000 Personen oder 92.000 Personen zu diesem Zeitpunkt krank gewesen. Nach den drei Schätzungen wären somit 22 % (Faktor 4,5), 16 % (Faktor 6,3) und 9 % (Faktor 11,1) der Patienten durch das Überwachungssystem abgedeckt worden. Sollte sich die Krankheit in Deutschland weiter ausbreiten, würde die Zahl der COVID-19-Fälle mit Arztbesuch durch Modellierung von Daten aus Daten der Influenza geschätzt. 162
Die Schwere der diagnostizierten COVID19-Fälle in China 163 , 164
Zähigkeit und Inaktivierung auf Oberflächen
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